Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 123

Leni Superstar

Von Stefan Koldehoff

Angelika Taschen (Hrsg.): Leni Riefenstahl - Fünf Leben. Benedikt Taschen Verlag, Köln. 336 Seiten mit 330 Abbildungen. 69,95 Mark / Rainer Rother: Leni Riefenstahl - Die Verführung des Talents. Henschel Verlag, Berlin. 288 Seiten mit 64 Schwarzweiß-Abbildungen. 39,90 Mark

Jahrzehntelang hatte sich die heute 98-jährige Fotografin und Regisseurin, die in Filmen ("Triumph des Willens") und Büchern wie keine Zweite den Nationalsozialismus ästhetisch verklärte, in ihr Haus am Starnberger See zurückgezogen und kaum Interviews gegeben. Im vergangenen Jahr dann war Leni Riefenstahl plötzlich wieder da und betrieb mit Nachdruck ihre eigene Entnazifizierung: Sie besuchte eine ihr gewidmete Ausstellung im Filmmuseum Potsdam, präsentierte in Berlin Olympiafotografien von 1936, sprach mit der "Bunten" ("Leni ist Legende") und mit der "Welt" und war plötzlich Everybody`s Darling. Das Ziel war klar: Nur noch ihre Kunst, nicht mehr deren Einsatz für die Nazis sollte künftig wahrgenommen werden.

In "enger Zusammenarbeit mit ihr", so die Auskunft des Kölner Benedikt Taschen Verlages, ist nun auch die erste Riefenstahl-Werkmonografie erschienen. Schon das Vorwort macht deutlich, dass eine Aufarbeitung ihrer Zusammenarbeit mit den Nazis nicht im Interesse des Bandes liegt. Hier wird gemenschelt ("Bevor wir mit der Arbeit beginnen, werden immer Kaffee und Kuchen serviert."), wo dringend distanzierte Analyse gefragt gewesen wäre. Statt dessen bietet der Verlag umfangreiches Bildmaterial, eine Werkübersicht - und zum Buch noch einen Postkartenblock, ein Tagebuch und einen Wandkalender an.

Wohltuend anders nähert sich Rainer Rother demselben Thema. Statt bei Leni Riefenstahl auf dem Sofa zu sitzen und seinen Ehrgeiz auf die Vollständigkeit der Bebilderung zu verschwenden, wertete der Berliner Filmhistoriker Akten und Dokumente aus. Auf diese Weise gelangt Rother zu einem äußerst differenzierten Bild. Er begreift die Ablehnung, die Leni Riefenstahl nach dem Krieg erfuhr, als Folge ihres willigen Engagements für das Regime. Rother belegt aber auch, dass Riefenstahl zur Projektionsfläche all jener Mitläufer wurde, die durch Distanzierung von ihr die einstige eigene Zustimmung zum Nationalsozialismus verdrängen wollten.

Bildunterschrift: Umstritten: Leni Riefenstahl /