Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 69

Ich hoffe, du hast ein Projekt

Von Alfred Nemeczek

Die Hecken in diesem Wiener Barockgarten sind so akkurat beschnitten, als wären sie von Donald Judd. Behend schnipselnde Gärtnerscheren (oder doch ein Grasvertilgungsmittel?) haben Arabesken ins Rasengrün gefräst, und bei jedem meiner Schritte knirscht der lockere Kies. In mildestem Herbstsonnenschein überwinde ich die sanfte Steigung vom Unteren zum Oberen Belvedere-Schloss und bereite mich auf ein Kunsterlebnis vor. Ich denke über Marketing nach.

Meine beste Wissenskrücke, "Knaurs Lexikon a - z", erklärt mir diesen Begriff als "betriebliche Maßnahme zur Steigerung des Absatzes". Korrekt, aber wohl unvollständig. Denn längst schon mischt sich ja das Marketing, im Jargon "die Verkaufe" genannt, mächtig auch in meinen Alltag ein. Der Markt regiert, seine Tentakeln sind allgegenwärtig. Jeder kann, soll und muss heutzutage verkaufen. Sich selbst (Stichwort Image), eine Ware oder zumindest ein Projekt. Weh dem, der jetzt keins hat oder keins verkörpert!

Die Kuratoren der Österreichischen Galerie im Oberen Belvedere waren da lange auf der sicheren Seite. Sie hatten ein Projekt, das kunsthistorisch wasserdicht und dennoch als crowd pleaser tauglich war, wie Kunstmanager Ausstellungen nennen, bei denen zigtausend Besucher sogar einem saftigen Eintrittspreis nicht widerstehen können. Hier: 120 Schilling, gut 17 Mark. Unter dem Titel "Klimt und das europäische Frauenbildnis" plante und propagierte das Museumsteam eine Gegenüberstellung der kostbar stilisierten, doch nicht sehr zahlreichen Damenporträts von Gustav Klimt (1862 bis 1918) mit Beispielen von 19 anderen Malern des Fin de siecle, darunter Oskar Kokoschka und Edvard Munch, John Singer Sargent und Kees van Dongen, Auguste Renoir und Max Klinger.

Doch dann schlug das Marketing zu. Es veränderte zum Glück nicht die Ausstellung, wohl aber den Titel. Und so erreiche ich auf meinem Kiesweg eine Schau namens "Klimt und die Frauen". Was ja auch ein spannendes Thema wäre.

"Von geheimnisvoll-nackten Frauenwesen umgeben, die in seiner Werkstatt auf und nieder wandelten, sich räkelten, faulenzten und in den Tag hinein blühten", erblickte einst der Schriftsteller Franz Servaes den Jugendstilfürsten Klimt, von dem auch "ein animalisch erregender Körpergeruch ausgegangen" sei (so die 1916 von Klimt porträtierte Friederike Maria Beer). Aber die fesselnde Ausstellung bleibt nüchtern bei ihrem Vergleichskonzept und lässt sich auf den Cheferotiker der Wiener Decadence kaum ein. Sie verweigert sogar die sinnlichen Aktzeichnungen und erspart sich die Information, dass nach dem Tod des Künstlers 14 Mütter Erbansprüche für ihre Kinder angemeldet haben.

Für den offenkundigen Etikettenschwindel entschädigt mich dann unter anderem der Götterblick vom Belvedere-Festsaal auf das Wiener Stadtpanorama, in dem derzeit unzählige Baukräne den Kirchtürmen Konkurrenz machen und Wandel signalisieren.

Die Kulturbaustelle bei den einstigen Hofstallungen hat ihren Kran kaum noch nötig. Im künftigen Museumsquartier - Eröffnung Juni 2001 - werden bereits Stiegenhäuser verkleidet und Strippen für die Haustechnik gezogen. Schon hat das Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig sein Palais Liechtenstein und das bewährte 20er Haus geschlossen; nach einem Interim im Künstlerhaus will es sein Comeback am neuen Standort mit einer Warhol-Schau befeuern. Dann debütiert dort auch das Leopold Museum Wien mit Egon Schiele, und das Kunsthistorische Museum begrüßt seine neuen Nachbarn mit einer ehrgeizigen Darbietung der Gemälde von El Greco. Also, was hilft's: Auch nächstes Jahr treibt es mich wieder nach Wien, wo inzwischen eine FPÖ mitregiert, die in der Opposition das Projekt Museumsquartier rabiat bekämpft hat.

Vorher aber lockt mich Arnold Bode (1900 bis 1977) nach Kassel. Am 23. Dezember wäre mein Freund und Mentor 100 Jahre alt geworden. Sein Projekt, die 1955 von ihm inspirierte documenta, wurde zur Institution, als der Kasseler Maler und Designer ihr Marketing forcierte, ohne zu wissen, was Marketing ist: Bode adelte seine Weltschau zeitgenössischer Kunst mit dem genialen Werbe-Slogan "Museum der 100 Tage". Auf dieser Basis erzielen seine Nachfolger seither ihre Besucherrekorde und passen das Projekt jeweils dem Zeitgeist an.

Mit drei Ausstellungen und einem Festakt hält Kassel jetzt die Erinnerung an einen großen Mitbürger frisch. Und die Deutsche Post krönt das Bode-Jubiläum mit einer Sondermarke, die ich glatt aufkaufe, wenn sie außer mir keiner kleben will.