Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 110
Pablo Inkasso
Von
Kunstgeschichten fürs Sommerloch
Was für die Boulevardpres se das Ungeheuer von Loch Ness ist, war für den Kunstbetrieb lange Zeit das Bernsteinzimmer: Kaum ein Sommer verging ohne eine Meldung darüber, dass nun aber wirklich und zweifellos und garantiert der Ort entdeckt sei, an dem der mythische Raum versteckt wäre. Nur gefunden hat ihn noch niemand. Deshalb verwundert es kaum, dass langsam aber sicher Pablo Picasso dem berühmten Bernsteinzimmer den Rang als Sommer-und-Winterloch-Thema Nummer eins abläuft.
Seit Monaten nämlich melden die Nachrichtenagenturen in schöner Regelmäßigkeit den Fund von Picasso-Gemälden, die während des Golfkrieges in Kuwait geraubt und dann in der Türkei wieder aufgetaucht sein sollen: ein "Porträt einer jungen Frau" und das einer "Bauersfrau" sind darunter sowie eine "Hässliche Frau" und "Zwei Menschen mit Weingläsern an einem Tisch".
Türkische Experten seien überzeugt von der Echtheit, wird Kulturminister Istemihan Talay zitiert: "Wir glauben, dass eine Art von Organisation diese Bilder in ihren Besitz gebracht hat." Und brav wurden die Meldungen von der "Süddeutschen Zeitung" wie von der "Welt" nachgedruckt, vom "Tagesspiegel" wie von der "taz", die ihren Lesern in einem ausführlichen Beitrag sogar eine Theorie zur Herkunft präsentierte: Kurdische Schmuggler hätten die in Palästen, Museen und Privathäusern geplünderten Bilder im Auftrag irakischer Offiziere in die Türkei gebracht.
Die schöne Geschichte hat nur einen einzigen Haken: Nach Informationen des Bundeskriminalamtes wird in Kuwait bis heute kein einziger Picasso vermisst. "In der letzten Zeit werden aber immer wieder angebliche Kuwait-Bilder angeboten", bestätigt Sachgebietsleiter Karl-Heinz Kind und fügt hinzu: "Sie sind immer zweifelhaft."
Im Klartext bedeutet das: Bei den angeblichen sensationellen Funden handelt es sich in aller Regel um dilettantische Fälschungen mit oft akkurat gepinselten Signaturen, die über ihre angebliche Kuwait-Provenienz am Markt lanciert werden sollen - gern auch mit Hilfe der deutschen Medien.
Bildunterschrift: Kein Picasso: "Hässliche Frau" /
