Ausgabe: 02 / 2000
Seite: 10-21

Chris Ofili - Maler und Mythenspieler

Von Silke Mller

Er spickt seine Bilder mit Klumpen aus Elefantendung und huldigt mit zart getüpfelten Ornamenten den Göttern der Gegenwart: Der einstige Messdiener aus Manchester, 31, provoziert Skandale - und erfährt höchste Ehren

Chris Ofili ist ein freundlicher und ausgeglichener Mensch. Er malt farbenfrohe und ornamentreiche Bilder, die Museen und Sammler in aller Welt schätzen. 1998 hat er dafür den angesehenen englischen Turner-Preis erhalten. Für seine Gemälde benutzt der 31-Jährige ein ungewöhnliches Material, mit dem er seit 1992 auf verschiedenen Ebenen experimentiert. Fachleute loben ihn dafür. Der Rest der Welt flippt aus: Elefantenmist.

Irgendetwas muss dran sein an diesen strohdurchsetzten, grünbraunen Köteln - etwas, das Menschen unterschiedlicher Herkunft und Bildung hochgehen lässt wie Raketen. Dabei sind Exkremente im Zusammenhang mit Kunst nichts Neues: Von afrikanischer Stammeskunst bis hin zum italienischen Konzeptkünstler Piero Manzoni dient das profane Material mal aus praktischen, mal aus provokativen Gründen dem heiligen Zweck. Doch irgendwie hat Ofili das Pech - oder vielleicht auch Glück - dass seine Werke immer wieder Tumulte provozieren. Als Ofili 1998 den mit 20000 Pfund (rund 62000 Mark) dotierten Turner-Preis überreicht bekam, kippte ein empörter Kriegsbuch-Illustrator eine Ladung Kuhfladen auf die Stufen der Londoner Tate Gallery. Und als kürzlich Ofilis mit einer Elefantendung-Brust bewehrte "Heilige Jungfrau Maria" im New Yorker Brooklyn Museum ausgestellt wurde, standen sich kurz darauf der Museumsdirektor und der New Yorker Bürgermeister vor Gericht gegenüber. Der Bürgermeister wollte das Institut aus seinem Gebäude jagen, der Museumsdirektor sah das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung bedroht. Das Museum hat gewonnen.

Ofili verfolgt den ganzen Rummel um seine biodynamischen Bildbeigaben eher belustigt; sein einziger Kommentar zu den Vorwürfen, mit seinem Bildnis der Jungfrau beleidige er alle Katholiken: "Ich wollte so etwas wie eine Hip-Hop-Version der Madonna machen."

Treffender lässt sich das Ofili-Projekt eigentlich nicht beschreiben: Der einstige Messdiener aus Manchester schöpft seine Ideen aus den scheinbar gegensätzlichen Feldern Pop-Kultur und Religion und überführt sie in seinen privaten Kosmos. Als in der westlichen Welt aufgewachsener und erzogener Sohn nigerianischer Eltern huldigt Ofili in seinen Bildern den schwarzen Helden der Gegenwart. Durch seine Bilder geistern, aus Magazinen ausgeschnitten, der Bürgerrechtler Malcolm X, die Sportler Michael Jordan, Muhammad Ali und Mike Tyson, berühmte Musiker wie Miles Davis, James Brown und Aretha Franklin oder Rapper wie Notorious B.I.G., Lil'Kim und Snoop Doggy Dogg. Mal schauen nur ihre Augen aus schwarzen Sternen, mal hat der Künstler ihnen eine einheitliche Afro-Perücke auf den Kopf gemalt - so wie bei "Afrodizzia" von 1996: "Das Ding ist eine richtige Afro-Sache", erklärt Ofili. "Du wirst ganz verwirrt von all den schwarzen Köpfen und Haaren - das ist es, worum es in dem Bild geht: eine Art total überladene Verehrung."

Die Arbeiten der vergangenen Jahre sind geprägt vom Gossen-Slang der "Gangsta"-Rapper, deren Plattencover selten ohne die Warnung vor "expliziten Texten" auskommen; Ofili wählt explizite Bildausschnitte: Die Heilige Jungfrau Maria umflattern keineswegs himmlische Heerscharen, wie der Betrachter auf den ersten Blick meinen möchte, sondern weibliche Hinterteile aus Porno-Magazinen. Auf dem Gemälde "Popcorn Tits" von 1996 entfaltet sich ein Feuerwerk aus Farben, gespickt mit Ausschnitten von einzelnen Brüsten. Und übers Bild verteilt, von blütenförmigen Ornamenten umgeben und mit bunten Stecknadelköpfen geschmückt, prangen vier Elefantenkötel.

