Ausgabe: 03 / 2000
Seite: 46-51
Aktionskunst zwischen Dada und Eulenspiegelei
Von Ulrich Clewing
Mit hintergründigen, pfiffigen und bisweilen poetischen Eingriffen in den Alltag narrt das Berliner Duo p.t.t.red die Sehgewohnheiten des Publikums
Der Wanderer konnte kaum glauben, was er sah. Keine 200 Meter Luftlinie entfernt, tummelten sich an diesem nebligen Morgen des 15. Juli 1993 zwei ausgewachsene Bären am gegenüberliegenden Berghang. Die Nachricht, dass im Nationalpark Berchtesgadener Land Braunbären gesichtet worden seien, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Zeitungen, Radiostationen und das Fernsehen berichteten von einer Sensation, der Bund Naturschutz jubelte. Bald waren sich die Experten einig, dass die Raubtiere aus Slowenien über die Steiermark nach Bayern eingewandert sein mussten. Doch die Bären waren keine Bären. Die Aktion war eine Fälschung. Eine Maskerade, erdacht und in lebensecht wirkenden Bärenkostümen aufgeführt vom Berliner Künstlerduo "Paint the town red", kurz: "p.t.t.red".
Szenenwechsel. New York, 25. Juni 1996: Die Tagestouristen hatten Liberty Island mit der letzten Fähre verlassen. Während das Wachpersonal im Inneren der Freiheitsstatue wie gewöhnlich nach dem Rechten sah, geschah draußen Unvorstellbares: Irgendjemand hatte sich die Mühe gemacht, jeden der 56 im Boden eingelassenen Richtscheinwerfer mit hitzebeständiger Folie zu verhüllen - nun erstrahlte die Ikone amerikanischen Selbstbewusstseins eine denkwürdige Nacht lang nicht in weißem Licht, sondern in grellem Rot.
Seit 14 Jahren arbeiten der Bayer Hans Winkler und der gebürtige Bochumer Stefan Micheel zusammen. Die Kunstprojekte der beiden 44-Jährigen sind eine Mischung aus Dada und Happening, Land Art und Eulenspiegelei. Es sind subtile Eingriffe in den Alltag, subversive Spiele mit den Erwartungen und Gewohnheiten der Betrachter. Diese Kunst hat die Grenzen der Galerie- und Ausstellungsräume weit hinter sich gelassen. "Unsere Galerie", sagt Stefan Micheel, "ist die ganze Stadt."
Früher sind die beiden nächtelang mit dem Motorrad durch Berlin gefahren auf der Suche nach Plätzen, die sich für ihre Interventionen eigneten. ""Paint the town red` ist ein idiomatischer Ausdruck aus dem Amerikanischen und bedeutet soviel wie "einen draufmachen`, "die Stadt auf den Kopf stellen`", erläutert Micheel - aber manchmal sind ihre Eingriffe geradezu zart fühlend: Kurz nach dem Fall der Mauer etwa wechselte das Duo an einer Fußgängerampel an der Neuen Nationalgalerie in Berlin einfach die gläsernen Schablonen aus - statt der üblichen West-Symbole leuchtete plötzlich das ostdeutsche Ampelmännchen, ein wenig gedrungener, ein wenig gemütlicher. Wer es überhaupt bemerkt hat, mag geschmunzelt oder den Kopf geschüttelt haben: Geht das wirklich so schnell und so leise mit der Vereinigung von Ost und West?
Dann wieder benutzen die Künstler die ganze Stadt als Ausgangsmaterial für ein Gesamtkunstwerk. Beim Projekt "Rotverschiebung", 1990 ebenfalls in Berlin realisiert, installierten sie an zwölf Hausdächern rote Blitzlampen, die eine Verbindungslinie zwischen den beiden am höchsten aufragenden Bauwerken in Ost- und in Westberlin zogen, dem Fernsehturm am Alexanderplatz und dem Schäferturm im westlichen Bezirk Zehlendorf. Als Linie war die Lichterkette freilich nur von einem einzigen Punkt aus zu erkennen, dem gut 200 Meter hoch gelegenen Restaurant im Fernsehturm. "So haben wir eine neue imaginäre Topografie der Stadt hergestellt", sagt Micheel, und Winkler führt aus: "Es lag uns daran, einen künstlichen Raum zu schaffen, und auf einmal hatten wir eine ganz andere Wirklichkeit etabliert."
