Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 76-77

Der American way of life als Prachtmeile

Von Christian Schaernack

AUSSTELLUNGEN IM DEZEMBER - HÖHEPUNKTE DES MONATS: INFORMATIONEN, VORSCHAU, KRITIKEN & TERMINE / New York: Edward Steichen / Das New Yorker Whitney Museum of American Art zeigt über 200 Arbeiten des amerikanischen Fotografen

Für den Fotografen Ansel Adams war er der "Anti-Christ", sein Werk eine "Ohrfeige ins Gesicht kreativer Fotografie". Walker Evans erkannte zwar die technische Raffinesse des Kollegen. Doch ein Tabu war das Werk Edward Steichens auch für ihn. "Ein untrügliches Gespür für die Eleganz des Parvenüs" attestierte er ihm in scharfen Tönen, dazu eine "totale inhaltliche Leere".

Bis heute ist Edward Steichen (1879 bis 1973) eine der umstrittensten Figuren in der Geschichte der Fotografie. Daran wird auch die Schau im Whitney - die erste Retrospektive zum Werk des Amerikaners seit 30 Jahren - nichts ändern. Denn die Widersprüche bleiben: Steichen war Künstler und kommerzieller Werbefotograf zugleich, Humanist mit einer Schwäche für Glitzer und Glamour, vor allem jedoch Wegbereiter für das junge Massenmedium mit seinen damals ungeahnten Potenzialen.

Weltbekannt wurde der in Luxemburg geborene Eduard Jean Steichen durch seine frühen Porträts von Hollywood-Stars. Marlene Dietrich räkelt sich 1932 mit verklärtem Blick und Federhut vor seiner Linse, Charlie Chaplin lächelt 1935 süßlich, und die Garbo gibt sich in einer Aufnahme von 1928 nordisch streng.

Die Modefotografie revolutionierte Steichen ab den zwanziger Jahren. Als Leiter der New Yorker Fotoredaktionen von "Vogue" und "Vanity Fair" reizte er seine unverwechselbare Bildsprache bis an die Grenzen zum Theatralischen aus. Dramatische Lichteffekte paarten sich mit exaltierten Posen. Steichen führte Art Deco und die überzüchtete Form der Stromlinie in die Welt der Fotografie ein. Mit scharfen Kontrasten von Hell und Dunkel spielt er nicht nur in der Modefotografie. Bei den "Säulen des Parthenon" von 1921 ziehen die Schatten mehr Aufmerksamkeit auf sich als der antike Bau selbst.

Von Anfang an hat Steichen inszeniert und manipuliert. 1904 etwa entsteht in New York die Aufnahme des keilförmigen "Flatiron Building". Typisch für den Piktorialismus der Jahrhundertwende, kokettiert der Fotograf in Motivwahl und Einsatz visueller Effekte mit den Stilmitteln der Ölmalerei. Das stimmungsvolle Foto mit seinen Reflektionen auf regennasser Straße wurde im Zuge des aufwändigen Gummidruck-Verfahrens mehrfach beschichtet und grünlich eingefärbt. Steichen selbst hatte ab 1896 in Milwaukee Malerei studiert - zahlreiche der frühen Gemälde wie eine in unwirklich diffuses Licht getauchte "Landschaft mit Allee" (1902) sind denn auch im Whitney Museum zu sehen. Dabei zeigte sich der Künstler sowohl von den französischen Symbolisten als auch vom dekorativen Jugendstil eines Gustav Klimt beeinflusst.

Schon bald jedoch wurde der Amerikaner von einer jungen Avantgarde überholt. Beeinflusst sowohl von den Gesetzen des Kubismus als auch von einer geradlinigen Dokumentarfotografie, hatten Kollegen wie Paul Strand, Charles Sheeler und Edward Weston für Steichens idealisierte Bilderwelten bald nur noch Spott übrig. Derweil belegt im Whitney nicht zuletzt eine Serie exquisit schlichter Stillleben mit Früchten von 1920 bis 1921, wie der ältere Künstler immer wieder mit avantgardistischem Vokabular experimentierte.

Edward Steichen fand seine Bildmotive nicht wie Walker Evans auf den Seitenstraßen oder in den Hinterhöfen New Yorks. Sein unbeirrter Glaube an die Existenz universaler Gesetze von Schönheit trieb ihn vielmehr in die Glitzerwelt der modernen Konsumgesellschaft. Dort trug der Künstler wesentlich dazu bei, die Fotografie als Massenmedium mit beispielloser Breitenwirkung zu emanzipieren - so erscheinen viele seiner Porträts, seiner Mode- und Werbefotografien wie poetische Propaganda für den American way of life.

Die Ausstellung ist noch bis zum 4. Februar 2001 im Whitney Museum zu sehen. Der 128 Seiten starke Katalog kostet 12,95 Dollar.

Bildunterschrift: Für "Vanity Fair" fotografiert: "George Washington Bridge" (1933) / Modebild aus der "Vogue" von 1934: "Mrs. Wiliam T. Wetmore in einem Abendkleid aus Satin" /