Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 14-29

"Meine Arbeiten sind Rüstungen für mich"

Von Axel Hecht Michael Dannenmann

WERKSTATTGESPRÄCH MIT GÜNTHER UECKER / In sensiblen Fingermalereien, kraftvollen Nagelskulpturen, rätselhaften Verschnürungen und melancholischen Aschebildern sucht der Künstler nach gültigen Chiffren für sein Verständnis von der Welt. Bis heute ist der inzwischen 70-Jährige noch nicht an die Grenzen seines Kunst-Kosmos gelangt

Günther Uecker, 70, ist einer der wichtigsten und vielseitigsten Künstler seiner Generation. Wie seine gleichrangigen Malerfreunde Gotthard Graubner und Gerhard Richter wuchs auch Uecker in der DDR auf. Der Sohn eines Landwirts studierte an den Kunstakademien von Wismar und Düsseldorf Malerei und machte 1957 mit ersten Nagelbildern Furore. Trotz kurzfristiger Mitgliedschaft in der Künstlergruppe "Zero" (Gründer: Heinz Mack und Otto Piene) blieb Uecker ein künstlerischer Einzelgänger, der mit Nagelobjekten, Raumlinien, Schriftbildern, Sandmühlen und spirituellen Aktionen ein Werk entwarf, das reich an verschlüsselten Symbolen ist. Doch der Künstler mischt sich auch direkt ins Weltgeschehen ein. 1986 reagierte er mit einem Zyklus auf den Reaktor-Unfall von Tschernobyl, 1994 plante er mit chinesischen Künstler eine Gemeinschaftsausstellung, die von den Behörden kurzfristig abgesagt wurde und in dem "Brief an Peking" ihren Niederschlag fand. 1999 entwarf er ein Mahnmal für die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Buchenwald und baute im selben Jahr einen Andachtsraum für den Berliner Reichstag. Uecker lehrte von 1974 bis 1995 als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf und war Teilnehmer vieler internationaler Biennalen. Seine bislang größte Ausstellung mit über 800 Werken wurde 1988 in Moskau gezeigt. Mit Günther Uecker sprach ART-Redakteur Axel Hecht.

ART: Herr Uecker, Sie wirken so sanft, aber nach Ihrer Kunst zu schließen sind Sie doch eher ein Berserker.

Uecker: Ja, in mir ist ein hohes Aggressionspotenzial. Das ergibt sich schon aus meiner ländlichen Herkunft, wo man grob mit Tieren und Dingen umging. Ich kann mich an viele Schläge erinnern, die ich erlitt.

ART: Welche Folgen hatten diese Erfahrungen?

Uecker: In mir entstand etwas, das sich sträubt und das sich wehrt. Meine Arbeiten sind für mich wie eine Rüstung, wie ein Schild. Da sind Dinge, die sich gegen die Welt stellen, die mich bewahren und beschützen.

ART: Sie sprechen aber auch von der Gewalt, die in einem selbst liegt.

Uecker: Die unbekannten Energien, die aggressiven Kräfte in einem, die dazu führen könnten, einen Menschen zu erschlagen, die sind zu befrieden. Ich mache diese Aggressionen sichtbar, wandle sie poetisch um. Viele Menschen, die meine Werke berühren, die mit den Fingern über die Nägel fahren, spüren ja etwas Sanftes.

ART: Sie wollen in Ihrem Werk mit Ihrem Publikum in einen Dialog treten?

Uecker: Auf der einen Seite ist mein Handeln autobiografisch geprägt; ich betreibe in der Arbeit also Selbsttherapie, zum anderen suche ich aber auch nach Zeichen, die Liebesbegehren signalisieren, damit ich mit dem anderen einen Dialog herstellen kann. Durch meine künstlerische Arbeit möchte ich mit anderen Menschen in Berührung kommen. Ich bin als Kind ja sehr einsam aufgewachsen und war lange Zeit auch nicht recht sprachfähig, weil man im Norden wenige Wörter macht, um sich mitzuteilen.

