Ausgabe: 04 / 2000
Seite: 130
Kleben und knicken - Kunst für die Ewigkeit
Von
Sponsoring I
Chris Ofili nutzt Elefantenkötel. Aber was nützen ihm die Elefanten? Eine Vernissage haben die ihm noch nie gesponsert. Hans Haacke plant im Reichstag eine umstrittene Rabatte aus Wahlkreiserde. Aber macht sich vielleicht die Berliner Kleingärtnerlobby für das Kunstwerk stark?
Da muss schon ein Produzent von Klebenotizzetteln kommen und den Künstlern zeigen, wie die richtige Materialwahl ihren Marktwert steigert.
Die Künstlerin Melynda Schwier-Gierard knickt die kleinen Zettel, weil die zum Erinnern da sind und weil die Knickerei sie an früher erinnert, als sie noch am Fließband einer Fischfabrik stand. 6500 Klebenotizzettel knickt sie für ein mittelgroßes Werk, das dann gar nicht mehr nach Klebenotizzetteln aussieht.
Nun hat der Werbemann der Klebenotizzettelfirma Journalisten in eine ihrer Ausstellungen eingeladen, damit die Künstlerin so berühmt wird wie Michelangelo - und die Klebenotizzettel auch. "Das ist Kunst für die Ewigkeit!", ruft er. Die Künstlerin hält dagegen, sie möge die Klebenotizzettel, gerade weil die irgendwann auseinander fallen. "Mir geht es um den Prozess der Handarbeit, nicht um das Produkt", erklärt sie milde, "aber für all die kostenlosen Klebenotizzettel bin ich Ihnen natürlich sehr dankbar." Der Klebenotizzettelwerber drängt: "Sie sind die Zukunft der Klebenotizzettelkunst!" Viele große teure Klebenotizzettelbilder soll die Künstlerin verkaufen. Er wird ihr schon zeigen, wie sich aus Klebenotizzetteln Gold knicken lässt.
Die Künstlerin winkt ab. Sie hat schon neue Pläne: Kunst aus Briefmarkenbogenrahmen. Ein Postbeamter überlässt ihr die Briefmarkenbogenrahmen. Umsonst. Und selbstlos. Wie die Elefanten Ofili ihre Kötel.
