Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 82
Hexenmeister der Bewegung
Von Ruth Hndler
AUSSTELLUNGEN IM DEZEMBER - HÖHEPUNKTE DES MONATS: INFORMATIONEN, VORSCHAU, KRITIKEN & TERMINE / Stuttgart: Yves Tanguy / Die Staatsgalerie zeigt eine Retrospektive des französisch-amerikanischen Malers zusammen mit Bildern seiner Weggenossen
In ihm fand fand der französische Dichter und Kunsttheoretiker Andre Breton, Chefideologe des Surrealismus, sein malendes Alter Ego: Wie kein anderer Künstler hat Yves Tanguy (1900 bis 1955) in alchemistischen Landschaftsbildern die "Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluten Realität" vorangetrieben, die Breton im ersten Manifest der Bewegung von 1924 als "Surrealität" definierte.
Doch Bilderrätsel, die nicht zu entschlüsseln sind, mögen in der Reihung allzu ähnlich erscheinen. Unter dem Vorwurf der Monotonie, der versierten Versatzstück-Malerei, steht bis heute das weit verstreute Werk des surrealistischen Hexenmeisters, der niemals die Popularität von Magritte oder Dali erreichte.
Mit 80 Gemälden und 35 Arbeiten auf Papier aus der Zeit von 1926 bis zu Tanguys Tod im Jahr 1955 lädt die Stuttgarter Staatsgalerie jetzt zu einer Neubewertung ein. Im surrealistischen Kontext von 25 Gemälden und 15 Papierarbeiten, unter anderem von Salvador Dali und Andre Masson, ist in der von Karin von Maur verantworteten Ausstellung auch Giorgio de Chiricos "Gehirn des Kindes" (1914) zu sehen, das Werk, das Tanguy zur Kunst gebracht haben soll.
Zur Ausstellung (9. Dezember bis 29. April 2001) erscheint im Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, ein 260 Seiten starker Katalog zum Preis von 39 Mark (Buchhandelsausgabe 98 Mark). Zweite Station ist die Menil Collection, Houston (1. Juni bis 16. September 2001).
Bildunterschrift: Yves Tanguy: "Die Hand in den Wolken" (65 x 54 cm, 1927) /
