Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 36-44
"Hochzeit von Himmel und Hölle"
Von Alfred Nemeczek
Der Brite William Blake (1757 bis 1827) war ein romantischer Solitär: Er malte symbolistisch, dachte anarchistisch und predigte sexuelle Freiheit. Pompös feiert die Londoner Tate Britain jetzt ein Genie, das lange als verrückt galt
Der Engländer William Blake (1757 bis 1827) war ein armer Kupferstecher und musste sich mit immer kleineren Wohnungen in immer übleren Vierteln von London begnügen. Dabei besaß dieser Unternehmer genau das, was ihn nach den Kriterien heutiger New Economy in den Börsenhimmel katapultiert hätte. Seinem Mangel an finanziellen Ressourcen stand nämlich ein unerschöpfliches Kapital an Visionen gegenüber - und sind nicht Visionen, psychologisch gesehen, die wichtigste Voraussetzung für ein erfolgreiches Start-up?
Zugegeben: Blakes Internet war nicht von dieser Welt. Seine zuverlässigsten Informanten waren Engel, ätherische Geister und Seelen aus dem Reich der Toten. Sie kamen bei Nacht, ließen sich von ihm zeichnen und revanchierten sich mit Ideen für Gedichte, Bilder, Prophezeiungen und technische Innovationen. So inspirierte ihn etwa sein 1787 gestorbener Lieblingsbruder Robert, mit dem er postum "täglich & stündlich" kommunizierte, zur Erfindung der so genannten Relief-Radierung - eines Kosten sparenden Verfahrens zum Druck von Text und Bild von einer einzigen Kupferplatte. Der heilige Joseph gab ihm den Tipp, Farben mit Tischlerleim zu stabilisieren. Und leibhaftig diskutierte Blake im Jahr 1800 mit dem Dichter John Milton (1608 bis 1674) seinen Plan, dessen Versepos "Das verlorene Paradies" zu illustrieren. "Ich scheue mich nicht," verriet der fromme Künstler damals einem Mäzen, "Ihnen zu sagen, was Gesagt werden Muss: Dass ich mich Tag & Nacht unter der Führung von Boten des Himmels befinde."
Das war heikel. Denn sein Bekenntnis zu unfasslichen Hirngespinsten erklärte skeptischen Mitmenschen ja nicht nur den Misserfolg des Geschäftsmanns William Blake. Der hatte sich, nach dem Vorbild seines im Strumpfwarenhandel erfolgreichen Vaters, selbständig gemacht, war aber mit einer Grafik-Werkstatt und einer Kunsthandlung gescheitert. Nach einer Privat-Ausstellung seiner halluzinierten Werke in der Wohnung seines Bruders James litt auch Blakes Ruf als Künstler. Mit absehbarem Resultat: "Die meisten seiner Zeitgenossen", schreibt der Kunsthistoriker Ernst H. Gombrich, "hielten ihn für völlig verrückt".
Aber Vorsicht: Der Londoner Maler, Philosoph, Prophet, Musiker und Dichter war zeitlebens geistig intakt. Keine spiritistischen Sitzungen, kein esoterisches Gehabe. Verleumderische Presseberichte, die ihn nach seinem Tod zum Patienten einer Irrenanstalt machten, waren erfunden, verdüsterten aber etwa 100 Jahre lang Blakes Reputation. Seither gilt Blake jedoch als wieder entdeckt, und eine noch bis zum 11. Februar 2001 laufende Ausstellung im Londoner Museum "Tate Britain" rückt die "eigenwilligste Gestalt der englischen Romantik" (Kunsthistoriker Werner Hofmann) ins gleißende Licht einer noblen Hommage.
Mit rund 400 Werken entwirft die Retrospektive das Porträt eines genialen Künstlers und rebellischen Freigeists, der unter dem Eindruck der Revolutionen in Amerika (1776) und Frankreich (1789) nicht nur Diesseits und Jenseits, Himmel und Hölle, Vernunft und Gefühl vermählte, sondern auch die Kunst zum Staatsziel erklärte: "Art Ought to be First in Nations."
