Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 82-83

Fotografiertes Innenleben

Von Ruth Hndler

AUSSTELLUNGEN IM DEZEMBER - HÖHEPUNKTE DES MONATS: INFORMATIONEN, VORSCHAU, KRITIKEN & TERMINE / Bremen: Richard Oelze / Die Kunsthalle zeigt zwölf Gemälde, Zeichnungen und Fotografien des deutschen Surrealisten gemeinsam mit Werken von Künstlerkollegen

"Ich bin Surrealist", erklärte der Maler Richard Oelze 1967 kategorisch. Fern der großen Zentren, abseits der vorherrschenden abstrakten und realistischen Strömungen blieb der alternde Künstler in seinem Atelier auf dem Rittergut Posteholz im Weserbergland bis zu seinem Tod jenem Stil treu, der inzwischen längst Kunstgeschichte war.

Als Einzelgänger, persönlich so rätselhaft wie seine akribisch gepinselten Visionen unheilvoll belebter Landschaften, wird Richard Oelze (1900 bis 1980) meist charakterisiert. Die Kunsthalle Bremen, deren Sammlung 1996 durch eine Schenkung aus dem Nachlass Oelzes bereichert wurde, verfolgt eine andere Spur. Anlässlich des 100. Geburtstag des Künstlers zeigt sie dessen enge Verbindung mit der Avantgarde der zwanziger und dreißiger Jahre und lenkt den Blick auf die Quellen, aus denen Oelze noch in der Nachkriegszeit geschöpft hat.

Am Bauhaus in Weimar entdeckte Oelze seine Faszination für die Fotografie, die er in den zwanziger Jahren für theatralische Selbstinszenierungen nutzte und später als Maßstab für seine Gemälde und Zeichnungen nahm: "So klar... wie fotografiert", sollten die "Inbilder" des Vor- und Unbewussten Gestalt annehmen, um die perfekte Illusion zu erzeugen.

Werke von Otto Dix, Richard Müller und Franz Radziwill waren Oelzes Bezugspunkte der Dresdner Jahre zwischen 1926 und 1929 - und die technische Disziplin des Verismus, die der Künstler mit der magischen Vorstellungswelt seiner Figuren- und Landschaftsbilder zu verbinden wusste.

Ein Beispiel dafür ist Oelzes heute bekanntestes Gemälde "Erwartung" aus dem Jahr 1935/36. Der beunruhigenden Szene einer Menschengruppe unter düsterem Himmel, die zum Zeitsymbol der kollektiven Ängste wurde, ist zusammen mit anderen Werken zum Thema der Suche nach dem Unbekannten eine Abteilung der Bremer Ausstellung gewidmet.

Zur Ausstellung (19. November bis 21. Januar 2001) erscheint im Hatje Cantz Verlag ein 192 Seiten starker Katalog zum Preis von 48 Mark (Buchhandelsausgabe 98 Mark). Zweite Station ist das Museum der Bildenden Künste Leipzig (8. Februar bis 22. April 2001).

Bildunterschrift: Ein Symbol für kollektive Ängste: Richard Oelzes bekanntestes Werk "Erwartung" (82 x 101 cm) von 1935/36 /