Bei den Projekten von p.t.t.red gehen Sein und Schein nahtlos ineinander über. Oft ist es schwer zu sagen, wo die Wirklichkeit endet und die Einbildung beginnt - doch beschwören die Künstler, kein Interesse an "konzeptuellen Spielchen" zu haben, sondern ihre Ideen immer auch in die Tat umsetzen zu wollen. Museen und Galerien tun sich schwer mit solchen Aktionen. Was bleibt, sind meist nur Fotodokumentationen. Von deren Verkauf lässt es sich schlecht leben. Früher haben sich Winkler und Micheel mit Jobs über Wasser halten müssen. Heute genießen sie einen gewissen Ruhm in der Szene - und damit auch bei so manchem Mitglied einer Jury oder einer Kommission zur Vergabe eines Stipendiums oder einer Projektförderung.
Die eigentliche Arbeit von p.t.t.red lebt fort in der Erinnerung - und bisweilen ist Erinnerung auch ihr Thema. 1997 etwa, als die Künstler vom Kulturamt der Stadt Langenhagen bei Hannover eingeladen wurden, an der Projektreihe "Kunst in städtischen Situationen" teilzunehmen: Bei ihren Vorbereitungen für die Aktion "Außerparlamentarische Situation" waren sie darauf gestoßen, dass die seinerzeit als Terroristin gesuchte Ulrike Meinhof 1972 in Langenhagen verhaftet worden war. Offiziell hieß es, die Anführerin der Baader-Meinhof-Bande habe sich damals nur wenige Stunden in Langenhagen aufgehalten. Winkler und Micheel fanden jedoch heraus, dass sie mehrere Monate dort gelebt hatte und lange vor ihrer Verhaftung von der örtlichen Polizei überwacht worden war. Sie sprachen mit Nachbarn und drangen immer tiefer ein in eine Vergangenheit, die alle Beteiligten selbst am liebsten aus ihrem Gedächtnis gestrichen hätten.
Die Künstler beschlossen, die 1976 im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim umgekommene Terroristin wieder zum Leben zu erwecken. Überall in der Stadt ließen sie Plakate kleben, die ankündigten, dass Ulrike Meinhof am "28. Februar 1997 um 20 Uhr" auf dem Marktplatz in Langenhagen erscheinen würde, um "über ihre Verhaftung zu sprechen". Ein Podium wurde aufgebaut, eine Lautsprecheranlage installiert. Als es so weit war, strömten die Langenhagener zum Marktplatz und warteten auf das, was nicht geschehen konnte. Ein buntes Völkchen war da zusammengekommen, vom jugendlichen R.A.F.-Sympathisanten bis zu den Polizisten, die vor 25 Jahren die Verhaftung vorgenommen hatten. Natürlich blieb das Rednerpult leer, doch im Publikum entzündeten sich heftige Diskussionen über die Totgeschwiegene.
Dabei hatten Winkler und Micheel anfangs keineswegs beabsichtigt, eine politische Aktion zu starten. "Unsere Projekte nehmen häufig eine Eigendynamik an, die wir nicht vorhersehen können", erklärt Winkler. "Wir stoßen bei unseren künstlerischen Aktionen an Grenzen. Und wenn man diese Grenzen auslotet, dann erreicht man zwangsläufig politische Dimensionen." Das muss man aushalten können. Die Stadtverwaltung von Langenhagen jedenfalls hatte danach genug von alledem. Sie drehte dem Kulturamt den Geldhahn zu - wobei der Vollständigkeit halber angemerkt sei, dass die Kunstprojekte im öffentlichen Raum schon zuvor erheblichen Unmut ausgelöst hatten.
