Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 132

Unfrisierte Gedanken

Von Alfred Nemeczek

, Journalist und Kunstkritiker, schreibt über Texte und Zeichnungen des Künstlers Joseph Beuys

Drei Neuerscheinungen aus dem Epizentrum der berufenen Deuter von Joseph Beuys (1921 bis 1986) machen es ihren Lesern nicht leicht. Das eine Buch hat ein problematisches Thema, das zweite laboriert an handwerklichen Schwächen, und das dritte, herausgegeben von der Künstlerwitwe Eva Beuys, weckt auf den ersten Blick falsche Erwartungen, indem es "Texte" von 1941 bis 1986 verspricht.

Denn genau genommen besteht dieser, im Vorwort vom einstigen Beuys-Sekretär Heiner Bastian tiefsinnig beraunte, Prachtband aus edel faksimilierten und exakt transkribierten Autografen aus den Zettelkästen des Universal-Künstlers vom Niederrhein. , nur für Beuys selber bestimmt, spontane Notizen, nach einer Buchlektüre festgehalten auf dem Vorsatzpapier, dazu Schnipsel mit Stichwörtern für Statements zum erweiterten Kunstbegriff. Bisweilen blitzen vertraute Wendungen auf ("Dann ist jeder ein Künstler"), seltener dagegen sind Bekenntnisse zu erhaschen ("Notfalls leben wir auch ohne Herz"), und einmal findet sich ein feierliches Postulat: "Man muss durch das Tor des Todes dieser Plastik."

Texte im gewohnten Sinn sind rar. Acht Briefe des Flieger-Unteroffiziers an die Eltern dokumentieren immerhin, dass sich "Josef" Beuys am 18. Mai 1943 entschlossen hat, "nach dem Kriege den Bildhauerberuf zu erlernen". Ein paar frühe Gedichte, drei ausformulierte Vortragsmanuskripte und ein Zeitungsartikel bieten etwas Lesestoff innnerhalb der vielschichtigen Fülle authentisch überlieferter Fragmente, deren optische Kraft dann doch die anfängliche Scheu vor dieser mit Liebe arrangierten Devotionalie besiegt. Wegweisend wird ein Wort von Beuys: "Auch wenn ich meinen Namen schreibe, zeichne ich."

Am zeichnerischen Genie des Künstlers orientiert sich auch ein abwegiger Einfall des Ausstellungsmachers Tilman Osterwold: "Paul Klee trifft Joseph Beuys". Die Idee wurde durch eine Gegenüberstellung von Werken beider Künstler in einer Ausstellung auf Schloss Moyland erprobt, die Anfang 2002 in Heidelberg wiederholt werden soll. Doch selbst ein intellektueller Eiertanz im Katalogbuch, an dem unter anderen die Experten Dieter Koepplin, Rolf Wedewer und Christa Lichtenstern beteiligt sind, kann nicht verschleiern, was evident ist: Außer künstlerischem Ethos, einigen Anregern und Motiven verbindet den sozialen Plastiker und den Bauhausmaler (1879 bis 1940) kaum mehr als "eine analoge künstlerische Strategie": das "Gekritzel" (Wedewer). Aber auch das nur "partiell".

Schwer begreiflich ist schließlich ein Betriebsunfall, der den Katalog der Ausstellung "Joseph Beuys - "Pflanze, Tier und Mensch`" heimgesucht hat. Die aus dem Bestand des Museums Schloss Moyland stammende Schau läuft bis zum 28. Januar 2001 in Villingen-Schwenningen und soll noch nach Schweden, Spanien und Japan wandern. Zutreffend wird die von Kennern kommentierte und akribisch katalogisierte Auswahl eindrucksvoller Beuys-Zeichnungen vom Katalog-Herausgeber Wendelin Renn als "geheimnisvoll, hauchzart, poetisch" charakterisiert. Mit dem Resultat, dass etliche so flau reproduziert wurden, dass sie kaum zu erkennen sind. Und auf den Referenzabbildungen, die in winzigstem Format den Textteil begleiten, werden die Beuys-Gespinste dann vollends kryptisch: Keine Lupe macht sie sichtbar.

- Eva Beuys (Hrsg.): Joseph Beuys - Das Geheimnis der Knospe zarter Hülle. Texte 1941-1986. Edition Heiner Bastian im Verlag Schirmer/ Mosel, München. 516 Seiten mit 230 Faksimiles in Farbe. 298 Mark

- Stiftung Museum Schloss Moyland, Sammlung van der Grinten, Joseph Beuys Archiv des Landes NRW (Hrsg.), Konzeption Tilman Osterwold: Paul Klee trifft Joseph Beuys. Ein Fetzen Gemeinschaft. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern. 352 Seiten, 145 Abbildungen in Farbe, 171 in Schwarzweiß. 68 Mark

- Wendelin Renn (Hrsg.): Joseph Beuys - "Pflanze, Tier und Mensch". DuMont Buchverlag, Köln. 240 Seiten, 194 Abbildungen in Farbe, 18 in Schwarzweiß. 68 Mark

Bildunterschrift: Beuys: "Emporschwebende mit Rose" (1957) / "Ziege", Beuys-Zeichnung (1957) / "Auch wenn ich meinen Namen schreibe, zeichne ich." Universalkünstler Joseph Beuys /