Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 115
"Schwarzer Diamant" zwischen behäbigen Ziegelbauten
Von
Kopenhagens Königliche Bibliothek
Wagemut und Risikobereit schaft bewiesen die Architekten Morten Schmidt, Bjarne Hammer, John Foldbjerg Lassen und Kim Holst Jensen, als sie sich am international ausgeschriebenen Wettbewerb für die Erweiterung der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen mit einem extrem unangepassten Entwurf beteiligten. Obwohl der Ort des Neubaus an der Wasserseite von Slotsholmen - dem ältesten Stadtviertel der dänischen Metropole - stark geschichtlich geprägt ist, vertraute das siegreiche Architektenteam aus Aarhus auf die belebende Wirkung des scharfen Kontrasts. Sein Vorschlag: ein schnörkelloser, glatter Baukörper mit schrägen Kanten und allseits geneigten Fassaden.
Die kühle Eleganz der raffiniert gekippten Geometrie überzeugte nicht nur die Jury. Auch in der Realität besticht die kompromisslose Härte des schiefen Kubus, dessen polierte Wände aus dunklem Granit im krassen Gegensatz zur unmittelbaren Umgebung stehen. Da sind die behäbigen roten Ziegelbauten des Arsenalmuseums, der Lagerhäuser am Hafen und der 1906 errichteten alten Bibliothek, die nun konfrontiert werden mit diesem aparten "schwarzen Diamanten", wie die Kopenhagener den avantgardistischen Bau inzwischen nennen. Rot und Schwarz signalisieren hier provokativ den Zusammenprall von Vergangenheit und Gegenwart.
Das durchgehend verglaste Eingangsgeschoss hebt den monolithischen Baukörper gleichsam vom Erdboden ab und nimmt ihm so - ungeachtet seiner Masse und des gewaltigen Volumens - die Schwere. Was ihn außerdem zu einer "bella figura" macht, ist die breite gläserne Zäsur in der Mitte der wasserseitigen Fassade, die als riesiges keilförmiges Atrium-Fenster den Panoramablick auf die Hafenfront eröffnet. An der anderen Seite ist der Kubus über Brücken, die eine verkehrsreiche Straße überspannen, mit einem modernisierten und aufgestockten Anhängsel aus den sechziger Jahren sowie mit dem ehrwürdigen Altbau der Bibliothek verbunden. In dem größten dieser vollverglasten Übergänge wurde die zentrale Ausleihe eingerichtet. Ein raumfüllendes Deckenfresko, vom dänischen Malerstar Per Kirkeby als abstraktes Patchwork-Puzzle gestaltet, beschirmt diese transparente "Kommandobrücke" des Hauses.
Da das gesamte Raumprogramm der Erweiterung nicht allein im "schwarzen Diamanten" unterzubringen war, mussten die Architekten noch einen zweigeschossigen Anbau für mehrere literaturwissenschaftliche Institutionen hinzufügen, der - eingezwängt zwischen Hafenkai und Straßenkrümmung - die Form eines Fisches angenommen hat. Drei konische Innenhöfe öffnen den Bauch des mit einer hellen Sandsteinhaut verkleideten Gebäudes zum Wasser hin. Bei schönem Wetter lädt eine großzügige Freitreppe am spitzen Kopf des "Fisches" zur Promenade auf dem Dachdeck ein.
Der ebenerdige Eingang zur Bibliothek am ziemlich zugigen Kierkegaard-Platz wirkt vergleichsweise bescheiden. Auch die niedrige Foyerzone mit Garderoben, Buchhandlung und Cafeteria verrät noch nichts von dem grandiosen Raumerlebnis, das sich daran anschließt. Aber plötzlich bleibt alles Niedrige und Normale hinter einem: Man betritt die riesige, haushohe Atriumhalle, deren gläserne Vorder- und Rückseite mitsamt dem Oberlichtdach für eine überwältigende Helligkeit im oft grau bedeckten Kopenhagen sorgen. Fahrtreppen und Querstege im Atrium befördern die Besucher zunächst auf wellenförmig geschweifte Emporen, die wie Theaterränge die beiden Längsseiten der Halle säumen. Über diese beschwingten Balkone erreicht man die hohen Lesesäle, die hinter Glaswänden völlig lärmgeschützt sind. Hier hat der Benutzer freien Zugriff auf die 200 000 Bände der Präsenzbibliothek. Die Bücher stehen in schlichten Metallregalen an den Rückseiten der lichten Leseräume. Das ergibt angenehm kurze Wege zwischen Mensch und Wissen.
Auch wenn die Bibliothek geschlossen wird, geht das kulturelle Leben im "schwarzen Diamanten" weiter: Ausstellungen, Vorträge und Konzerte in den Räumen und Sälen des Souterrains können unabhängig vom Büchereibetrieb besucht werden.
Bildunterschrift: Lichtdurchflutet: Atriumhalle / Reizvoller Kontrast: ein dunkler Kubus aus poliertem Granit und der "Fisch" aus hellem Sandstein / Panoramablick in den Hafen /