ART: Als Kind waren Sie ungebärdig und sind Ihren Eltern andauernd weggelaufen. War Ihnen die Ostsee-Halbinsel Wustrow zu klein?

Uecker: Ich hatte in mir ein ständiges Sehnen. Immer hab' ich über das Wasser der Ostsee geschaut, manchmal vernebelte es sich, dann war es wieder ganz klar. Über den Horizont spiegelte sich Land ein. Das ferne nordische Land. Das Nordlicht berührte mich sehr stark. Ich glaubte, da ist etwas Wunderbares, aber auch Unheimliches. Und dann kamen diese bemalten Menschen zu uns, die Sommerfrischler aus Berlin und Sachsen, die hatten Lippenstift, bemalte Fingernägel und weiße Kleider zum Tennisspielen. Diese Bemalungen waren für mich faszinierend, und ich spürte, ich muss dahin gehen, woher diese Menschen kommen.

ART: Einstweilen blieben Sie aber als Bauernjunge auf Wustrow, liefen hinter der Egge her und striegelten das väterliche Vieh. Gab es dennoch erste Anzeichen für künstlerische Talente?

Uecker: Ich habe schon früh gezeichnet. Dabei hockte ich mich heimlich unter den Tisch, die Decke war groß und fiel weit herunter, ich saß wie in einem Zelt, und zeichnete die Buchstaben aus den Zeitungen ab. Am liebsten habe ich die Buchstaben und Zahlen nachgemalt, die mir Angst machten. Zum Beispiel die Fünf, weil die ein offenes Maul hatte und einen wehenden Schopf. Da bekam ich richtige Schauer.

ART: Haben Ihre Eltern diese Anlage gefördert?

Uecker: Wenn ich entdeckt wurde, dann bekam ich von meinem Vater natürlich Prügel. Für meinen Vater war Zeichnen und Malen in hohem Grade homosexuell. Er hat sich geängstigt, dass ich verrückt wäre, und deswegen hat er immer auf mich eingedroschen. Dann habe ich eben heimlich gezeichnet.

ART: Fanden Sie bei Lehrern Unterstützung?

Uecker: Alte Schulfreunde aus Mecklenburg, mit denen ich mich noch treffe, sagen: Die Lehrer haben dich immer als unser Vorbild genommen und dich sogar den Zeichenunterricht machen lassen.

ART: Hat der Krieg in Ihre Jugend eingegriffen?

Uecker: Erst spät, eigentlich erst nach dem Ende. Ich hatte mit Freunden eine Bande gebildet. Gemeinsam suchten wir in zerschossenen Häusern nach Essbarem. Wir waren auch bewaffnet und haben Einbrüche gemacht. Und einmal, als uns die sowjetische Soldaten wieder geschnappt hatten, mussten wir eine furchtbare Arbeit leisten. Vor unserer Küste war die Cap Arcona mit KZ-Insassen und begleitenden Marine-Soldaten untergegangen. Die Leichen lagen am Strand und wurden von den Russen nicht unter die Erde gebracht. Bei Westwind war der Gestank der Leichen nicht auszuhalten.

ART: Und so wurden Sie deren kindlicher Bestatter?

Uecker: Die Russen haben die Waffen auf uns gerichtet und uns an den Strand getrieben. Da sah ich im Sommer 1945 zum ersten Mal Tote und Verwesende. Ich begegnete Menschen, die hatten wochenlang am Strand gelegen und bewegten sich, weil sie voller Maden waren. Damals habe ich 75 Leichen begraben.

ART: Sucht Sie die Erinnerung an dieses schlimme Erlebnis noch manchmal heim?