"Ich dachte darüber nach, wie ich meine europäischen Ideen zur Malerei mit diesen neuen, mehr erdigen, afrikanisierten Ideen und Erfahrungen zusammenbringen könnte", erinnert sich Ofili an seinen ersten Afrika-Besuch 1992. "Und da habe ich einfach ein Stück Dung auf mein Gemälde geworfen. Einfach so. Und ich dachte, hm, da hast du gerade ein richtig gutes Bild ruiniert."

Doch das Material ließ ihn nicht mehr los. Das Londoner Royal College of Art langweilte ihn, er ging an die Berliner Hochschule der Künste, später im Rahmen eines Austausch-Programms nach Simbabwe - da kam ihm das verstörend simple, abwegige Zeugs gerade recht. Mit dem Schwarzen Kontinent konfrontiert und als Kunststudent an einem Wendepunkt angelangt, so erzählt Ofili, "war ich total offen für alles, was sich mir bot".

Überwältigt haben ihn auch die alten Malereien in den Höhlen der Matopos-Berge. Die gelben, roten und blauen Punkte, die sich dort zu einem abstrakten Wandbild verdichten, hat Ofili zu seinem Gestaltungsprinzip erkoren. Seitdem beziehen seine psychedelischen Bildkompositionen einen Teil ihrer hypnotisierenden Kraft aus Tausenden von kleinen Farbpunkten.

Mit den Experimenten der Pointillisten, hat diese Malerei nichts zu tun: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatten sie sich von den Impressionisten abgesetzt, um mit ihrer Technik der Farb-Addition das Auge zu täuschen und einen Eindruck von gleißendem Licht zu erreichen. Ofilis Punkte addieren sich zu Formen - zu Kreisen, Linien, Ornamenten und Flächen, die auf diverse Schichten von Harz, Glitter, Zeitungsausschnitten und Farbe aufgetupft werden. Durch das Überlagern von mehreren Kompositionen entsteht ein Sog in das Bild hinein, das voller optischer Sensationen steckt - manche wirken nur auf Distanz, manche sind nur aus nächster Nähe zu erkennen.

Der Dung brachte ein Störelement in diesen bunten, glitzernden Rausch. "Meine Idee war, ein Bild zu machen, das unglaublich schön ist, um dann ein Stück Elefantenmist dranzustecken, das so auf dem Bild steht, als sei es ganz notwendig dort. Das kommt aus meinem Interesse für Popmusik", erläutert Ofili seine Arbeit. "Die trägt auch Elemente in sich, die scheinbar nichts mit ihr zu tun haben - etwa wenn bei einem Track vom Wu-Tang Clan ein Stück klassische Musik auftaucht."

Fasziniert von der Schneeball-Verkaufsaktion des afroamerikanischen Künstlers David Hammons, den Ofili zu seinen Vorbildern zählt, startete er 1993 einen Elefantendung-Verkauf als Performance, zunächst in Berlin auf der Straße des 17. Juni, später in der Brick Lane in London - es war eher ein Versuch, sich über dieses kuriose Material klarzuwerden. "Es ist da, aber es gehört hier nicht hin, und das war genau das, was ich gefühlt habe, als ich in Simbabwe war: Es ist das Land meiner Abstammung, aber ich komme nicht von dort; es ist bekannt-fremd."

Passanten in der Umgebung seines Londoner Ateliers wunderten sich über Aufkleber und Graffiti-Sprüche, die ihnen über Monate hinweg "Elephant Shit" entgegenbrüllten. Und im englischen Kunstmagazin "frieze" erscheinen zwischen den Galerieannoncen Anzeigen, die "Elefantenscheiße" anpriesen. Ofili formte aus einem Klumpen Elefantenmist - mittlerweile bezieht er ihn aus dem Londoner Zoo - einen kleinen Kopf, steckte ihm seine eigenen Milchzähne an und fügte ein paar Locken von seinem Haar dazu: Der "Shit Head" ist ein beklemmendes, beinahe zynisches Selbstporträt.