Das Konzept des Tate-Kurators Robin Hamlyn führt von frühen Zeichnungen und Stichen des Lehrlings Blake über Auftragsillustrationen zu Blakes illuminierten Büchern, in denen er die biblische Schöpfungsgeschichte und die Apokalypse mit einer komplexen Privatmythologie konterkariert. Im Zentrum steht das handkolorierte Spätwerk "Jerusalem" (gedruckt 1818/20), von dem auch die 100 Platten zu sehen sind. Und alle Zeichnungen, Aquarelle, Monotypien, Temperabilder, Stiche, Radierungen stützen Blakes Credo, nach dem "Vorstellungskraft" nicht bloßer "Zustand" ist, sondern "die menschliche Existenz selber".
Die Londoner Schau rekonstruiert auch Blakes Atelier und zeigt neben anderen Requisiten eine zeitgenössische Druckerpresse. Dokumentiert wird damit Blakes Reliefdruck-Verfahren, aber nirgendwo steht eine Staffelei: Der Maler hat kein einziges Ölbild hinterlassen.
Das "Klecksen" mit schlammigen Pasten widerte ihn ebenso an, wie das in Mode kommende Arbeiten nach der Natur. Er entwarf weder Stillleben noch Landschaften. Im Gegensatz zu anderen Kunstreformern hatte Blake nichts gegen das Kopieren von antiken Gipsmodellen - er war davon angetan, seit ihn sein Vater als Zehnjährigen auf die Zeichenschule von Henry Pars geschickt hatte. Und als er mit 22 nach sieben Lehrlingsjahren seine Ausbildung beim Kupferstecher James Basire beendete, widmete sich Blake ohne Murren den Grabmonumenten in der Westminster-Abtei und kopierte sie minuziös für ein Mappenwerk seines Lehrherrn. Damals entdeckte er seine Liebe zum Mittelalter und zu einer geschauten, symbolhaften Kunst, die mit klaren Konturen Gedanken in Szene setzt. Früh stand für ihn fest: In Öl war das nicht zu leisten.
Sein Leben lang spielte Blake die pastos und helldunkel malenden Kunstheroen Rembrandt, Tizian, Correggio und Peter Paul Rubens gegen Raffael, Albrecht Dürer, Michelangelo und Giulio Romano aus, deren deutliche Umrisslinien er schätzte und denen er sogar ihr Hantieren mit Ölfarben verzieh: "Ich erhebe nicht den Anspruch, besser zu malen als Raffael oder Michelangelo oder Giulio Romano oder Alb. Dürer", wiederholte er oft, "aber ich beanspruche, feiner zu malen als Rubens oder Rembt. oder Correggio oder Tizian."
Mit solchen Maximen machte Blake sich mühelos den prominenten Porträtmaler Sir Joshua Reynolds (1723 bis 1792) zum Feind. Er war Präsident der Londoner Royal Academy of Arts und hielt nichts von allzu viel Innenleben. "Der Geist ist nur ein dürrer Boden", dekretierte er, "der fortwährend bearbeitet und durch fremden Zusatz bereichert wird." "Schwachsinn", schrieb Blake an den Rand dieses Textes: "Ich bin immer davon überzeugt gewesen, dass der menschliche Geist von allen Dingen das fruchtbarste ist & unausschöpflich." Er hatte an Reynolds' Akademie studiert, es doch nur ein Jahr lang ausgehalten und dann seine Werkstatt eröffnet.
Einige Jahre konnte Blake gut davon leben. Er stach Zeichnungen anderer Künstler nach, reproduzierte Gemälde, illustrierte Bücher und kam durch arrivierte Künstlerfreunde wie John Flaxman und Heinrich Füssli in Kontakt mit dem Verleger Joseph Johnson, der einen Kreis von Republikanern um sich geschart hatte und bei Blake das Prachtwerk "Die Französische Revolution" bestellte. Es wurde jedoch nur "Buch 1" gedruckt - und nie veröffentlicht. Der Buchhändler Richard Edwards machte ein gutes Geschäft, als er bei Blake die Illustration der empfindsamen "Nachtgedanken" von Edward Young (1683 bis 1765) in Auftrag gab und für nur 20 Guineen 537 Zeichnungen erhielt. Ein Mäzen namens Thomas Butts orderte 50 Blätter zur Bibel und wurde zum treuen Sammler von Blake-Aquarellen. Weniger glücklich entwickelte sich das Verhältnis zum Schriftsteller William Hayley, der den Künstler im Jahr 1800 zum Umzug nach Sussex überredete. Dort, in Felpham an der Kanalküste, litt er unter einer feuchten Behausung - und mehr noch unter den Aufträgen seines unsensiblen Sponsors, der permanent von ihm verlangte, was seinen Fähigkeiten am wenigsten entsprach.
