Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 89

Nach westlichem Schnittmuster

Von Thomas Groetz

AUSSTELLUNGEN IM DEZEMBER - HÖHEPUNKTE DES MONATS: INFORMATIONEN, VORSCHAU, KRITIKEN & TERMINE / Berlin: After the Wall

Russische Soldaten in Kosakenuniformen prosten sich fröhlich zu: "Köstlich, köstlich, köstlich! Gebt ihm Pepsi-Cola zum Nachspülen!" Natürlich nicht in Wirklichkeit, sondern in den Sprechblasen der absurden Fotogeschichte "Und ruhig fließt der Don" (1998) der in Moskau lebenden Künstlerin Lyudmila Gorlova.

Der Spagat zwischen westlichem Lebensstil und eigener Geschichte ist ein zentrales Thema der Ausstellung "After the Wall". Für diese Mammutschau wurden Werke der neunziger Jahre von rund 30 meist jüngeren Künstlern aus 22 Ländern des ehemaligen Ostblocks zusammengetragen. Die in Berlin lebende und aus Serbien stammende Kuratorin Bojana Pejic hat die Fülle des Materials in vier Themenblöcke geordnet, die sich mit der sozialen Situation, der Vergangenheitsbewältigung, dem Individuum und seiner Geschlechtsidentität beschäftigen. Diese Einteilung verrät schon das Grundproblem der Ausstellung: Die osteuropäische Kunst darf nicht für sich stehen, sie muss sich westeuropäischen Fragestellungen und Seherfahrungen unterordnen. So erinnert beispielsweise manches an Fernsehbilder von CNN oder der Tagesschau.

Da ist das Elend in der Fotoserie "Inside out", die der Ungar Erhardt Miklos zusammen mit dem Engländer Dominic Hislop konzipierte. Sie baten Obdachlose aus Budapest, ihren Alltag in schäbigen Zimmern oder beim Stöbern im Müllcontainer selbst festzuhalten. Das hat noch eine gewisse Authentizität. Nur noch plakativ dagegen wirkt eine Installation des bulgarischen Künstlers Luchezar Boyadjiev: Als "Neo-Golgatha" hängen drei übergroße Business-Anzüge an der Wand - das Kreuz mit dem Kapitalismus simpel gedacht.

Insgesamt hinterlässt "After the Wall" einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits bestätigt die Ausstellung alle Klischees vom tristen Osten, andererseits versucht sie, Weltkunst durchzusetzen. Eugen Blume, der die Ausstellung in Berlin präsentiert, wünscht den jungen Künstlern, dass sie sich "schneller mit den heutigen westeuropäischen kulturellen Strömungen verbünden, als dies ihren Heimatländern gelingen kann". Mit solchen Forderungen hat die Schau die Chance verpasst, das jeweilig Besondere der neuen Kunst in den 22 Ländern Osteuropas zu entdecken.

Die Ausstellung ist bis zum 4. Februar 2001 im Hamburger Bahnhof und im Max Liebermann-Haus zu sehen. Der zweibändige englische Katalog kostet 70 Mark, ein deutschsprachiger Kurzführer fünf Mark.

Bildunterschrift: "Neo-Golgatha" von Luchezar Boyadijev (1994) /