Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 106

Politischer Missbrauch einer Weltsammlung?

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Barnes Foundation steht vor finanziellem Ruin

Eine einzigartige Tragödie in der amerikanischen Museumsgeschichte", nennt Tom Freudenheim die jüngsten Schlagzeilen um die Barnes Foundation. Die Stiftung des eigenwilligen Sammlers und Philanthropen Albert C. Barnes (1872 bis 1951) mit Sitz in Merion im Bundesstaat Pennsylvania steht am Rande des Bankrotts. Der Sammlung mit ihren bedeutenden Gemälden des französischen Impressionismus und Postimpressionismus - darunter allein 171 Arbeiten von Auguste Renoir und 57 von Paul Cezanne - droht die Schließung.

"Die Katastrophe nahm bereits 1993 ihren Anfang", erinnert sich Freudenheim ungern. Als stellvertretender Direktor der amerikanischen Smithsonian Institution hatte der heutige Leiter der Londoner Gilbert Collection Anfang der neunziger Jahre zum Beirat der Stiftung Barnes gehört. Damals waren 81 Spitzenwerke der Sammlung erstmals außerhalb Merions in Museen der USA, Japans und Europas gezeigt worden (ART 5/1993).

"Dies war ein klarer Verstoß gegen den Willen von Dr. Barnes", so Freudenheim. "Seitdem muss hierzulande jeder Museumsstifter damit rechnen, dass seine Verfügungen mit Füßen getreten werden." Die Ausstellungstournee hatte zwar insgesamt 17 Millionen Dollar (bei Tournee-Ende 1995 etwa 25,5 Millionen Mark) für die Sanierung des Museums eingespielt, brachte die Verwalter der Foundation aber um das Vertrauen der amerikanischen Philanthropen-Gemeinde. Dringend erforderliche Geldspritzen blieben von nun an aus. Heute ist das Stiftungsvermögen von ursprünglich 10 Millionen US-Dollar (heute etwa 23 Millionen Mark) dahingeschmolzen. "Binnen eines Jahres brauchen wir drei Millionen Dollar, zum langfristigen Überleben 85 Millionen", rechnet Direktorin Kimberly Camp vor. "Bis jetzt haben wir jedoch noch keine Zusagen."

Barnes war in der Pharma-Industrie reich geworden und ab 1912 regelmäßig zum Kunstgroßeinkauf nach Paris gereist. Zu den Erwerbungen zählten Meisterwerke wie "Lebensfreude" (1905/06) von Henri Matisse und "Die Modelle" von Georges Seurat (1886/88). Eigenwillig war dabei nicht nur der Geschmack des Amerikaners. Kunstgelehrte waren ihm verhasst, beim konservativen Ostküsten-Establishment galt Barnes als Außenseiter. So sollte das Institut, eröffnet 1925 in einem eklektizistischen Säulenbau außerhalb von Philadelphia, ausschließlich der Weiterbildung benachteiligter Bevölkerungsteile dienen. Kurz vor seinem Tod übertrug Barnes die Schirmherrschaft für seine Stiftung der nahegelegenen Lincoln University, die bis heute fast nur von Schwarzen besucht wird. Die Hochschule bestimmt seit 1951 über die Vergabe von vier der fünf Vorstandssitze in der Barnes Foundation.

Per Testament war über Jahrzehnte der Zugang zur Sammlung auf 500 Besucher - inzwischen 1200 - pro Woche beschränkt. Die Werke selbst durften das Gebäude nie verlassen. Unter dem Stiftungspräsidenten Richard H. Glanton sollte sich dies ab 1990 ändern. Schon 1991 hatte der schwarze Politiker den Verkauf von 15 Gemälden durchsetzen wollen - um mit dem Erlös die Anlage in Merion zu renovieren.

Der New Yorker Kunsthändler Richard Feigen, 70, bis 1992 Vorstandsmitglied der Lincoln University und heute schärfster Kritiker des Stiftungspräsidenten: "Glanton hat die Sammlung eiskalt missbraucht - sein einziges Ziel war es, sich in der Öffentlichkeit zu profilieren. Dabei verkam die Barnes Foundation zur politischen Manövriermasse, und bei Kritik hat Glanton sofort die Rassen-Keule geschwungen." Die Verkaufspläne wurden nach Protesten Feigens und Tom Freudenheims abgeschmettert, Glanton musste unter öffentlichem Druck 1998 zurücktreten.

Auch Kimberly Camp wünscht sich heute einen Neuanfang: "Hier muss endlich Schluss sein mit den Ego-Trips." Angesichts des Scherbenhaufens in Merion befürchten Kritiker nun allerdings erst recht die Kommerzialisierung des Instituts. Ein Museumsshop wurde inzwischen eröffnet. Mit der Gründung einer "Barnes Society" hofft die Direktorin, neue Mitglieder zu werben.

"Ich bin skeptisch, ob Camp über ausreichenden Einfluss verfügt, um die nötigen Mittel aufzutreiben", meint Feigen. "Das Debakel um Glanton hat große Teile des weißen Establishments völlig verschreckt. Und genau dort sitzt in diesem Land nun einmal das Geld, das benötigt wird, um die Barnes Foundation zu retten."

Bildunterschrift: Tummelplatz der Meisterwerke: die Barnes Collection in Merion / Gründer Albert C. Barnes / Expräsident Richard H. Glanton /