Doch Blake, der nach diesem einzigen Abstecher seines Lebens von 1803 an wieder in London lebte, stichelte ohnehin lieber an eigenen Werken. Beim Drucken und Kolorieren half ihm seine Ehefrau Catherine, die nach der Hochzeit (1782) ihm zuliebe Lesen gelernt hatte.
Schon die Titel dieser meist selbst verlegten Schriften und Bildwerke bezeugen die Universalität seiner Interessen. Theologischen Pamphleten, wie "Alle Religionen sind Eine" oder "Es gibt Keine Naturreligion", stehen volkstümliche Gedichte über "Unschuld und Erfahrung" gegenüber. Mit Versen, Prosa-Geschichten, Sprichwörtern und Aphorismen feierte Blake 1793 die "Hochzeit von Himmel und Hölle" - ein furioses Werk, das die Liebe zur Schöpfung preist, für geistige Freiheit, sexuelle Toleranz und ein Christentum ohne Dogmen eintritt. "Wer begehrt, aber nicht handelt," lehrt Blake, "brütet die Pest aus." Und: "Gefängnisse sind aus Steinen des Gesetzes erbaut; Bordelle aus Ziegeln der Religion." Blake verneint die Dualität von Leib und Seele und bedauert die in ihren eigenen Weltmodellen gefangenen Götter. Für freie Menschen sollen und können Regeln nicht gelten, postuliert der selbst ernannte "Kämpfer Christi", für den Gut und Böse, Liebe und Hass zusammengehören wie Himmel und Hölle: "Ich sage euch, keine Tugend kann existieren, ohne die zehn Gebote zu brechen. Jesus war ganz Tugend und handelte nach Eingebung: nicht nach Regeln."
In prophetischen Dichtungen wie "Amerika", "Europa" , "Das Lied von Los" oder "Jerusalem: Offenbarung des Giganten Albion" entwickelt Blake seine Privatmythologie mit den Protagonisten Urizen, Los, Enitharmon oder Orc, in dem die Blake-Biografin Daniela Tandecki "eine Art Rambo der Frühromantik" erblickte. Die Bücher stecken voll böser Kommentare zur inhumanen Politik des von Krieg und Wirtschaftskrisen gebeutelten Vereinigten Königreichs. Nur ihre winzigen Auflagen bewahrten Blake vor Sanktionen der staatlichen Zensur.
Stärker als die Texte provozierten seinerzeit die Bilder. Ihre irritierende Kraft wirkt noch immer und ist mit den Kriterien der Kunsthistoriker - antike bis mittelalterliche Ikonografie, klassizistisches Primat der Linie, Monumentalität durch Symmetrie und randparallele Komposition in der Fläche - nur unzureichend erklärt. Den 1952 geborenen britischen Maler Julian Bell faszinieren die "geradezu gewichtslos" gezeichneten Figuren, und Wieland Schmied, Autor eines Standardwerks über "Phantastische Malerei", singt das Lob der "unaufhörlichen Bewegung" die sich auf Blakes Blättern abspielt: "Blake begreift alle Körper als von Energien erfüllt", schreibt er, "durchpulst, belebt, so strömen sie dahin, beugen sich herab, steigen hinauf, schweben, entschwinden, Leib und Anima gar nicht zu scheiden: Feuerzungen, Schilfhalme, Wellenlauf, Sonnenstrahlen, Haare, Gewandfalten, bewegte Konturen das ist Wehen des Geistes."
