Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 70

Künstler, Genie und Raufbold

Von Petra Bosetti

BENVENUTO CELLINI / Erst in der zweiten Lebenshälfte wagte sich der vor 500 Jahren geborene Medailleur, Goldschmied und Bildhauer (1500 bis 1571) an das große Format. Seine monumentale Perseus-Statue in der Loggia dei Lanzi an der Piazza della Signoria in Florenz gehört zu den Meisterwerken des Manierismus

Er nahm dem schlimmen Schicksal seine Schläge, erhob mein Leben und mein Können über jedes Maß, verlieh Anmut, Stärke Schönheit meinen Werken" - diese Zeilen stehen am Anfang von Benvenuto Cellinis Autobiografie. Der Dank an seinen Schöpfer ist in Wirklichkeit nichts als Eigenlob. Was Cellini im Alter von 58 Jahren einem kränklichen Knaben in die Feder diktierte, ist, freundlich gesprochen, ein Zeugnis ungebrochenen und von keinerlei Zweifeln getrübten Selbstbewusstseins, oft an der Grenze zu Hochmut und Eitelkeit. Was so überheblich klingt, ist dennoch nicht übertrieben. Zeitgenossen und Kunsthistoriker späterer Jahrhunderte preisen das Genie des Florentiners. Der Maler und Kunstschriftsteller Giorgio Vasari (1511 bis 1574) vermerkte, dass Cellini als Goldschmied "nicht seinesgleichen hatte", der Dichter Johann Wolfgang von Goethe, der die Autobiografie 1803 ins Deutsche übersetzte, attestierte ihm "vorzügliches technisches Talent", die italienische Kunsthistorikerin Elena Capretti bewundert seine "nahezu unübertroffene Geschicklichkeit in den Bronzestatuetten und im Relief".

Eine Geschicklichkeit, mit der Cellini in der ersten Lebenshälfte fast ausschließlich Münzen und Medaillen herstellte, denen er durch raffiniert abgestufte Relief-Höhen ungewöhnliche Tiefenwirkung verlieh. Sein berühmtes "Salzfass", das heute im Wiener Museum für angewandte Kunst bewahrt wird, zählt zu den Höhepunkten abendländischer Goldschmiedekunst.

Doch erst mit über 40 Jahren entschloss sich der Meister, seine Virtuosität ins Großformat zu übertragen. Die Kolossalstatue des Perseus, die in der Loggia dei Lanzi an der Piazza della Signoria in Florenz steht, ist eine der berühmtesten und hervorragendsten Skulpturen des Manierismus.

Ein edler Schöngeist der solches vollbringt? Benvenuto Cellini war Choleriker, Raufbold, Mörder, unbeherrscht, aufbrausend, den Auftraggebern gegenüber anmaßend und überheblich. Nicht selten musste er vor dem mobilen Einsatzkommando der "Acht" fliehen, der obersten Polizeibehörde von Florenz, oder wurde wegen Prügeleien, Mord oder Homosexualität aus der Stadt verbannt. Der Kunstfertigkeit Cellinis kam dies allerdings zugute, denn wohin es ihn zog - überall traf er Künstler und Kunsthandwerker, bei denen er seine naturgegebenen Fähigkeiten vervollkommnen konnte.

"Cellinis Odyssee beginnt und endet in Florenz", schreibt sein Biograf John Pope-Hennessy. Hier lernte der Sohn eines Musikers und Ingenieurs schon als Knabe bei verschiedenen Meistern die Grundlagen seines Handwerks. Mit 16 Jahren wurde er wegen einer brutalen Schlägerei für ein halbes Jahr aus Florenz verbannt. In Bologna studierte er beim Miniaturenmaler Scipione Cavalletto Zeichenkunst. Die nächste Station des rastlosen Jünglings war Pisa. An den antiken Sarkophagen auf dem Campo Santo eignete er sich "eine räumliche Staffelung der Figuren in Friesform" an, so sein Biograf Mario Scalini, "was ihm später für seine Goldschmiedearbeiten, für die Herstellung von Siegeln und Prägeformen von Nutzen sein sollte".