Uecker: Das hat schon ein Trauma ausgelöst. Als ich nach Hause kam, habe ich meine Kleider beiseite geschafft, mich in einen Zuber gelegt und blieb in dem Wasser liegen. Ich konnte auch nicht mit meiner Mutter darüber sprechen. Dieses Erlebnis hat sich tief eingegraben; als der Reaktor-Unfall von Tschernobyl passierte, da kamen diese starken Wahrnehmungen von früher, die ich noch heute kaum aussprechen kann, wieder hoch.

ART: Dann haben Sie 1986 aber doch einen künstlerischen Ausdruck für das Unfassbare gefunden.

Uecker: Da ich es sprachlich nicht fassen konnte, habe ich es mit meinen Mitteln ausgedrückt. Ich habe mich rücklings auf die Leinwand in Asche gelegt, so wie ich damals diese Menschen am Strand erlebt habe, und habe um mich schlagend wie ein Epileptiker versucht, aus dem Inneren zu fühlen. Aus dieser Aktion ist dann der Zyklus der Aschebilder entstanden. Vieles in meinem Werk hat eben doch autobiografische Züge, indem ich Vorgänge aus früheren Zeiten im Unterbewussten bewahre, die später dann Ausdruck finden.

ART: Nach dem Krieg, am Strand von Wustrow hatten Sie diese Mittel noch nicht. Wann begannen Sie mit der richtigen Ausbildung?

Uecker: Wir wurden 1949 von der Insel evakuiert, kamen nach Groß Schwansee bei Kalkhorst und dort gab es Programme, im landwirtschaftlichen Raum Kulturstätten einzurichten. Ich begann Theater zu spielen. Dann gewann ich in der Schule einen Plakatwettbewerb, und anschließend kam ein Mann von der Handelsorganisation aus Grevesmühlen, der mich fördern wollte. Ich machte zuerst meinen Facharbeiterbrief als "Werbegestalter", und dann konnte ich endlich studieren. Ich kam in ein Internat und wurde zunächst in Agitation und Propaganda ausgebildet.

ART: Die freie Kunst ließ also auf sich warten.

Uecker: Ich machte Reklame für die Parteitagsbeschlüsse, hab' sehr große Stalin-Porträts ausgeführt und 50 Meter lange Schriftzüge aus der freien Hand. Dann wurde ich an der Fachschule für angewandte Kunst in Wismar aufgenommen, das war eine Außenstelle der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.

ART: Sie machten dann schnell Karriere als Bevollmächtigter für Parteiaufzüge.

Uecker: Ich war für die Platzgestaltung zuständig. Es ging darum, Fassaden mit großen Bildern und Transparenten zu behängen. Ich musste aufpassen, dass die Parolen richtig geschrieben wurden, wir hatten freie Bahnfahrt und bekamen eine Intelligenz-Lebensmittelkarte.

ART: Sind Sie darüber zum Kommunisten geworden?

Uecker: Wann wird man ein Kommunist? Ich kam aus dem Arbeiter- und Bauernstand, da war der dialektische Materialismus im Sinne einer intellektuellen Entwicklung für mich schon nachvollziehbar.

ART: Dennoch sind Sie 1953 geflohen. Warum?

Uecker: Einerseits hatten wir ja so etwas wie eine Gehirnwäsche bekommen, aber dann begriffen wir auch, wie häufig Theorie und Praxis auseinanderklafften. Darüber diskutierten wir nachts in den Schlafsälen. Ich merkte, wie ich immer lügenfähiger wurde und selbst nicht mehr unterscheiden konnte, ob ich log oder die Wahrheit sagte. Das hat mir Angst gemacht. So bin ich in Berlin durch das Brandenburger Tor in den Westen gegangen und habe mich den Alliierten gestellt.

ART: Wieso gestellt?

Uecker: Ich war doch Funktionär im Bereich Agitation. Drei Monate wurde ich verhört von den Amerikanern, Engländern und Franzosen. Tagsüber wurde ich verhört, nachts schlief ich in Ruinen, dann wurde ich mit einer DC 3 nach Bremen ausgeflogen und kam in das ehemalige Konzentrationslager Sandbostel im Moor. Das war ein Auffanglager für Jugendliche wie mich.

