Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 88-89
Maulwürfe und Fluchtvehikel
Von Tim Sommer
AUSSTELLUNGEN IM DEZEMBER - HÖHEPUNKTE DES MONATS: INFORMATIONEN, VORSCHAU, KRITIKEN & TERMINE / Frankfurt am Main/Dresden: dynamo.eintracht
Keine Leistungsschau, kein Kulturbeitrag zum Vereinigungsjubelfest, einfach nur eine gute Austausch-Ausstellung zwischen den Kunsthochschulen von Dresden und Frankfurt am Main sollte es werden. Das ist geglückt. Aber gefahrlos ist der Ost-West-Transfer auch heute nicht: Statt Minenfeldern lauern Fettnäpfchen. In einen sind die Kuratoren Jan Winkelmann und Konstantin Adamopoulos gleich mit dem Titel getreten. "dynamo.eintracht" soll populär die beteiligten Städte über ihre Fußballvereine kenntlich machen. Wer weiß, respektive wen juckt es da noch, dass "Dynamo"-Mannschaften von Erich Mielkes Stasi-Ministerium finanziert wurden?
Unbeschwert von solch historischen Spitzfindigkeiten startet hier eine gesamtdeutsche Künstlergeneration in einträchtiger Dynamik ins Berufsleben. Und obwohl politische Bezugnahme gewollt war, geben die Werke kaum noch Hinweise darauf, für welche Mannschaft Künstler hier ins Rennen gehen.
Bei ihrer ersten Station in Frankfurt zog sich das von Christoph Blum aus glasfaserverstärktem Polyester nachgebildete Bau-System des "talpa europaea" (vulgo: Maulwurf) bis zwischen die aus Zeitungspapier gerollten Wolkenkratzer-Utopien von Sebastian Stöhrer. Hüben wie drüben wandeln sich die Städte, hier wie dort unterwandern Maulwürfe frech jedes System. Und die "postminimalistische" Holzskulptur, die Silke Wagner als Nistplatz für Fledermäuse installiert hat, ist "Dienstleistungskunst", die Dresdner Flattertiere sicherlich so gerne annehmen wie ihre Artgenossen am Main. Abstrakte Mal-Strukturen, wie sie Martin Borowski am Computer generiert oder Eva Maria Wilde aus der Architektur gewinnt, sind ohnehin mehr zeit- als ortsgebunden. Ob man den von Pridgar und Jurt gebauten "Scooter" im Westen wirklich eher als Fun-Sportgerät und im Osten als Fluchtvehikel interpretiert, wie die Kuratoren vermuten? Am Stand von David Buob/Stef Burghard, die gesponsorte Artikel verkauften, um den Ankauf eines der ausgestellten Werke durch das Städel zu finanzieren, lässt sich die Einigung trennschärfer bilanzieren: Hier am Main war "West Light" der Renner - nicht die Ossikippe "Cabinet".
"dynamo.eintracht", im Oktogon der Hochschule für Bildende Künste Dresden, bis 17. Dezember. Katalog erscheint nach Ausstellungsende.
Bildunterschrift: Künstlich inszenierte Motivationsmechanismen: sächsische Cheerleader im Video der Gruppe Reinigungsgesellschaft /
