Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 120-122

Glück und Elend der Geliebten

Von Gabriele Henkel

KUNSTBÜCHER: KRITIKEN UND KOLUMNEN ZU DEN WICHTIGSTEN NEUERSCHEINUNGEN AUS MALEREI, FOTOGRAFIE, SKULPTUR UND ARCHITEKTUR / , Autorin, Künstlerin und Professorin für Kommunikationsdesign der Universität Wuppertal schreibt über eine Dora-Maar-Biografie

Als 1997 die Weltpresse meldete, dass Dora Maar, eine der bedeutendsten Frauen im Leben von Pablo Picasso, im 90. Lebensjahr gestorben sei, war sie fast vergessen. Lediglich in den Museen des 20. Jahrhunderts war ihr Name mit zahlreichen Porträts präsent. Erst als vor zwei Jahren in Paris Bilder, Zeichnungen, Fotos und Memorabilien aus ihrem Nachlass versteigert wurden - meist Geschenke von Picasso an seine "Adora" - wurde die Person Dora Maar langsam wieder sichtbar wie ein Foto während der Entwicklung in der Dunkelkammer: eine "skandalöse Schönheit", glühende Augen, ein ebenmäßiges Gesicht, extravagante Hüte, die Fingernägel der schmalen Hände in verschiedenen Farben lackiert.

Dora Maar war als Fotografin bereits ein Star am Firmament des Surrealismus, als sie 1936 Picasso in Paris begegnete. Während über Deutschland die Nacht der totalitären Gewalt längst hereingebrochen war, Künstler und Schriftsteller, soweit es ihnen gelang, das Land verließen, blühte in Paris ein geistiges Leben, das deutschen Nachgeborenen wie ein Märchen scheint: Dichter, Philosophen, Maler und Theaterleute bildeten ein Geflecht von Beziehungen und Freundschaften. Picasso, Cocteau, Eluard, Breton, Man Ray, Prevert, Giacometti, Aragon, Gertrude Stein, Tanguy, Brassai bevölkerten mit ihren Trabanten den Montparnasse und saßen in den Cafes le Dome, de Flore, Aux Deux Magots. Man reiste gemeinsam in den Süden, besuchte sich gegenseitig.

Die jetzt erschienene Biografie der amerikanischen Literaturhistorikerin Mary Ann Caws über Dora Maar ist nicht nur ein hervorragendes Nachschlagewerk und eine spannende Lektüre; das opulent bebilderte Buch ist auch ein kenntnisreiches Porträt der dramatischen Zeit während des Spanischen Bürgerkriegs, die Picasso zu seinem monumentalen Gemälde "Guernica" provozierte, in dem sein Aufschrei gegen das Bombardement der kleinen Stadt im Baskenland vehementen Ausdruck fand.

Picasso hat einmal geäußert, dass er mit keiner Frau so viel gelacht habe wie mit Dora. In das Bild "Guernica" und seine Vorstudien wurde sie allerdings mit leidverzerrtem Gesicht integriert - "nicht aus Sadismus und auch nicht mit Vergnügen, sondern nur einer Vision folgend". Dora fotografierte die Entstehung des Gemäldes - eine einzigartige Dokumentation. Unter dem Einfluss ihres Geliebten begann Dora Maar wieder mit der Malerei, die sie später in düsteren Jahrzehnten nach der endgültigen Trennung 1943 fortsetzte. Man liest von koketten, grausamen Spielen, die Picasso mit jeweiligen und früheren Gefährtinnen trieb. Das "Monster" machte großzügige Geschenke und verwechselte absichtlich die Adressen, ließ Auftritte in seinem Atelier zwischen den Frauen zu. Regelmäßig besuchte er die früheren Gefährtinnen Olga und Marie-Therese während der Jahre mit Dora. Von ihr aber zog er sich gänzlich zurück, und aus der Zeit nach ihrem ersten Zusammenbruch, als ein Freund sie dem Psychoanalytiker Jacques Lacan zur Behandlung anvertraute, existiert kein Zeugnis menschlicher Zuwendung Picassos.

Dora Maar glitt in ein einsamen Leben, sie entschloss sich zur mystischen Versenkung. In den letzten Jahren ihres Lebensweges wandte sie sich wieder der Fotografie zu, die ihr ohnehin einen bleibenden Platz in der Geschichte des Surrealismus sichert.

- Mary Ann Caws: Dora Maar. Die Künstlerin an Picassos Seite. Mit einem Vorwort von Heinz Berggruen. Nicolai Verlag, Berlin. 224 Seiten mit 61 farbigen und 159 schwarzweißen Abbildungen. 78 Mark

Bildunterschrift: Sommergäste in Antibes, 1937: Picasso und Dora mit Freunden. Im Vordergrund Man Ray, der die Szene fotografierte / Man Rays Porträtfoto aus dem Jahr 1936 zeigt Dora Maars rätselhafte Ausstrahlung, die Picasso so faszinierte / In den Studien für das monumentale Anti-Kriegsgemälde "Guernica" porträtierte Picasso seine Geliebte Dora Maar 1937 als "Weinende Frau" / Die surrealistische Fotocollage "Freiheit" von Dora Maar - eine ironische Replik auf die amerikanische Freiheitsstatue - entstand um 1935/36 / Lichtspiel: Picasso, fotografiert von Dora Maar, um 1936 /