Die meisten Zeitgenossen des nach 1803 unter Armut und Nichtbeachtung leidenden Künstlers ließ dieses Wehen freilich unberührt. Und als die Royal Academy 1809 erstmals kein einziges Bild von Blake mehr für ihre Jahresausstellung akzeptierte, trotzte er mit der Privatschau in der Wohnung seines Bruders - ein glatter Pyrrhus-Sieg. Kaum Besucher, kein Verkauf, aber ein Verriss im sonst so fortschrittlichen "Examiner": "Kompletter Irrsinn bei gleichzeitiger künstlerischer Unfähigkeit."
Keine Rede von Visionen und von Blakes größter Errungenschaft: "In allem sah Blake Symbole, alles machte er zum Symbol." (Schmied). Und das höchst ambivalent. Gern wird Blakes Farbdruck-Monotypie des Naturforschers Isaac Newton, der auf dem Meeresgrund sitzend die Welt katastert, in Büchern zum Thema Aufklärung als Fanal des Rationalismus reproduziert. Gemeint ist dagegen Newton als Fachidiot beim lächerlichen Versuch, die Geheimnisse von Zeit und Ewigkeit auf mathematische Formeln zu reduzieren.
So qualifizierte vernünftiges Misstrauen gegenüber der Ratio den Einzelgänger Blake an der Schnittstelle von Aufklärung und Romantik zum Vorläufer eines Hauptstrangs der Moderne, dem die Kategorie Bedeutung wichtiger blieb als ein Vorstoß ins Nirwana der formalen Autonomie: Die Präraffaeliten und die Künstler des Symbolismus, des Jugendstils und des Surrealismus haben sich an Blake bereichert. Und noch ein Joseph Beuys konnte von einem Fundamentalisten lernen, für den jeder Mensch nicht nur ein Künstler, sondern Gott gewesen ist.
Die menschliche Existenz, lehrt Blake, beruht allein auf der "Vorstellungskraft". Den romantischen Künstler führte seine Fantasie in nie geschaute surreale Welten
Ob Blake eigene oder fremde Texte ins Bild setzt - stets entspricht die Kraft seiner heraldischen Kompositionen der literarischen Vorlage
Blakes Credo: In jeder Nation sollte die Kunst an erster Stelle stehen
Er stellt aus, verkauft nichts und bekommt "kompletten Irrsinn" bescheinigt
Ausstellung:
William Blake, Tate Britain, London bis 11. Februar 2001. Danach: Metropolitan Museum, New York, 27. März bis 24. Juni 2001. Katalog 29,99 Pfund. Literatur zum Thema: Daniela Tandecki: Tigerbrand, Frankfurt/Main. 1997; David V. Erdman (Hrsg.): The Complete Poetry & Prose of William Blake, New York 1988.
Bildunterschrift: Blake macht keinen Unterschied zwischen der Erscheinung des biblischen Schöpfergottes Jehova und seiner sündigen Kreatur: Farbreliefdruck "Gott richtet Adam" (43 x 54 cm, 1795) / William Blake, 1807 gemalt von Thomas Phillips / Auf dem Meeresgrund reduziert der berühmte Forscher Zeit und Ewigkeit auf eine Formel: Farbdruck-Monotypie "Newton" (46 x 60 cm, um 1800) / Der Tod und ein Mörder (rechts) im Aussätzigenasyl: "Haus des Todes" (49 x 61 cm, um 1800) / Bildmächtige Paraphrase zur Offenbarung des Johannes: Aquarell "Der Rote Drachen und die mit der Sonne bekleidete Frau" (44 x 35 cm, 1803/05) / Urizen, der Weltenherrscher aus Blakes Mythologie, ertüftelt Europa am "Beginn aller Tage" (handkolorierte Reliefätzung, 23 x 17 cm, um 1821) / Aquarell aus dem Zyklus von Illustrationen zu Dantes "Göttlicher Komödie": "Der Kreis der Wollüstigen: Francesca da Rimini" (38 x 53 cm, 1824) / Spätes Blake-Aquarell "Dante auf der Flucht vor drei Bestien" (37 x 53 cm, um 1825) / Titel zum Pamphlet "Amerika. Eine Prophetie" (24 x 18 cm, 1793) /
