Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 58-65

Holzschneider als Hausbesetzer

Von Hans Pietsch Gautier Deblonde

Mit Beil, Fräse und Kettensäge verwandelte der deutsche Holzschneider Thomas Kilpper einen 400 Quadratmeter großen Parkettfußboden in den größten Druckstock der Welt / FOTOS: GAUTIER DEBLONDE

Karl Marx und Mao Zedong, Adolf Hitler und Ho Chi Minh, Ulrike Meinhof und Che Guevara - Köpfe der Zeitgeschichte auf eine gewaltige Tuchfläche gedruckt, die einen Teil der Hausfassade bedeckt. Was geht hier vor? Haben politische Aktivisten das Gebäude besetzt? Ein Plakat über dem Eingang fordert zum Eintreten auf: "Der Ring kehrt nach Blackfriars zurück. Wohnen Sie einem Boxkampf im Orbit House bei, veranstaltet von Thomas Kilpper und Co." Ein Boxkampf in einem leerstehenden Bürogebäude am Südufer der Themse? Wer kämpft da gegen wen? Im obersten Geschoss wird alles klar: Hier findet kein Kampf statt, sondern Kunst: "Ich stelle mir vor, dass meine Bildfiguren einem imaginären Boxkampf beiwohnen", sagt Thomas Kilpper über seine Rahmen sprengende Porträtarbeit.

Der Star dieses imaginären Kampfes ist der Parkettfußboden des 400 Quadratmeter großen Raums. In das altersdunkle Mahagoniholz sind tiefe Furchen eingefräst, die sich bei genauerem Hinsehen zu Gesichtern und Figuren verdichten. Thomas Kilpper (Jahrgang 1956) hat den Fußboden in einen Druckstock verwandelt, von dem er die gewaltigen Holzschnitte abgenommen hat. Fünf Monate verbrachte der Frankfurter Künstler im 10. Stock des aufgelassenen Bürohauses im Südlondoner Stadtteil Southwark und grub mit Beil, Fräse und Kettensäge die Geschichte des Ortes, verquickt mit der eigenen Biografie, in das teure Edelholz. Auf 12 Segeltuchbahnen druckte er dann den mit 400 Quadratmetern wohl größten Holzschnitt der Welt. Die mit dem Camberwell College of Arts zusammenarbeitende unternehmungslustige South London Gallery nahm das Projekt unter ihre Fittiche und ermöglichte so die Ausstellung.

Als Stipendiat der Hessischen Kulturstiftung war Kilpper mit der Vorstellung nach London gekommen, ein Projekt im halböffentlichen Raum zu machen. Auf der Suche nach einem leerstehenden Haus, dessen Besitzer ihm "eine Intervention in die Gebäudesubstanz" erlauben würde, so der Künstler, stieß er auf "Orbit House" in der Nähe der Themsebrücke Blackfriars, wenige Gehminuten von der neuen Tate Modern entfernt. Zu seinem Erstaunen stimmten die Besitzer seinem "zerstörerischen Projekt" sofort zu. Sie wollten das Gebäude ohnehin abreißen, um an seiner Stelle für 90 Millionen Pfund ein neues Bürohaus hochziehen zu können.

Bevor er sich ans Werk machte, recherchierte Kilpper für sein "Opus Magnum" die Geschichte des Ortes, an dem das Haus jetzt steht, zurück bis ins 18. Jahrhundert und förderte dabei erstaunliche Zusammenhänge zutage. Kilppers in Holz geschnittene Zeitreise beginnt um 1780 mit dem Bau einer achteckigen Kapelle. Der charismatische Reverend Rowland Hill versammelte hier bei seinen Gottesdiensten bis zu tausend Gläubige um sich. Nach 1890 wurde die Surrey Chapel als Lagerhaus und Fabrikhalle genutzt, ehe sie ab 1907 zwei Jahre lang der britischen Hauptstadt als eines der ersten Kinos diente. Zwischen 1910 und 1940 wurde aus dem früheren Gotteshaus die ganz und gar weltliche und bis heute legendäre Sportstätte: "The Ring". Einige der bekanntesten Londoner Boxer kämpften hier im Auftrag von Bella Burge, der Witwe des Gründers, um Gürtel und Titel. Die Kneipe gegenüber heißt noch heute "The Ring" und schmückt sich mit den Fotos der damaligen Faustkämpfer. Einige der älteren Stammgäste erinnern sich noch an Champions wie Len Harvey.

