Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 80

Topografie und Geschichte

Von

AUSSTELLUNGEN IM DEZEMBER - HÖHEPUNKTE DES MONATS: INFORMATIONEN, VORSCHAU, KRITIKEN & TERMINE / Kassel: Penny Yassour / Der Kasseler Kunstverein zeigt Arbeiten der Arnold-Bode-Preisträgerin

Zwei aggressive Kampfhähne, die gleich aufeinander losgehen? Das Streckennetz der Deutschen Reichsbahn von 1938, zweimal in hängende Gummimatrizen geprägt. Davor noch einmal diese Matten, in sich zusammengefallen. Mit ihrer Installation "Mental Maps - Involuntary Memory, Kassel 1997" ("Geistige Landkarten - Unfreiwillige Erinnerung") im Zwehrenturm wurde die israelische Künstlerin Penny Yassour erstmals einem größeren Publikum in Europa bekannt. Wie nur Wenige auf der kopflastigen documenta 10 hatte sie es vermocht, die Besucher mit ihrer eindringlichen Arbeit auch sinnlich gefangen zu nehmen.

Die 1950 im Kibbuz Ein Harod Jhud geborene Künstlerin hat in Haifa Kunst und Geografie studiert. Immer wieder greift sie in ihren Installationen auf die Topografie zurück, um psychische, historische und soziale Phänomene in komplexen Bildmetaphern zu erfassen.

1999 erhielt Penny Yassour für ihre Arbeit den nach dem documenta-Gründer benannten Arnold-Bode-Preis der Stadt Kassel; aus diesem Anlass stellt sie jetzt der Kunstverein im Museum Fridericianum mit einer ersten großen Einzelausstellung in Deutschland vor. Yassour plant eine vielteilige Installation, die den gesamten Saal des Kunstvereins füllt. Der Titel "echolalia" bezeichnet eine Krankheit, bei der der Betroffene zwanghaft den immergleichen Satz wiederholt. Überlebensgroße Tierfiguren, ein Schriftband aus 1200 Glühlampen, flüsternde Stimmen, eine Holzkiste, aus der eine riesige Gummizunge lappt, die Silhouette einer Menschenpyramide, die einer Landkarte gleicht - ein lustig-bedrohliches Jahrmarktszenario. Auch hier gibt es eine historische Dimension: Die Lattenkisten verweisen auf die durch Bomben zerstörte Fachwerkstadt Kassel, Vorbild für die Pyramide war ein Foto von turnenden Arbeitern der Henschel-Flugzeugwerft. Daneben präsentiert die Kasseler Ausstellung Yassour erstmals in Deutschland auch als Zeichnerin. Tim Sommer

Die Ausstellung im Museum Fridericianum dauert vom 16. Dezember bis zum 25. Februar 2001. Es erscheint ein Katalog.

Bildunterschrift: Überzeugte auf der documenta 10: Penny Yassours Installation "Mental Maps - Involuntary Memory, Kassel 1997" im Zwehrenturm / Arbeit auf Papier, ohne Titel (70 x 100 cm) aus dem Jahr 1998 / Zeichnung (70 x 100 cm) zu dem Projekt "unsagbare Nachbarschaft" (1998) über französische Bunker /