Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 88

Kunsträume rund um den Öresund

Von Angelika Kindermann

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Der Anlass war da, aber ein zentrales Thema nicht in Sicht: Das haben die Schweden und die Dänen schlicht außen vor gelassen, als sie zur Eröffnung der Öresundbrücke ein Kunst- und Kulturfestival ausriefen, an dem sich über hundert Institute beiderseits der Meerenge beteiligen. Ein eigens eingerichteter Fonds - ausgestattet mit umgerechnet rund 13 Millionen Mark an öffentlichen sowie etlichen Millionen an privaten Geldern - verteilte Finanzhilfen, damit Museen, Theater und Orchester ihre "Traumprojekte" verwirklichen konnten.

Doch bekanntlich hat jeder andere Träume. Im Programm der "Kulturbro 2000" lässt sich kein roter Faden ausmachen. Es gilt das Motto: Jeder, wie es ihm gefällt. So verwundert es kaum noch, dass im Arken-Museum im dänischen Ishöj südlich von Kopenhagen eine faszinierende Ausstellung läuft und nur eine Danksagung im Katalog zeigt an: Auch dieses Projekt ist ein Festivalbeitrag.

"Der Mensch" lautet der schlichte Titel der stimmigen, pointierten Schau, die vor Augen führt, welch gewichtige und facettenreiche Rolle der menschliche Körper in der neuen Kunst spielt. Der Überblick, den Direktor Christian Gether und seine Mitarbeiterin Stine Höholt präsentieren, setzt 1950 mit Asger Jorns "Lebensgefährten der Erde" ein. Der Horror der Nazi-Herrschaft hatte die Welt erschüttert, als der dänische Maler seine Figuren in heftigen Pinselhieben auf die Leinwand warf - ein dramatischer Auftakt für eine fesselnde Veranstaltung.

Mit Mut zur Lücke und dem sicheren Gespür für das Wesentliche haben die beiden Ausstellungsmacher 132 Darstellungen des menschlichen Körpers zusammengetragen - 132 Kunstwerke aus fünf Jahrzehnten, die individuelle, vor allem aber kollektive Befindlichkeiten, Ängste und Sehnsüchte ihrer Zeit spiegeln: Tom Wesselmanns leere Körperhüllen künden da provokativ von der Macht der Warenwelt, aus deren Niederungen die Pop Art in den Sechzigern ihre Motive bezog. Beinah zeitgleich entstanden die Großaufnahmen teils blutiger Körperinszenierungen, mit der die Wiener Aktionisten gegen das Großbürgertum aufbegehrten.

Eine Verschnaufpause und Freude über ungetrübte Frauenpower bietet Niki de Saint Phalles drall-bunte "Nana in Bewegung" (1930). Doch schon bei Cindy Shermans süffisant mit den Geschlechterrollen spielenden Fotoarrangements (1980/87) macht sich wieder Betroffenheit breit. Und das immer gleiche, gequälte Lächeln, das auf den Gesichtern der grotesk verwachsenen Kinderfiguren aus den neunziger Jahren des englischen Duos Jake und Dinos Chapman liegt, setzt sich unbarmherzig im Gedächtnis fest.

Zur Ausstellung (bis 14. Januar) erscheint ein 232 Seiten starker, dänisch-englischer Katalog zum Preis von 99 Kronen. Auskunft über die weiteren Ausstellungen der "Kulturbro 2000" unter: www.kulturbro.com oder Tel. Kopenhagen +45/33882000.

Bildunterschrift: Tom Wesselmann: "Badewannen-Collage 1" von 1963 /