In Rom lernte Cellini beim Meister Giovanni Firenzuola Gefäße anzufertigen. Kaum nach Florenz zurückgekehrt, wurde er, nach eigener Erkenntnis "von Natur aus ziemlich cholerisch", schon wieder handgreiflich - er prügelte einen jungen Mann bewusstlos, überfiel einen Kanzleibeamten und wurde deshalb "mit dem furchtbarsten Bann" belegt. Er ging nach Rom, damals "Schmelztiegel für alle Disziplinen der Kunst und ein unbegrenzter Exerzierplatz für junge und ehrgeizige Künstler" (Scalini). 1524 gründete er seine erste Werkstatt. Angestachelt durch "aufrichtigen Neid" auf den genialen Siegelmacher Lautizio den er für "einzigartig auf der Welt" hielt, brachte Cellini es auch in dieser Kunst bald zur Meisterschaft. Als die Bourbonen 1527 in Rom einfielen ("Sacco di Roma"), machte sich Cellini als Verteidiger der Engelsburg verdient, wo Papst Clemens VII. vor den Belagerern Schutz gesucht hatte. Um die päpstlichen Insignien vor den Aggressoren besser verbergen zu können, bekam Cellini den Auftrag, die Juwelen herauszubrechen und das Gold einzuschmelzen. Nachdem die Bourbonen das verwüstete und geplünderte Rom verlassen hatten, wurde Cellini Leiter der päpstlichen Münzanstalt.

Nach einem kurzen Zwischenspiel in Florenz (Cellini hatte einen konkurrierenden Goldschmied getötet und floh aus Angst vor der Rache von dessen Freunden) kam er 1537 wieder nach Rom und gründete eine große Werkstatt mit acht Gehilfen. Durch eine Intrige verlor Cellini das Vertrauen von Papst Paul III. Er wurde - fälschlich - angeklagt, die eingeschmolzenen Insignien gestohlen zu haben, wurde in der Engelsburg eingekerkert und konnte erst nach mehreren Monaten mit Hilfe seines Gönners Ippolito d'Este, Kardinal von Ferrara, fliehen.

Der vermittelte ihn an den Hof des französischen Königs Franz I. Er bekam Aufträge für zwölf figurative Silberleuchter, für Kannen und Becher. Als die Gefäße vollendet waren, begehrte Franz ein Salzfass. Noch in Rom hatte Cellini ein Modell für Ippolito d' Este angefertigt und konnte es dem verblüfften König noch am selben Tag präsentieren. "Dies ist etwas hundertmal Göttlicheres, als ich es mir je vorgestellt hätte!", rief der Monarch und ließ für 1000 Scudi Gold anschaffen.

Während Cellini an dem Salzgefäß punzte, arbeitete er parallel an seinen ersten großen Bronzen, darunter eine halbrunde Lünette für das Tor zum Quellbrunnen in Franz' Residenz Fontainebleau. Auf ihr ist eine Nymphe dargestellt, eine, wie Cellini schreibt "in schöner Haltung liegende Frauenfigur". Die Gliedmaßen des langgestreckten Körpers sind elegant überdehnt. Cellini erfüllte mit dieser Arbeit bereits ein Kriterium des Manierismus, das der deutsche Kunsthistoriker Walter Hess 1957, mehr als 400 Jahre später, aufgestellt hatte, nämlich "Virtuosentum in der vollkommenen Formbeherrschung und dem freien Schalten mit der menschlichen Figur". Die Flussgöttin lagert auf einem Wasser spendenden Krug, Hunde, Wildschweine und Rehe beobachten sie, ihr rechter Arm ruht auf dem Nacken eines kapitalen Hirsches, ein Wappentier von Franz I.