ART: Hatten Sie denn ein Ziel?

Uecker: Ja, ich wollte nach Düsseldorf an die Akademie. Das hatte ich mir bereits in der DDR vorgenommen. Ich wollte zu Otto Pankok, der auch in der DDR sehr geschätzt wurde. Ich wollte doch auch vor meinen Freunden drüben bestehen und nicht als einer gelten, der nur abhaut, um in den Kapitalismus zu gehen.

ART: Wie sind Sie in Düsseldorf denn aufgenommen worden?

Uecker: Als ich zu Pankok in die Akademie kam, hat der mich ganz ernst angeschaut und gesagt: "Das Beste ist, du gehst wieder zurück, du bist hier falsch." Und da habe ich einen richtigen Zusammenbruch gekriegt und hab' geheult. Pankok war richtig angerührt, ist ins Sekretariat gegangen und hat mich eingeschrieben - ohne Prüfung. Und dann konnte ich mir nachts eine Matratze in die Klasse legen und musste nicht mehr in Ruinen an der Kö schlafen.

ART: Was haben Sie bei Pankok gelernt?

Uecker: Erst mal hat er mich von Picasso abgebracht. Den schätzte ich sehr, hatte seine Friedenstauben in der DDR ja auch ständig nachgemalt. Aber Pankok sagte: Das ist nicht richtig, dass du dem folgst. Dann bin ich sehr viel nach Holland gefahren, um die westliche Welt kennen zu lernen - mit dem Fahrrad oder per Autostopp. Und immer bin ich schwarz über die Grenze gegangen. Ich dachte, da stehen auch Stasi-Leute, da kommst du wieder ins Gefängnis.

ART: Auch künstlerisch haben Sie damals Grenzen überschritten. Noch als Meisterschüler legten Sie die Pinsel beiseite und begannen, mit bloßen Fingern zu malen.

Uecker: Ich habe bei Pankok viele Zeichnungen und Holzschnitte gemacht, aber eigentlich wollte ich ein Maler sein. Ich wusste aber nicht, wie man ein Maler wird. Und so malen, wie ich zeichnete, das wollte ich nicht, das war mir zu illustrativ. Zu jener Zeit war ich sehr fasziniert von den Werken neuer Musik, von Pierre Boulez und John Cage - die kannte ich aus dem WDR-Nachtstudio. So dachte ich: Malerei muss sein wie Klänge hören. Ich wollte meine Gefühle formulieren, dann habe ich mit den Fingern meine inneren Klänge notiert. Das ist wie auf dem Acker, da mussten wir die Kartoffeln auch mit den Fingern aufklauben.

ART: Aber ganz ohne Hilfsmittel sollten Sie dann doch nicht auskommen.

Uecker: Nein, später habe ich mir Gerätschaften gemacht, weil ich fühlte: "Du musst etwas eingraben." Das waren Bretter mit Nägeln, also eiserne Pinsel, und damit habe ich Furchen auf Leinwand und Papier gezogen. Das waren experimentelle Arbeiten, um dem inneren Gefühl Ausdruck zu geben.

Zu der Zeit habe ich mich ja auch viel mit Musik beschäftigt, besonders mit der Gregorianik, der eine strenge, fast monotone Gesangsstruktur zugrunde liegt, in der aber jeder einzelne Sänger eine Modulation erschafft. Auf dieser Grundlage wollte ich Malerei vorantreiben. So habe ich mir eine Grundstruktur aus Bürsten mit Nägeln geschaffen und die Zwischenräume mit Farbe ausgefüllt.

ART: Waren das schon genagelte Leinwände oder Bretter?