Ein tragendes Element blieb der Elefantendung in Ofilis Malerei: Er präsentiert seine Bilder (es sind bislang ausschließlich Hochformate) nicht in Augenhöhe oder darüber an einer Museumswand, sondern stellt sie auf den Boden, gestützt nur von dicken Klumpen aus Elefantendung. "Das hilft mir, sie sozusagen zu erden", erläutert Ofili. "Die Bilder sind schön genug, sie müssen nicht hochgehoben werden wie ein Altarbild." Und je nach Komposition werden Dungbälle als illustrierender Bestandteil des Bildes eingesetzt oder als zusätzliche Ornamente hinzugefügt.

Von den frühen, an Landschaften erinnernden Gemälden Anfang der neunziger Jahre hat sich Ofili über Blumenornamente und üppige, schwirrende Farbklumpen zur Figurenmalerei entwickelt; seither bevölkern eine Reihe eigenartiger Gestalten seinen künstlerischen Kosmos: 1997 zeigte er in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts vier üppige Halbwelt-Damen, deren Vorbildern Ofili im Londoner Rotlichtbezirk King's Cross in der Nähe seines Ateliers begegnet war. Grell und bunt stellen "She", "Blossom", "Rodin" und "Foxy Roxy" ihre Reize zur Schau. Ihnen zur Seite gesellt Ofili einen traurig-komischen Riesenpenis, umrankt von grotesken Porno-Collagen mit den Köpfen schwarzer männlicher Berühmtheiten.

Das Thema Macho war damit noch längst nicht erledigt. Der ultimative - natürlich schwarze - Held seiner Gemälde heißt "Captain Shit" und steht breitbeinig im zitronengelben Fantasiekostüm auf der Leinwand, eine Pose, die auch Andy Warhol schon zu seinem berühmten Porträt des Rock-'n'-Roll-Sängers Elvis Presley inspiriert hat. Ofili bezieht sich auf den Vater der Pop Art, doch neben Warhols "Single Elvis" (1963) stand auch das Gemälde: "Die Anbetung des Kalbes" (1941/42) von Francis Picabia Pate - wie sich Ofili überhaupt in einem komplexen Gefüge aus Zitaten und Hommagen auf Vorbilder aus allen Ebenen der Kultur bezieht: Captain Shit trägt eine Parodie der Bühnenkostüme von Stars der Funk- und Soul-Musik aus den siebziger Jahren und weist Parallelen auf zu Luke Cage, einer der ersten schwarzen Comicfiguren in den USA. Der phosphoreszierende Hintergrund symbolisiert die geheimnisvolle Zauberkraft des Captain, die schwarzen Sterne nennt Ofili die "Backing Singers", eine Art Leibgarde aus zeitgenössischen Stars. "Captain Shit ist eine wichtige Figur für mich", begründet Ofili die häufigen Auftritte des kraftstrotzenden Hünen. "Er macht es mir möglich, anhand eines immer wiederkehrenden Charakters verschiedene Geschichten zu erzählen."

Dann kam der Turner-Preis, die renommierteste Auszeichnung für junge Kunst in Großbritannien. In der Ausstellung 1998 zeigte Ofili sein bislang wohl ergreifendstes Frauenbildnis. Es trägt den Titel "No Woman, No Cry" - nach einem Song des 1981 gestorbenen Reggae-Idols Bob Marley. "Ich wollte ein Bild über Verlust, über ein ganz tiefes Gefühl von Schmerz und Trauer machen", erläutert Ofili. Auslöser war der Tod von Stephen Lawrence, einem jungen Farbigen, der 1993 in London erstochen wurde. Fünf weiße Jugendliche sollen an dem Mord beteiligt gewesen sein. Der Fall ist immer noch nicht abgeschlossen.

Durch die Medien ging lange Zeit das Bild der verzweifelt weinenden Mutter des Toten. Ofili griff das bewegende Motiv auf und malte eine junge Frau, der die Tränen wie ein Sturzbach aus dem Gesicht fallen. In jede einzelne Träne ist ein Bild des Ermordeten eingeklebt. Und nur im Dunkeln ist die fluoreszierende Farbe zu sehen, mit der Ofili seine Trauerbotschaft in das Bild pinselte: "R.I.P., Stephen Lawrence, 1974-1993". Als Glücksbringer an der Halskette der weinenden Mutter baumelt - ein Elefantenkötel.

