Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 133
Texte einer Malerin
Von Angelika Kindermann
Maria Lassnig: "Die Feder ist die Schwester des Pinsels". DuMont Buchverlag, Köln. 200 Seiten, 60 Schwarzweiß-Abbildungen. 48 Mark
Da mühen sich seit etlichen Jahren - mehr oder weniger erfolgreich - Kunsthistoriker und Kritiker mit ausgefeilten Texten, die Körpergefühl-Bilder der Maria Lassnig dem Publikum nahe zu bringen. Und dann kommt da ein pfiffiger, international erfolgreicher Ausstellungsmacher namens Hans Ulrich Obrist und hat eine simple, aber gute Idee: Er verzichtet auf alle Expertenäußerungen und fasst statt dessen Tagebuchaufzeichnungen, Gedichte, Gedankensplitter der heute 81-jährigen österreichischen Malerin zu einem Buch zusammen. Das Ergebnis ist ein kleiner, optisch eher unscheinbarer Band, der von der ersten bis zur letzten Seite fesselt und mehr über Kunst und Künstlerin aussagt als mancher dicke Katalog. Denn Maria Lassnig, diese besessene, oft an sich zweifelnde Malerin, vermag mit Worten ebenso treffsicher umzugehen wie mit Farbe und Pinsel. Je nach Gefühlslage und Thema wechseln ihre Texte von impulsiv bis kühl abwägend, sind mal spöttisch, ironisch, mal anrührend, zart.
Gespannt folgt der Leser den zwischen 1943 und 1997 entstandenen Aufzeichnungen; taucht unversehens ein in die Welt der Lassnig, lernt ihren frühen Malhunger kennen, begleitet sie beim "Ergründen" der Farbe, beim Erforschen ihrer Körpergefühle, staunt über ihr intensives Naturerleben. Auch vom Älterwerden und von Enttäuschungen - und von ihrer Einsamkeit erzählt diese faszinierende Frau. "Mein größtes Unglück ist wohl", schreibt sie, "dass ich niemand Kompetenten habe, der mein Werk nach dem Tode betreuen und an den gebührenden Platz setzen kann."
Bildunterschrift: Maria Lassnig vor Selbstporträt (1972) /
