Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 78-79
Malerei in den Mittelpunkt!
Von Alexandra Reininghaus
AUSSTELLUNGEN IM DEZEMBER - HÖHEPUNKTE DES MONATS: INFORMATIONEN, VORSCHAU, KRITIKEN & TERMINE / Wien: Walter Obholzer / Der österreichische Maler stellt in der Secession seine großflächigen Wand- und Tafelbilder mit abstrakten Formen aus
Auf weißem Bildgrund reihen sich spinnennetzartig gezackte Balken in den Farben Rot, Blau, Gelb, Grün aneinander, die ohne Zentrum und Peripherie über den Rand des Bildes hinauszulaufen scheinen: eine von zahlreichen neuen Arbeiten des österreichischen Künstlers Walter Obholzer, 47, aus der Serie "Otaku". Obholzer setzt der medialen Bilderflut präzise abstrakte Welten entgegen, geometrische Formen, die sich überlagern, ineinander verknoten und sich schwindelerregend endlos fortsetzen.
Bei "Aperto" zur Biennale von Venedig 1988 fiel Obholzer durch seine schmalen und hohen, nach alten floralen Ornamentvorlagen gemalten "Vertikalen Panoramen" erstmals außerhalb Österreichs auf. 1995 überzog er in Wien mit seiner Großbildinstallation "20 Fleck" für vier Monate die gesamte Seitenfront der Städtischen Kunsthalle. In seiner neuen Ausstellung in der Wiener Secession, dem traditionellen Hort des Jugendstil-Ornaments, zeigt Obholzer nun vorwiegend streng konstruktive neue Arbeiten. Die Dominanz der verspielten Architektur, deretwegen viele Besucher ins Ausstellungshaus kommen, will Obholzer zusammen mit der Wiener Architektengruppe Pauhof "brechen". Der Betrachter erhält durch deren Einbauten die Möglichkeit, die Bilder von verschiedenen Ebenen und damit aus wechselnden Perspektiven zu betrachten. Das gilt konkret wie allgemein: Obholzer fordert, die Position der Malerei in der Vielfalt der Diskurse ständig neu zu überdenken. Eine zu harmonische Beziehung zwischen der Architektur und seinen Bildern lehnt er dabei als "zu gefühlsbetont" ab. Ihm geht es darum, in den geschichtsträchtigen Räumen der Wiener Secession "die Malerei wieder in den Mittelpunkt zu stellen, ihr eine zeitgenössische Identität zu geben" - und durch ungewöhnliche Seherlebnisse im Zusammenspiel von Architektur und Kunst zu Diskussionen anzuregen.
Walter Obholzers Bildträger sind meistens Aluminiumverbundplatten, die er zu "Schachteln" formt. Ihre glatte und harte Oberfläche vermittelt kühle Distanz. Mit klinischer Präzision zieht er seine mit dem Stift vorgezeichneten geometrischen Ornamente mit dem Pinsel nach und vermeidet dabei jeden persönlichen Gestus. Trotzdem bleibt Obholzer intuitiv: Die Serie roter Rosettenbilder malt der Künstler ohne Vorlage - die ineinander verzahnten Kreise entwickeln sich ohne Absetzen des Pinsels in einem einzigen Malvorgang. Ihre Tiefe und Flächigkeit erlangen sie durch Überschneidungen - eine Form des Trompe l'Oeil, der optischen Täuschung, die Obholzer immer wieder gerne einsetzt.
Aufschluss über die dahinter stehende Denk- und Arbeitssystematik gibt ein in der Ausstellung zentral platzierter Monitor. Auf dem Bildschirm sind Ausschnitte von Obholzer-Arbeiten aus den letzten Jahren zu sehen. Jederzeit abrufbar, dienen die Videobänder dem Künstler als eine Art Notizbuch. Noch systematischer hat er seine Arbeit in einer Computerdatenbank gespeichert. Immer wieder greift er auf diesen Fundus von realisierten Projekten, Konzepten und Konstruktionen zurück. Die endlosen Variationen immer wiederkehrender Formen erweisen sich überraschenderweise nicht als etwas Zwanghaftes, sondern als befreiende Kraft, als poetischer Hang zum Einfachen.
Zur Ausstellung (7. Dezember bis 21. Januar 2001) erscheint ein Katalog.
Bildunterschrift: Zarte Kreise decken hartes Aluminium: Temperabild "Blot Streamer" (170 x 218 cm) aus dem Jahr 1999 / Ohne den Pinsel einmal abzusetzen, malte Walter Obholzer das Bild "Rosetten 2" (160 x 218 cm, oben). Rechts: Eine Tafel der Serie "Otaku" (218 x 160 cm) entstand 1998 /