Uecker: Leinwände und Hartfaserpappen. Und die übernagelte ich im Prinzip der Reihe. Das war für mich wichtig, denn hier gab es im Gegensatz zum traditionellen Denken auch keine Bildhierarchie mehr. Meine Emotion habe ich dann als bewussten Störfaktor eingebracht.

ART: Sie wählten sich dann eine Mönchszelle ganz eigener Art als Atelier.

Uecker: Ich hatte eine alte Scheune in Oberkassel, die habe ich innen weiß gestrichen, auch die Fenster. Dort habe ich mich lange aufgehalten, bin gar nicht mehr rausgegangen. Und dann habe ich mit einem Bogen Pfeile auf die weiße Leinwand geschossen und gehofft, durch die häufige Wiederholung würde sich mir eine Chiffre offenbaren, die mir zutiefst zu eigen ist und mich unterscheidet von den anderen Menschen in der Schöpfung.

ART: Sie haben damit Prozess und Material eine große Bedeutung gegeben.

Uecker: Ja, in meinen Werken ist das Material direkter bildnerischer Ausdruck. Die Arbeiten, die entstehen, werden aufgestellt, und dann muss ich sie anerkennen. Und es wird nicht korrigiert. Ich akzeptiere also, was mir zutiefst zu eigen ist, und sage nicht: Dann rücken wir das noch ein bisschen nach links, dann sieht die Skulptur ja viel besser aus.

ART: Wer nicht korrigiert, der muss ein misslungenes Werk gleich vernichten.

Uecker: Es gibt bei mir kein misslungenes Werk. Da fängt's ja an.

ART: Das hat der Düsseldorfer Galerist Alfred Schmela, der Sie später häufig ausgestellt hat, um 1958 aber anderes gesehen.

Uecker: Der sagte: "Stell das mal hier hin." Und später hat er mir gestanden: "Ich hab' das anfangs für Fußmatten gehalten."

ART: Sie waren Ende der fünfziger Jahre in Düsseldorf immer noch allein. Wann stießen Sie auf Heinz Mack und Otto Piene?

Uecker: Über meine Freundschaft zu Yves Klein. Den hatte ich in Südfrankreich durch einen gemeinsamen Freund kennengelernt. Und als Yves Klein seine erste Ausstellung in Düsseldorf hatte, kamen auch Mack und Piene. Später luden mich die beiden zu ihren Abendausstellungen ein - als Gast. Erst 1960 haben wir bei Schmela die erste Zero-Ausstellung gemacht.

ART: Damals haben Sie das Pflaster vor der Galerie weiß gestrichen. Ging es um Skandal?

Uecker: Ich wollte eine neutrale Zone schaffen, in der die Menschen neue Zeichen setzen. Sie haben die weißen Spuren in die ganze Altstadt geschleppt und die dunklen vor der Galerie hinterlassen.

ART: Waren Sie mit den beiden Zero-Künstlern nur lose verbunden?

Uecker: Viele Aufgaben wurden auf mich übertragen, denn Mack und Piene waren tagsüber ja Lehrer, die nachts an ihrer Kunst arbeiteten. Ich musste dann morgens die Transporte überwachen, die Ausstellungen aufbauen und später die Aktionen machen. Da war ich sehr brauchbar. Ich lebte ja als freier Künstler, hatte keinen Job, bin nur manchmal in die Fabrik gegangen.

ART: Wovon haben Sie damals gelebt?

Uecker: Ich war bei der Gerresheimer Glashütte, 400 Mark im Monat. Und dann habe ich manchmal Feste gemacht, fünf Mark Eintritt. Wilde Feste in meiner Scheune, mit Bands. 250 Leute kamen, da blieb auch was übrig.

ART: Damals begann wohl auch der Feldzug des Nagels in Ihrem Werk.

