Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 134-135

Theorie - keinesfalls grau

Von Alfred Nemeczek

Julian Bell: Was ist Malerei? Darstellung und moderne Kunst. Verlag Rogner & Bernhard, Hamburg, bei Zweitausendeins. 272 Seiten mit 16 Abbildungen in Farbe und 142 in Schwarzweiß. 48 Mark

Ein Drittel dieser Studie besteht aus kompetenten Abbildungen, ein weiteres Drittel belebt Kunstgeschichte, und der erhebliche Rest ist Theorie. Dafür, dass auch sie an keiner Stelle grau wirkt, bürgt die hellwache Neugier des britischen Malers Julian Bell, 48, auf die philosophischen Grundlagen, die psychologische Wirkung, die soziale Akzeptanz und die Zukunft seines Metiers. Die öde Erfahrung, dass in Gesprächen mit Malerkollegen stets "Form gegen Farbe, reine Beobachtung gegen reines Gefühl, Darstellung gegen Ausdruck" ausgespielt wurde und der Disput immer irgendwie bei Aristoteles oder Platon endete, reizte Bell zum Nachbohren.

Und so führt sein auch Laien verständlicher Essay vom Bilderverbot der Bibel knapp, systematisch, skeptisch und klug über die Definition des Gemäldes als "Spur" und "Zeichen" zur Auffassung vom Bild als "Fenster" (Giotto) oder als "Wand" (Paul Cezanne). Bei Jackson Pollock ist Malerei dann Relikt einer "Aktion". Nicht was man sieht, ist nunmehr entscheidend, sondern "was der Maler tut".

In der Moderne löst sich eben das Kunstwerk "von allen bestehenden Überlieferungen". In der Postmoderne aber verschwindet es in einem "rhetorischen Tunnel": Die nunmehr autonome Malerei wird kommentarbedürftig, unkommunikativ und hat sich heute, meint der Autor, "als Institution vorläufig überlebt". Doch Bell resigniert nicht. Er hofft auf einen "Neustart" irgendwann - und die anhaltende, intellektuelle Moden überdauernde Lust von Malern und Publikum auf "stimulierende oder vergnügliche Erfahrung" mit Bildern aller Couleur.

Bildunterschrift: Für den Kunsthistoriker Julian Bell ist Malerei eine stimulierende Erfahrung: "Das Gebirgsmassiv Sainte-Victoire" von Paul Cezanne (1902/04) /