Das Salzfass ging unterdessen seiner Vollendung entgegen. Es war "ganz aus Gold und mit dem Stichel bearbeitet". Cellini hatte auf eine ovale Basis zwei allegorische Figuren für Erde und Meer gruppiert, "wobei sich die Beine ineinander verschlangen, wie sich Meeresarme bisweilen ins Land und Land ins Meer erstrecken". Wellen aus aquamarinblauem Email mit weißen Schaumkronen dominieren im Element Neptuns, grün emaillierte Felsen im Reich von Mutter Erde. Tiere wie Elefant, Löwe, Hund und Salamander verweisen auf das Leben auf der Erde. In Neptuns Reich tummeln sich Fische und Seepferde, deren "ruhelose, lebhafte Modellierung, die feine Gravierung ihrer Schuppen" John Pope-Hennessy "Wunder der Handwerkskunst" nennt.

Allegorische Figuren - die Nacht, der Tag, die Dämmerung und die Morgenröte - schmücken auch die Basis aus Ebenholz. Tag und Nacht haben ein prominentes Vorbild, Michelangelos Figuren in der Florentiner Grabkapelle der Medici. Cellini kannte sie genau, denn er hatte den Meister öfter bei der Arbeit an ihnen beobachten können.

1545 zog es Cellini wieder in seine alte Heimat Florenz. Er besuchte Herzog Cosimo de' Medici "um ihm meine Reverenz zu erweisen, und ohne jede Absicht, in seinen Dienst zu treten". Der kunstsinnige Herrscher jedoch bat ihn sogleich: "Wenn du etwas für mich ausführen willst, werde ich dir so viel Wohlwollen zeigen, dass du darüber staunen wirst." Cellini, antwortete, er wolle "gern eine hohe Statue aus Marmor oder Bronze für seinen großen Platz anfertigen". Natürlich suchte er den Vergleich mit Michelangelos "David", sein bewundertes Vorbild, das seit 1554 auf dem Platz vor der Signoria steht. Cosimo bestellte ein Abbild des Zeus-Sohnes Perseus, der das mythologische Ungeheuer Medusa tötete. Cosimo hatte ursprünglich nur den Perseus mit dem Haupt der Medusa geordert, weil er allein an der Symbolik der heroischen Figur interessiert war. Cellini konnte ihn jedoch überzeugen, auch den enthaupteten Körper darzustellen.

Mit zahlreichen Modellen bereitete Cellini seinen Perseus vor. Das älteste ist aus Wachs. Perseus' linker Fuß ruht auf dem enthaupteten Leib der Medusa, die hier noch bekleidet ist. In einem späteren Modell, bereits in Bronze gegossen, ist Medusa nackt und ihre rechte Schulter stärker nach rechts gedreht, so dass der durchtrennte Nacken, aus dem ein Schwall Blut quillt, ins Zentrum der Basis rückt.

Cellini wählte das Verfahren der "verlorenen Form", das er so beschreibt: Ein Modell wird "in Ton so groß gearbeitet als der künftige Guss werden soll". Ein Fingerbreit der Oberfläche wird abgetragen und durch eine ebenso dicke Schicht Wachs ersetzt. "Hierüber wird eine feuerfeste Form gemacht und das Wachs herausgeschmolzen, da denn eine Höhlung bleibt, welche das Erz wieder ausfüllen soll".

Der Guss des Perseus wäre beinahe zu einem Desaster geworden, denn als Cellini, von Fieber befallen, das Bett hüten musste, passierte seinen Gesellen der Schrecken eines jeden Gießers - das Metall war wegen mangelnder Hitze geronnen, hatte "einen Kuchen gebildet". Cellini schaffte sofort teures Eichenholz an, das ein kräftigeres Feuer erzeugt. Als der Kuchen "der Wirkung jenes schrecklichen Feuers ausgesetzt war, hellte er sich langsam auf und begann aufzublitzen".