Die Vorstellung vom Boxen als physischer und psychischer Selbstbestätigung verknüpft Kilpper mit persönlichen Erinnerungen. Er bewundert "harte" Männer mit eisernem Kinn wie den Engländer Henry Cooper, aber auch den leichtfüßigen Ausnahmesportler Cassius Clay alias Muhammad Ali. Darüber hinaus zieht er Parallelen zum Geschäftsgebahren des Kunsthandels, wo nicht selten mit harten Bandagen gekämpft wird. New Yorks einstigen Supergaleristen Leo Castelli bildet er neben dem berühmten Poster der Kunsthändler Tony Shafrazi und Bruno Bischofberger von 1985 ab, auf dem die Pop-Künstler Andy Warhol und Jean-Michel Basquiat mit Boxhandschuhen als Kontrahenten nebeneinander posieren.

Neben verbissen geführten Boxkämpfen gab es im "Ring" gelegentlich auch Theater, bisweilen fungierte die Arena gar als Filmstudio: Das nahegelegene Old Vic Theatre nutzte das Gebäude als Ausweichquartier für Shakespeare-Aufführungen und der große Regisseur Alfred Hitchcock drehte dort Szenen für seinen Film "The Ring" (1927), in dem sich ein Boxer in eine Platzanweiserin verliebt. 1940 wurde die frühere Kapelle zweimal von deutschen Bomben getroffen und in Schutt und Asche gelegt. Kilppers monumentaler Zeitenspiegel zeigt auch, wer dafür verantwortlich war: "Ein diebisch grinsender Adolf Hitler mit Hakenkreuz-Armbinde freut sich über die zwei Volltreffer." Kilpper kommentiert das mit dem vom amerikanischen Militär geprägten Begriff "Kollateralschaden" - einer zynischen Umschreibung der Tatsache, dass bei Angriffen auf strategisch wichtige Ziele auch der Zivilbevölkerung Leid angetan wird.

Auch britische Militaria sind ein Motiv, das Kilpper dem an der Stelle des "Ring" gebauten Orbit House verdankt. Hier residierte in den Sechzigern die geheime Druckerei des britischen Verteidigungsministeriums. Kilpper fixiert das auf seinem Holzschnitt in einem hintersinnigen Zeitsprung: Der damalige Labour-Verteidigungsminister Denis Healey hält die älteste Wiedergabe einer europäischen Druckerei in der Hand, um 1500 in Lyon entstanden und dargestellt als "Totentanz".

Doch nicht nur das Verteidigungsministerium nutzte die geschichtsträchtige Immobilie. In den Obergeschossen des Orbit House lagerte die Ostasien-Abteilung der British Library mehr als 20 Jahre lang einige ihrer größten Schätze - darunter die älteste, auf 868 datierte, im Holzschnittverfahren hergestellte Schriftrolle der Welt, das so genannte "Diamant-Sutra".

Dass er ausgerechnet an diesem Ort seine Holzdruckerei etablierte, scheint Kilpper besonders passend, zumal ihm die eingelagerten Wertsachen zusätzliche Bildträger bescherten: Die an den Fenstern angebrachten durchsichtigen Folien zum Schutz der wertvollen Bibliotheksbestände vor UV-Strahlen zog er ab, bedruckte sie mit seinen Porträts und zog sie wieder auf - eine geisterhaft anmutende Darstellung des Genius loci.

Mit China verbinden Kilpper überdies persönliche Erinnerungen. Sein Großvater war dort Missionar. Während des Boxeraufstandes wurde er von Rebellen entführt und erst gegen die Zahlung eines Lösegelds wieder freigelassen. Auf Kilppers Holzschnitt gibt Mao Zedong - das Diamant-Sutra in der Hand - dazu einen pointierten Kommentar: "Wir entführten Eure Missionare in die Berge, Ihr habt das Diamant-Sutra nach Europa entführt. Wir gaben sie zurück, Ihr aber nicht."

Ein aktueller Aspekt, den Kilppers Arbeit kritisch aufgreift, ist die Umstrukturierung des gesamten Stadtviertels Southwark. Die "Tate Modern" spielt dabei eine wichtige Rolle: Das im Mai im ehemaligen E-Werk Bankside eröffnete neue Kunstinstitut verspricht, enormen sozialen, ökonomischen und kulturellen Nutzen für Southwark zu bringen. Ein Nutzen mit bitterem Nachgeschmack: Das bisherige Resultat der Attraktivität der neuen Tate Gallery sind nämlich explodierende Grundstückspreise und damit verbunden der Einzug einkommensstarker sozialer Gruppen. Die ursprünglichen Southwark-Bewohner werden verdrängt. "Ist das nicht eine problematische Doppelrolle, die die Kunst da spielt?", fragt Kilpper und ritzt auch diese Sorge ins Parkett.

