Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 140

Strahlende Bilder, blasser Text

Von Boris Hohmeyer

Filippo Pedrocco: Tizian. Hirmer Verlag, München. 336 Seiten mit 376 Abbildungen, davon 290 in Farbe. 198 Mark

Kühne Bildentwürfe, leuchtende Farben und eindringliche Porträts haben Tizian (um 1490 bis 1576) berühmt gemacht. Schade, dass der größte venezianische Maler des 16. Jahrhunderts in der neuesten Biografie mit Werkverzeichnis, verfasst von dem Kunsthistoriker und Museumsdirektor Filippo Pedrocco, zumindest im Textteil selbst so blass bleibt. Hier herrscht ein oberflächlich-harmonisches Bild des Meisters, der nach manchen Quellen doch ein recht unleidlicher Geizkragen gewesen zu sein scheint, verstärkt durch manche pathetische Phrase: Die Zeiten, in denen ernsthaft von der "empfindsamen Seele" eines Malers geschrieben werden konnte, sind eigentlich seit der Romantik vorbei. Aber es liegt nicht an solchen Floskeln allein, wenn dieser opulente Bildband hinter dem zurückbleibt, was nach über 130 Jahren Forschungsgeschichte von einer seriösen Tizian-Monografie zu erwarten wäre.

Nicht dass Pedrocco nichts über Tizians Kunst zu sagen hätte; im Einzelnen enthält das Buch gute Beobachtungen und Hinweise. Ärgerlich sind dagegen die vielen Lücken dazwischen, die kleinen und großen Schlampereien, zu denen in der deutschen Ausgabe auch die dürftige, teilweise falsche Übersetzung gehört. Immer wieder übergeht der Autor historische Hintergründe, Ergebnisse anderer Forscher oder die Entstehungsgeschichte einzelner Werke. Dafür finden sich viele Passagen aus dem einleitenden Text über Leben und Werk fast wörtlich in den Bildbeschreibungen wieder. Der Platz hätte sich besser nutzen lassen, zum Beispiel für Fußnoten mit präzisen Literaturzitaten. Wenn Pedrocco Ansichten von Kollegen, denen er nicht zustimmt, pauschal einem "Teil der Kunstkritik" zuschreibt, ist das nicht nur unhöflich gegenüber den ungenannten Autoren, sondern auch lästig für den Leser, der sich ein eigenes Urteil bilden möchte. Das gilt auch für seine Gewohnheit, Gemälde, die er für reine Werkstattprodukte hält, selbst dann nicht abzubilden, wenn zumindest ihr Entwurf zweifelsfrei von Tizian stammt. Und eine epochale, für Tizians Werk wie für die Entwicklung der Gattung Altarbild bedeutsame Komposition wie die 1867 durch Brand zerstörte "Ermordung des Petrus Martyr" wird nicht einmal als Stich gezeigt.

Was es aber zu sehen gibt, großformatige Abbildungen nämlich der 270 von Pedrocco anerkannten Gemälde, ist größtenteils fabelhaft. Kaum je sind die Werke dieses Meisters der Farbgebung so brillant reproduziert worden; vielfach lassen sich hier schon die Ergebnisse jüngster Restaurierungen bewundern.

Bildunterschrift: Venezianische Pracht aus dem 16. Jahrhundert: "Madonna mit Kind, den Heiligen Katharina, Dominikus und Stifter" von Tizian (Ausschnitt) /