Uecker: Der Nagel war anfangs ein impertinentes Instrument, ein eiserner Pinsel. Dann begriff ich, dass dieses Werkzeug besser war als das, was ich damit machen wollte. Wenn ich morgens aufwachte - ich schlief ja neben meinen Arbeiten -, hab' ich natürlich sofort auf die Arbeit geschaut, denn dann sieht man die Wahrheit. Und es fiel mir immer das Werkzeug ins Auge. Wie stark das doch war. Dabei hatte ich doch das andere gewollt. Und plötzlich begriff ich: Ich baue die Palisaden zur Erstürmung der Malerei - so wie Leonardo seine Kriegsmaschinen gebaut hat. Plötzlich war ich bei den Objekten, habe Tische und Stühle benagelt und begriff: Der Nagel, der ist's.

ART: Ein kluger Kopf hat einmal ausgerechnet, dass Sie im Laufe Ihres Lebens rund 200 Tonnen Nägel verbraucht haben. Ist das glaubhaft?

Uecker: Ich will es nicht wissen. Es geht nicht um die Menge. Wie viele Pinsel verbraucht ein Maler? Das ist kein Thema in der Kunst.

ART: Kam der große Durchbruch 1964 mit der Aktion im Pianohaus Kohl in Gelsenkirchen?

Uecker: Das war mein erstes monumentales Objekt. Ich hatte begriffen, dass Menschen kultische Rituale und Objekte brauchten. Sie wuschen am Samstag ihr Auto, stellten sich eine Fernsehtruhe ins Wohnzimmer. Und plötzlich wollte ich meine puristischen Strukturen auf diese gegenständliche Kult- und Konsumwelt übertragen.

ART: Ist das Klavier ein Kultobjekt?

Uecker: Das Piano ist für mich das höchste Gut, die Hybris menschlicher Kultur in Europa. Und ich dachte: Das musst du attackieren und überfluten.

ART: Wie kamen Sie denn an ein Klavier?

Uecker: Der Architekt Werner Ruhnau hatte gerade in Gelsenkirchen das neue Theater gebaut und die Kohls kennen gelernt. Die interessierten sich für bildende Kunst und boten mir an, in ihrem Pianohaus eine Ausstellung zu machen. Ich sah mir das Geschäft an - und da standen diese herrlichen Flügel, aber die waren wahnsinnig teuer. Also bat ich Ruhnau, ein Klavier zu kaufen. Ich schenk' es dir hinterher auch, habe ich gesagt.

ART: Wusste Ruhnau, was Sie vorhatten?

Uecker: Nein. Ich habe das geheimgehalten. Heinz Mack stand inmitten der Klaviere und hielt die Eröffnungsrede. Dabei komme ich die Treppe herunter, er redet weiter. Ich habe Taschen mit Werkzeug bei mir und schlage den ersten Nagel in das Klavier. Die Leute erstarren. Ich dachte, nur keine Pause machen, und habe manisch weitergenagelt. Bis dann die Polizei kam - aber die hat nichts unternommen. Und dann habe ich weiche, weiße Farbe über das Objekt gebracht.

ART: Wie reagierte das Publikum?

Uecker: Das ging zum Schluss stumm auseinander. Die Aktion hatte eine große Wirkung. Ich hatte ein Tabu verletzt, indem ich ein Musikinstrument zerstörte, und andererseits wurde auf neue Art ein bildnerischer Akt wahrnehmbar. Das war eine bisher unbekannte kultische Handlung.

ART: Hat Ruhnau das Klavier bis heute?

Uecker: Er hat es gerade verkauft, an Herrn Würth in Künzelsau.

ART: Der Erfolg kam dann ja sehr schnell. In der Londoner Tate Galerie, bei Howard Wise in New York - überall pflanzten Sie Nagelplantagen. Wollten Sie der Welt Ihre Struktur aufdrücken?

Uecker: Ich wollte die Welt erkennen. Dazu brauchte ich die Symbiose des Natürlichen und des Künstlichen. Meine Objekte und Räume griffen in die Natur ein und gaben ihr meine artifizielle Struktur.