Für seine jüngste Ausstellung in der Galerie von Gavin Brown in New York setzte Ofili seine Auseinandersetzung mit Hip-Hop-Musik und spirituellen Themen fort: Eine große Leinwand bezieht sich auf das neue Album des Rappers und Produzenten Prince Paul - "A Prince Among Thieves" ("Ein Prinz unter Dieben"). Das Gegenstück huldigt der Rapperin Queen Latifah, "Princess of the Posse" ("Prinzessin der Bande"). Auf dunklen Untergründen aufgebaut erreichen die beiden Bilder die Kraft klassischer Herrscherporträts.

Auch die Arbeit "Monkey Magic - Sex, Money and Drugs", bei der Ofili das Gewand der zentralen Affenfigur in die abstrakte Komposition des Bildes einbindet, gibt populären Mythen magische Kraft: Der Affe scheint mit drei Kugeln Elefantendung zu jonglieren; beschriftet sind sie mit "Sex", "Money" und "Drugs" - Sex, Geld und Drogen.

Mit seinen zahlreichen Bezügen - von der abendländischen Kunstgeschichte bis zum Elefantendung, von der Rap-Musik, Pornografie, Politik und Afro-Kultur der siebziger Jahre bis zur afrikanischen Punkte-Malerei - macht es Ofili seinen Kritikern nicht leicht. Während englische Autoren seine Verbundenheit mit der europäischen Kunst betonen und vor allem seine Auseinandersetzung mit dem mystischen Werk des Zeichners und Kupferstechers William Blake (1757 bis 1827) hervorheben, konzentriert sich die afroamerikanische Kritikerin Coco Fusco besonders auf den Elefantenkot: Ofili benutze ihn als Metapher für den Platz der Schwarzen, schreibt sie in "Nka Journal of Contemporary African Art" (Herausgeber: Okwui Enwezor, Leiter der kommenden documenta in Kassel), und vor allem für seinen eigenen Platz in der Welt der Kunst.

In aktuellen Anthologien zur zeitgenössischen Kunst von Afrikanern und Afroamerikanern nämlich wird der Künstler mit keiner Silbe erwähnt - obwohl in einem Fall sogar ein Bild von ihm das Titelblatt ziert. "Vielleicht halten sie mich nicht für schwarz", meint Ofili belustigt, "nicht für zeitgenössisch, oder sie glauben, ich mache keine Kunst."

Galerien: Contemporary Fine Arts, Berlin; Victoria Miro, London; Gavin Brown's Enterprise, New York.

Das Alter Ego des Künstlers trägt den Namen "Captain Shit" - und vereinigt Comic-Strip und Voodoo-Zauber, die Kostüme der Pop-Musiker, die Züge afrikanischer Masken und Verweise auf die abendländische Kunstgeschichte

Von der heiligen Jungfrau bis zu Malcolm X, von Rap-Musik bis Jazz, von afrikanischer Volkskunst bis zum Klumpen aus Elefantendung: Ofilis Bilder laden zur schwindelerregenden Reise durch die Mythenwelt der Gegenwart

Bildunterschrift: "Ich wollte so etwas wie eine Hip-Hop-Version der Madonna machen": Chris Ofili (Foto: Frank Bauer) / Hommage an die Künstler Andy Warhol und Francis Picabia: "Die Anbetung des Captain Shit und die Legende der Schwarzen Sterne" (244 x 183 cm, 1998) / In jeder Träne ein Bild des Ermordeten: Der gewaltsame Tod eines jungen Farbigen war Anlass für das Porträt "No Woman, No Cry" (244 x 183 cm, 1998) / Sex, Geld und Drogen - die Werte der Zivilisation sind Spielbälle in den Händen des Affen: "Monkey Magic - Sex, Money and Drugs" (244 x 183 cm, 1999) / Votivtafel für die Helden der afroamerikanischen Kultur: das Gemälde "Afrodizzia (2. Version)" (244 x 183 cm) von 1996 / Eine spärlich bekleidete Halbweltdame als Reverenz an den großen Bildhauer: "Rodin Der Denker" (244 x 183 cm, 1997/98) / Das Bild provozierte einen Skandal in New York: "Die heilige Jungfrau Maria" (244 x 183 cm, 1996) / Elefantendung und Milchzähne: Das Selbstporträt "Shit Head" (Durchmesser zirka 15 cm) entstand 1993 / Herrscherporträt einer Rap-Musikerin: Queen Latifah als "Prinzessin der Gruppe" (244 x 183 cm, 1999) /