Auch in ihrer Aktion "Der Berg und die Maschine" provozierten sie das verbreitete Bedürfnis nach Sicherheit und Ordung. Im Oktober 1989 fuhren Winkler und Micheel mit der Seilbahn auf die Zugspitze, kletterten von der Aussichtsplattform auf den Gipfel und meißelten ganz oben einige Zentimeter Stein aus dem Fels: Deutschlands höchster Berg war kleiner geworden. Die Brocken trugen Winkler und Micheel nach Berlin, wo sie in einer Betonmischmaschine, die in ihrer damaligen Selbsthilfegalerie im Schaufenster stand, langsam aber sicher zermahlen wurden. Das Echo darauf war ziemlich gespalten: Die einen empörten sich und sahen in der verqueren Aktion einen Angriff auf Allgemeingut, wenn nicht gar die Schändung eines nationalen Symbols; Naturschützer dagegen blieben gutmütig und verstanden die Sache als gelungenen Protest gegen drohende Umweltzerstörung.
Manchmal aber liegt jede Provokation den Künstlern fern. Dann sind ihre Ideen von einer geradezu atemberaubenden Poesie: Im Juni 1991 reisten Micheel und Winkler nach Barrow in Alaska. Dort, an einem der nördlichsten Punkte des amerikanischen Kontinents, brachen sie auf an den Rand des Packeises, schlugen ein Loch hinein und ließen ein magnetisch aufgeladenes Metall-Schiffchen hinab.
Vor der Aktion hatten sich die Künstler bei den Wissenschaftlern des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven schlau gemacht und sich über den Verlauf der zirkularen Eisdrift im arktischen Polarmeer informiert. Bald nachdem das Schiffchen zu Wasser gelassen war, schloss sich das Eisloch wieder - und seither trägt das Eis die "Argo inkognito", vom Magnetismus der Erdsenkrechten angezogen, jenseits aller gängigen Vorstellungen von Zeit, unendlich langsam in immer enger werdenden Bahnen zum Nordpol. "Manchmal", sagt Micheel, "fühlen wir uns fast wie Schamanen."
Literatur zum Thema: Vier Kataloge mit Info-Blättern zu den einzelnen Aktionen sind zum Preis von je 20 Mark direkt bei p.t.t.red, Naunynstraße 64, 10997 Berlin zu beziehen. Internet: www.art-magazin.de
Bildunterschrift: Das Alpenidyll im Berliner Museum für Naturkunde trügt: Dem Matterhorn stahlen Stefan Micheel (links) und Hans Winkler ein paar Gipfel-Zentimeter (Foto: Dirk Reinartz) / Ein eisernes Schiffchen driftet zum Nordpol: die Aktion "Argo inkognito" (1991) in Alaska. Unten: die rot leuchtende Freiheitsstatue in New York (1996) / In Island und auf der Insel Stromboli ließen p.t.t.red Bleilote in Vulkankrater sinken. Irgendwann sollen sie sich am Mittelpunkt der Erde treffen / Die Experten sprachen von einer Sensation - Die Aktion täuschte nicht nur ahnungslose Bergwanderer: Als Bären verkleidet, tummelten sich Winkler und Micheel 1993 im Nationalpark Berchtesgadener Land - und selbst Fachleute waren überzeugt, dass die seltenen Tiere aus Slowenien eingewandert sein mussten / Hammerschläge gegen ein nationales Symbol: 1989 schlugen p.t.t.red Felsbrocken aus dem Gipfel der Zugspitze / um sie dann in ihrer Berliner Galerie klein zu mahlen / Die Westberliner stutzten: Ampelmännchen aus der ehemaligen DDR (1991) / Der rote Mann kommt aus dem Osten - Absurde Warnung: Wildwechsel-Verkehrsschild am Rudolfplatz in Köln (1993) /