ART: Aktionen haben in Ihrem Werk immer eine große Rolle gespielt. Sie nagelten vor Publikum oder ließen etwa bei Wüsten- und Strandaktionen Ihre Arbeit von Fotografen dokumentieren. Wollen Sie damit den Prozess-Charakter Ihrer Kunst bewahren?

Uecker: Ich stelle mich damit bloß. Meine Aktionen sind wichtiger Bestandteil des Werkes. Ich habe auch einmal einen ganzen Zyklus unter dem Titel "Bildrituale" gemacht. Meine Handlungen sind Teil des bildnerischen Ausdrucks. Das Resultat, das dann zurückbleibt, verweist auf den Arbeitsraum. Das ist meine Feuerstelle, vielleicht auch der Ort, das Bild von einem schrecklichen Ereignis.

ART: Wie Ihr Zyklus zur Katastrophe von Tschernobyl?

Uecker: Da habe ich mich ja ausgespart. Ich war der Seher, war außerhalb meines Körpers, die epileptischen Handlungen waren Zeichen eines inneren Ausdrucks.

ART: Agierten Sie da bewusst?

Uecker: Im Entstehungsprozess nicht. Unbewusstes Handeln ist für mich ganz wichtig. Wenn ich arbeite, denke ich nicht. Ich betrachte und erkenne das Werk erst, wenn es fertig ist. Der obsessive Prozess der Handlung, der geschieht fast in Trance. Nur bin ich in der Aktion schon so meisterlich, dass ich mein manisches Tun beherrsche und mich selbst nicht verletze.

ART: Vom farbigen Uecker blieben in den siebziger Jahren nur Schwarz und Weiß, Licht und Schatten, Wirbel und Ruhe übrig. Was zwang Sie zur strengen Reduktion?

Uecker: Ich wollte meine Chiffren verstärken.

ART: Sie haben sich in Südamerika mit den Kulturen der Indianer vertraut gemacht, im chinesischen Dunhuang die Höhlen der 1000 Buddhas besucht, in der Wüstenstadt Siwa die Totenhäuser der Berber studiert. Was suchen Sie in der Fremde?

Uecker: Die Möglichkeit heimzukehren. Die Sehnsucht gewinnt Macht über mich und treibt mich fort. Diese Energie ist ja schon in meiner Kindheit auf der Insel gewachsen. Die Heimkehr ist aber für mich das eigentliche Ziel - wie schon in der biblischen Legende vom verlorenen Sohn. Wenn ich in andere Kulturen eintauche, das mich Befremdende durch Selbstüberwindung akzeptiere, wenn ich lerne, Toleranz zu üben, dann erkenne ich meine innere Verwandlung nach der Heimkehr.

ART: Sie haben sich nie als politischer Künstler bekannt, doch meist ist Ihre Kunst politisch, ob Sie zu Tschernobyl Aschebilder machen, im Reichstag einen Andachtsraum bauen oder einen Gedenkzyklus für das KZ Buchenwald entwerfen. Sie lassen die Welt nahe an sich heran. Leiden Sie an dieser Welt?

Uecker: Ja, daher stelle ich mich der Welt ja auch nackt. Ich will mich mit allen Sinnesorganen entsetzen. Dadurch mehre ich in mir Mitgefühl und erschließe mir die Quellen für menschliche Mitteilung. Meine ganze Ausstellungspraxis zielt ja auf Exhibition. Nur so komme ich mit den Menschen in einen Dialog.

ART: Hat Ihr Vater die Erfolge des Künstlers Günther Uecker noch erlebt?

Uecker: In der Zeitung. Es war ihm wichtig, was andere über mein Werk sagen. Er hat es aber auch bis zuletzt aus seiner Sicht gesehen und gefragt: "Wieso machst du das?"