Der Holzschneider versteht seine Arbeit durchaus als "etwas Politisches", wenn auch nicht "im Sinne von Politik machen oder Agitprop". 12 Jahre lang war er im Umkreis der Nachfolgegruppen der RAF engagiert, "das hat meine Persönlichkeit und meine Haltung zu gesellschaftlichen Fragen geprägt und fließt in meine künstlerische Arbeit ein. Bei mir ist das Politische immer auch sehr persönlich."

Das zeigte bereits der Probelauf, den Kilpper für seinen Riesenholzschnitt im Sommer 1998 unternommen hatte. Im hessischen Oberursel fräste und meißelte er aus den Holzdielen der Sporthalle einer ehemaligen US-Kaserne Bilder von Baskettballspielern und Boxkämpfern, Jazzmusikern und Fliegern, unterfüttert mit Szenen aus dem Vietnamkrieg und der Schleyer-Entführung. Vergangenheitsbewältigung anhand der Geschichte eines Ortes, der sich scheinbar nahtlos von einem NS-Reichssiedlungshof in ein CIA-Quartier und die GI-Kaserne Camp King verwandelte. Kilpper spiegelt die Geschichte des Ortes in der eigenen Biografie, die vom Vater als Wehrmachtsangehörigem und der eigenen Strafverfolgung wegen politischer Betätigung in den Siebzigern geprägt ist. Kilpper nannte die Oberurseler Bodenarbeit - mit 300 Quadratmetern deutscher Holzschnittrekord - "don't look back".

Künstlerisch sieht er sich allerdings "nicht so sehr als Holzschneider und Drucker, der darauf aus ist, immer größere Holzschnitte anzufertigen. Für mich ist der bearbeitete Boden nicht nur Druckstock, sondern vor allem auch eine Art Rauminstallation". Die benachbarte Tate Modern, deren Rolle als Katalysator innerstädtischer Erneuerung Kilpper in Frage stellt, hat 21 der Stoffdrucke sowie den dazugehörigen Teil des Parkettfußbodens angekauft. Irgendwann will er Negativ und Positiv gemeinsam präsentieren. Den Rest des Druckstocks werden Bauarbeiter zertrümmern, wenn sie das Orbit House abreißen. Thomas Kilpper bereitet die weitgehende Zerstörung seiner Basis-Arbeit keine Kopfschmerzen. Den Aspekt des "Vergänglichen und Temporären" findet er nämlich "keineswegs nur unsympathisch".

"Bei mir ist das Politische immer auch sehr persönlich und fließt in meine künstlerische Arbeit ein"

"Für mich ist der bearbeitete Boden nicht nur der Druckstock, sondern auch eine Rauminstallation"

Der Kunsthandel kämpft mit harten Bandagen

Literatur zum Thema:

Thomas Kilpper: Don't look back, Camp King Fittness Center, Oberursel, 1998/99. Thomas Kilpper: The Ring, Orbit House, London Southwark, 1999/2000. Beide Kataloge zu beziehen über Ausstellungsraum de Ligt, Oppenheimerstraße 34a, 60597 Frankfurt/Main. Tel./Fax 069/59793918.

Bildunterschrift: Thomas Kilpper beim Einfärben seiner in Mahagoni geschnittenen Lebensbilder im Orbit House im Londoner Stadtteil Southwark / Politische Bilderrätsel: Die "Druckwerkstatt" (oben) ist ein Hinweis auf die geheime Druckerei der britischen Armee, das Sigmund-Freud-Porträt (unten) auf die Vetreibung jüdischer Intellektueller durch das NS-Regime / "Meine Bilderhelden": Die Kollegen Gilbert & George und der Boxer Jack Stanley bewundern die Tänzerin Mata Hari (obere Abbildung). Kilpper-Freundinnen: Model Kate Moss und die Künstlerin Sarah Staton / Kilppers Atelier "The Ring" mit einem Porträt des achten Marquess of Queensberry / Thomas Kilpper vor einem Porträt von Alfred Hitchcock, der im Orbit House Filmszenen drehte / Kilppers Rahmen sprengende Porträtarbeit - der 400 Quadratmeter große Holzschnitt, gedruckt auf zwölf Segeltuchbahnen, zierte das Orbit House / Mit dem Schlagabtausch zwischen Warhol und Basquiat erinnert Thomas Kilpper an die Zeit, als das Orbit House noch Boxring war /