Als der Perseus zum ersten Mal provisorisch in der Loggia aufgestellt wurde, erhob sich ein "unermesslicher Lärm zu seinem Lob". Begeisterte Florentiner hefteten über 20 Sonette an die Verschalung der Skulptur, "alle zum unermesslichen Ruhm meines Werkes". Cellinis Meisterwerk hat durch die kraftvolle Ausformung des Körpers, die wunderbar herausgearbeiteten Muskelstränge und die triumphierende Pose manieristische Züge. Der Gesichtsausdruck von Perseus und Medusa spiegelt jedoch die klassische Tradition der Renaissance wieder.

Über die Bezahlung des Perseus gerieten Cellini und Cosimo in Streit. Der Bildhauer bekam keine bedeutenden Aufträge mehr. Eines seiner letzten Werke war ein Kruzifix, das er eigentlich für das eigene Grab in der Dominikanerkirche Santa Maria Novella entworfen hatte. Nachdem Cellini sich auch mit den Dominikanermönchen überworfen hatte, kündigten die ihm den Grabplatz. So ruht er - seit seinem Tod im Jahr 1571 - in einem für seine Verhältnisse bescheidenen Grab in der florentiner Kirche Santissima Annunziata.

Fast viereinhalb Jahrhunderte stand der Perseus an seinem angestammten Platz. Smog, saurer Regen, Auspuffgase und andere chemischen Reaktionen hatten ihm schließlich derart zugesetzt, dass er 1996 abgebaut und in eine Restaurierungswerkstatt gebracht werden musste. Vier Jahre lang wurde die Statue gereinigt und ausgebessert. Da die Stadtverwaltung von Florenz inzwischen den Autoverkehr in der Innenstadt reduziert hat, zudem eine reinigende Brise vom Arno die Loggia durchweht, musste der Perseus nicht, wie ursprünglich befürchtet, Quartier in den Uffizien nehmen. Seit Mai dieses Jahres steht er, auf einer Kopie des Original-Sockels, wieder in der Loggia. Früher matt und verdunkelt leuchten der bronzene Triumphator und das Haupt der Medusa wieder so prachtvoll und kostbar, als hätten sie eben erst die Werkstatt Cellinis verlassen.

Cosimo I. de' Medici, ein Förderer der Künste, gab Cellini den Auftrag zur monumentalen Perseus-Statue - der Streit um die Bezahlung entzweite Künstler und Herrscher

Ob Marmor, Bronze oder Gold - Benvenuto Cellini meisterte alle kostbaren Materialien

Literatur zum Thema:

John Pope-Hennessy: Cellini. New York 1985. Mario Scalini: Benvenuto Cellini. Mailand 1995. Benvenuto Cellini: Mein Leben (übersetzt von Jacques Laager). Manesse Bibliothek der Weltliteratur 2000. Abgebildete Werke in öffentlichen Sammlungen: Palazzo Vecchio, Florenz: S. 70; Kunsthistorisches Museum Wien: S. 70/71; Loggia dei Lanzi, Florenz: S. 72; Bargello, Florenz: S. 73, 74, 75 u.; Louvre, Paris: S. 75 o.

Bildunterschrift: Cosimo I. de' Medici und seine Künstler - über seiner rechten Schulter Cellini, ganz unten Giorgio Vasari, der das Bild um 1563 malte / Edles Gefäß für Gewürze: das goldene Salzfass Franz' I. (26 x 34 cm, 1540/43) / Die frisch restaurierte Statue des Perseus mit dem Haupt der Medusa (Höhe 320 cm, 1553) steht wieder an ihrem angestammten Platz in der Loggia dei Lanzi in Florenz / Regent mit kühnem Blick: Cellinis Büste von Herzog Cosimo I. (Höhe 110 cm, 1548) / Einen antiken römischen Torso ergänzte Cellini zum "Ganymed" (Höhe 106 cm, 1550) / "In schöner Haltung liegende Frauenfigur": Die "Nymphe von Fontainebleau" (205 x 409 cm, 1543) zeigt alle Merkmale manieristischer Bildhauerkunst / Goldenes Original-Siegel (11 x 7 cm) des Kardinals Ippolito de' Medici /