Ausstellungen:

Günther Uecker-Notationen. Kunstverein Oerlinghausen, Synagoge vom 29. Oktober bis 3. Dezember. Günther Uecker. Bühnenskulpturen und optische Partituren. Neues Museum, Weimar vom 8. April 2001 bis 8. Juli 2001. Literatur zum Thema: Dieter Honisch. Uecker. Stuttgart 1983. Uecker. Katalog Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen 1987. Günther Uecker. Die achtziger Jahre. Katalog Städtische Galerie, Göppingen 1989. Uecker in Schwerin. Katalog Staatliches Museum, Schwerin 1992. Heinz-Norbert Jocks. Archäologie des Reisens. Ein anderer Blick auf Uecker. Köln 1997. Günther Uecker. Ein Steinmal in Buchenwald, Edition Schwarz Weiss, Spröda 2000.

Experimente, um ein inneres Gefühl auszudrücken: Zuerst vernagelte Uecker seine Malerei - dann wurde der stählernde Stift zu seinem eisernen Pinsel

"In meinen Werken ist das Material direkter bildnerischer Ausdruck - es wird nicht korrigiert. Ich akzeptiere also, was mir zutiefst zu eigen ist"

"Ich hab' Feste gemacht. Wilde Feste in meiner Scheune, mit Bands. 250 Leute kamen, fünf Mark Eintritt. Da blieb auch was übrig"

"Die Sehnsucht gewinnt Macht über mich und treibt mich fort. Aber die Heimkehr ist für mich das eigentliche Ziel"

"Viele Menschen, die meine Werke berühren, die mit den Fingern über die Nägel fahren, spüren etwas Sanftes"

"Meine Objekte und Räume greifen in die Natur ein und geben ihr meine künstlerische Struktur"

"Ich mache Aggressionen sichtbar und wandle sie poetisch um"

"Meine Emotionen bringe ich als bewussten Störfaktor ein"

Bildunterschrift: Empfindsamer Berserker: Günther Uecker in seinem Düsseldorfer Atelier (alle Porträtaufnahmen dieses Beitrags von Michael Dannenmann) / Nägel im rhythmischen Wirbel: "Weiße Spirale" (200 x 200 cm, 1992) / Bewegte Nagellandschaft: "Dunkles Feld" (200 x 200 cm, 1992) / Memento gegen das Baumsterben: "Wald, hängende Steine" (150 x 300, 1989/90) / Metaphern der Gewalt: Gekappte Äste und Messer stehen für den "Aufstand" (150 x 150, 1986). Bei der "Messerskulptur" (330 hoch) von 1995 verwandelt der Künstler Lanzen in Stelzen / Gefährliche Bildfurchen: "Weiß" (200 x 160, 1992) / Tschernobyl-Schock: "Aschemensch" (200 x 160, 1987) / Sprachmächtig: Günther Uecker beim Interview mit ART-Redakteur Axel Hecht / 1956/58: vom Bildraum in die dritte Dimension. Ende der fünfziger Jahre trieb Uecker erstmals Nägel durch die Leinwand - "Malerei vernagelt" (120 x 90) / 1961: Um eine "neutrale Zone" zu schaffen, weißt Uecker das Pflaster vor der Galerie Schmela / 1963: Uecker spickt einen Stuhl mit Nägeln und macht das Sitzmöbel zum Kunstwerk / 1964: Attacke auf ein Kultobjekt. Uecker vernagelt ein Klavier und färbt es weiß ein / 1994: Ueckers auf den Knien gemalter "Brief an Peking" wurde zur Protest-Note an die verstockte Kulturbürokratie Chinas / 1999: "Ein Steinmal in Buchenwald". Geschichtete, bandagierte Brocken im Konzentrationslager erinnern an Mythen und Vernichtung der Juden / 1999: "Sich mit Kunst der Welt stellen - nur so komme ich mit Menschen in einen Dialog." Ueckers strenger Andachtsraum im Berliner Reichstag, dem neuen Zentrum der Macht /