Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 87

Vom Gefühlskarussell ins Fegefeuer

Von Silke Mller

AUSSTELLUNGEN IM DEZEMBER - HÖHEPUNKTE DES MONATS: INFORMATIONEN, VORSCHAU, KRITIKEN & TERMINE / ART-Redakteurin Silke Müller, 33, besuchte die Ausstellung "Apocalypse. Beauty and Horror in Contemporary Art" in der Londoner Royal Academy of Arts

Die englische Kunstszene lässt es bekanntlich gerne krachen. Scheibchenweise ausgestellte Kühe, lebende Maden und Fliegen, faulende Fische und diverse Bizarrerien aus dem kulturellen Nachlass der Grusel-Poeten Lord Byron und Mary Shelley beherrschten die junge britische Kunst der achtziger und neunziger Jahre.

Die Ausstellung "Sensation" tourte als sich selbst erfüllende Prophezeiung durch die Museen und setzte den Rest der Welt in Kenntnis über die schrägen Vorlieben der exzentrischen Briten. Nun legt Norman Rosenthal nach: Der Ausstellungsleiter der ehrwürdigen Londoner Royal Academy of Arts hofft auf einen zweiten Block-Buster und prophezeit zusammen mit Co-Kurator Max Wigram passend zur Jahrtausendwende die "Apokalypse". Untertitel: "Schönheit und Horror in der zeitgenössischen Kunst".

Der Einstieg in die Schau könnte besser nicht sein: Durch ein Loch in der Wand, das sich scheinbar unter einer Treppe befindet, krabbeln die Besucher direkt in Gregor Schneiders Adaption seines Hauses "ur". Das unheimliche Gebäude steht im deutschen Rheydt, doch auch der kleine Ableger in London verwirrt den Besucher mit toten Räumen, klaustrophobischer Enge und sinnlos gewundenen Gängen.

Aus der beklemmenden Behausung des Deutschen, der als Biennale-Künstler für Venedig 2001 berufen wurde, tritt man ins gleißende Licht und vor die raunenden Bilder des belgischen Malers Luc Tuymans. Seine schemenhaften Darstellungen von toten Objekten und nicht minder tot wirkenden Menschen verbergen ihre Geheimnisse hinter stumpf aufgetragenen Farbschichten.

Rechts und links von Tuymans warten die aufdringlichen Sensationen der Schau. Maurizio Cattelan inszeniert den Papst als lebensgroße Wachsfigur, erschlagen von einem durchs Glasdach gefetzten Meteoriten. Und Mariko Mori lässt die Besucher stundenlang vor einer Kitschpagode anstehen, um sie schließlich videotechnisch von der Tiefe des Meeres in himmlische Sphären reisen zu lassen. Darren Almond baut Bushaltestellen aus dem heutigen Auschwitz nach und lässt den Raum kalt temperieren. Chris Cunningham hat einen aggressiven Videoclip zum Thema Geschlechterkampf produziert.

Schließlich bleibt das Höllenpanorama der Chapman-Brüder (ART 11/2000) als bedrängendes Erlebnis im Gedächtnis. Über einen festgelegten Rundgang erreicht man die neun Vitrinen als Vorletzte. Die geradezu perverse Akribie, mit der alle Spielarten menschlicher Grausamkeit im Miniaturformat inszeniert wurden, macht das Werk zu einer ernsten Angelegenheit. Entstanden ist ein zeitgenössisches Historienbild, dem es in seiner absurden Überdrehung gelingt, das Nichtdarstellbare des Holocausts zu thematisieren und die Realität der Verbrechen auf eindringliche Weise ins Bewusstsein der Gegenwart zu rücken.

Doch weil Rosenthal der Steven Spielberg der Ausstellungsmacher ist, wird der Besucher nach wohlkalkuliertem Gefühlskarussell kurz vor Schluss ins Fegefeuer geschickt, um, nach Luft schnappend, ins Paradies der buntglänzenden Banalität zu entkommen: Auf die Chapmans folgt Jeff Koons, auf das Bestiarium der menschlichen Grausamkeit ein Pudel im Popcornland. Spätestens hier verraten die Kuratoren ihre Künstler an die billigen Tricks der Dramaturgie. An der Stelle, wo Fiktion und Geschichte einen beklemmenden Pakt eingehenden, wo das Spiel mit der Untergangsmetapher "Apokalypse" ernst wird, lassen Rosenthal und Wigram den Clown aus der Kiste springen.

Bis 15. Dezember. Der Katalog kostet 20 Pfund, die gebundene Ausgabe 35 Pfund.

Bildunterschrift: Panorama der menschlichen Grausamkeit und süßliche Kitschpagode: Ausschnitt aus der neunteiligen Arbeit "Hölle" von Jake und Dinos Chapman (oben; 1999/2000), "Traumtempel" (Detail) der japanischen Künstlerin Mariko Mori (1999) /