Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 129
Der doppelte Bacon
Von Christoph Vitali
, Direktor vom Haus der Kunst in München, schreibt über den englischen Maler Francis Bacon
Die nochmalige Lektüre von Michael Peppiatts großer Francis-Bacon-Biografie war für mich auch das Eintauchen in ein Stück Vergangenheit. Im Jahre 1996 hatten wir vom Musee National d'Art Moderne in Paris die große Retrospektive des nur wenige Jahre zuvor gestorbenen Malers nach München geholt. Ich hatte sie zusammen mit David Sylvester, einem Freund und Weggefährten des Künstlers, im Haus der Kunst gehängt - eine Einrichtung, die mir unvergesslich bleibt: zentrierend um die sechs großen Triptychen im Hauptsaal, die Bacon zum Ende der sechziger und zu Beginn der siebziger Jahre malte und deren Gegenstand stets das Bild seines Freundes George Dyer war. Dyer hatte sich am Vorabend der großen Ausstellung im Grand Palais in Paris im Herbst 1971, der Krönung des Werkes von Bacon überhaupt, umgebracht. Unsere Münchner Schau wurde zu einer Inszenierung, wie sie prachtvoller, aber auch furchterregend-abweisender kaum je gelungen war. Für Münchens bildverliebtes Publikum ein harter, schwer zu verdauender Brocken. Zur Eröffnung brachte Michael Peppiatt, auch er mit Bacon dreißig Jahre lang befreundet, die englische Originalausgabe seines eben erschienenen Buchs über den Maler mit.
Was kann uns die kluge Biografie heute sagen? Sie zerstört in eindringlicher Weise den Mythos vom ausschließlich tragisch, ja apokalyptisch fixierten Künstler. Sie zeigt uns statt dessen über viele Seiten den in die Welt verliebten, sein Leben in vollen Zügen genießenden Francis Bacon, der, als ein brillanter Causeur von Kneipe zu Bar zu Nachtclub in Londons Soho ziehend, eine große Anzahl von Bewunderern an sich fesselte. Danach allerdings, wenn er spät nachts als eleganter Dandy in sein bescheidenes Atelier zurückkehrte und zum Pinsel griff, verwandelte sich der Lebemann und protokollierte Zwänge in großen einsamen Bildern. Diese Doppelexistenz des Künstlers macht Peppiatts Buch in unnachahmlicher Weise deutlich. Es ist in der kunsthistorischen Analyse so nüchtern und präzise, als ginge es um das Werk eines völlig Fremden. Gleichzeitig, und darin liegt seine große Kraft, ist es das eindrückliche Zeugnis eines sympathisierenden Beobachters voller Zuneigung. So liest sich die Biografie über weite Strecken wie ein fesselnder Roman, und es ist ihr eine gute Aufnahme bei den vielen Bacon-Freunden in Deutschland von ganzem Herzen zu wünschen.
Michael Peppiatt: Francis Bacon. Anatomie eines Rätsels. DuMont Buchverlag, Köln. 320 Seiten mit 56 Abbildungen. 98 Mark
Bildunterschrift: "Zwei Studien zu einem Porträt von George Dyer" (1968): Gemälde des Engländers Francis Bacon / Bacon: Maler der Widersprüche /
