Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 124

Berlin - Personaleingang

Von Silke Mller

SILKE MÜLLER, ART-Redakteurin, schreibt über das Berlin-Porträt des französischen DAAD-Gastkünstlers Jean-Luc Moulene

So also sieht es aus, das neue Berlin. Armselige Krokusse blühen auf einer Rasenfläche. Im Raster angeordnet, so, als gäbe es eine Krokus-Pflanz-Verordnung. Öde Wohnsilos ragen in einen bleigrauen Himmel. Wie ein gieriger Schlund öffnen sich die Eingänge zu den U-Bahnhöfen Bayerischer und Fehrbelliner Platz. Vor der steil aufragenden Fassade der St. Ludgeruskirche sammelt sich welkes Laub. Am Reichstag siecht Unkraut. Und in der Brandenburgischen Straße hat irgendjemand das Licht ausgeknipst.

"Berlin" nennt Jean-Luc Moulene sein Fotoalbum. Lakonisch - wie jedes Bild in diesem Band, wie jede einfach nur den Ort bezeichnende Bildunterschrift. Ein Jahr streifte der Franzose als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes 1996/1997 durch die Metropole. Besessen - nach Sonnenaufgang und vor Sonnenuntergang. Ein Aneignungsprozess: Begehen, Sehen, Verstehen.

Das Berlin der neuen Image-Broschüren hat er links liegen lassen. Keine Baustellen-Romantik, kein Aufbruch, keine Großstadtlichter - nirgends. Berlin, Personaleingang. Moulene legt ein unsentimentales Tagebuch vor. Wie hat er sich gefühlt, zu Gast in dieser mit sich selbst beschäftigten Stadt? Schnell hat er ihre Schwächen durchschaut; nie den Blick abgewandt. Ein altmodischer Liebhaber. Einer, der Brüche als Persönlichkeit wahrnimmt, der dem Glanz misstraut, der begreifen will.

Ein sprödes Bilderbuch ist so entstanden - und eine Liebeserklärung an Berlin, das schon längst nicht mehr so sein will: verschroben, brutal, öde, banal. Vor allem im Westen der einst geteilten Stadt fand Moulene seine Motive. Was er aufzeichnete, hat sich der Glas-Aluminium-Neon-Neu-Moderne widersetzt, ist irgendwo zwischen Sozialpalast, Bolle und Döner-Bude stehen geblieben. Die Insignien der Macht, des Staates und des globalen Marktes fehlen. Und selten taucht ein Bewohner dieser Stadt auf. Moulene war allein mit sich und Berlin. Fast. Ganz unvermittelt, im hinteren Fünftel, sind zwei Frauenakte eingebunden. Nach all der Tristesse und Einsamkeit ein Aufatmen, ein Moment der Nähe. Die Stadt nimmt, die Stadt gibt. So einfach ist das. Vielleicht. Im Wilmersdorfer Volkspark blüht das Gestrüpp. Moulenes Berlin ist schön. Und weiß doch nichts davon.

Friedrich Meschede (Hrsg.): Berlin. Jean-Luc Moulene. Steidl Verlag, Göttingen. 288 Seiten mit 140 Farbfotos. 42 Mark

Bildunterschrift: Begehen - Sehen - Verstehen: Stadtlandschaft "Fernsehturm" / "Breitscheidplatz": Moulenes Berlin ist schön. Und weiß doch nichts davon /