Ausgabe: 12 / 2000
Seite: 30-34

Happy End in Emden

Von Peter M. Bode Jost Schilgen

Die Sammlung van de Loo, eine der wichtigsten Kollektionen moderner Malerei, hat in der erweiterten Kunsthalle in Emden endlich eine neue Heimat gefunden / FOTOS: JOST SCHILGEN

Großer Bahnhof im kleinen Emden. Sogar der Bundeskanzler hatte sich Zeit genommen. Gefeiert wurde die Eröffnung der Sammlung van de Loo im neuen Kunsthallenanbau. 1996 hatte der Münchner Galerist Otto van de Loo versprochen, einen Teil seiner fulminanten Sammlung abstrakt-expressiver Malerei der Nachkriegszeit der Emder Kunsthalle zu schenken. Hauptwerke von Karel Appel, Asger Jorn, Constant, Pierre Alechinsky, Antonio Saura, Antoni Tapies, K. R. H. Sonderborg, Wolf Vostell, Emil Schumacher, Arnulf Rainer, Hans Platschek, Heimrad Prem, Alfred Kremer und Miriam Cahn - um die bekanntesten zu nennen - sollten den Bestand des Museums an der Küste sinnvoll ergänzen. Ein aufregendes Geschenk, das in der deutschen Kunstszene ein leichtes Beben auslöste. Warum ausgerechnet Emden, fragten Kulturpolitiker irritiert. Im Begleitwort zu seiner rund 200 Arbeiten umfassenden Schenkung klärte Otto van de Loo auf: "Was die Wirtschaft Joint Venture zu nennen beliebt, ist hier im Bereich der Kunstvermittlung beispielhaft praktiziert worden."

Begonnen hatte das "ereignishafte Ergebnis", so van de Loo, mit einem Bettelbrief Henri Nannens. Der hatte für seine Sammlung vorwiegend expressionistischer Malerei seiner Heimatstadt Emden eine Kunsthalle gestiftet, die 1986 eingeweiht wurde. Mit dem neuen Haus wuchs die Sammlung. Zu den Expressionisten kamen die Neue Sachlichkeit und Realisten aus den siebziger Jahren, wie die Jungen Wilden oder Karl Horst Hödicke und Gerhard Richter. Dazwischen allerdings orteten Kunstkritiker eine Lücke, die auch Henri Nannen nicht verborgen geblieben war. "Wenn Sie uns gelegentlich mit einem Bild helfen könnten, um unsere Sammlung sinnvoll zu ergänzen, wäre Ihnen unser Dank sicher. Nehmen Sie mir diesen Bettelbrief nicht übel und tun Sie ihn in den Papierkorb, wenn Ihnen danach ist", schrieb Nannen 1995 an Otto van den Loo.

Dem Münchner Kunsthändler, der nach dem Prinzip "die besten Bilder behält man" eine Sammlung allerersten Ranges zusammen getragen hatte, fiel es nicht schwer, den Nannen-Brief nicht in den Papierkorb zu werfen. Zum einen sah er in Henri Nannen einen "Bruder im Geiste", der - wie er selber - "von der Mission beseelt war, zeitgenössische Kunst zu vermitteln". Zum anderen war van de Loo in den großen Instituten, denen er seine Sammlung zunächst anvertrauen wollte, mal wieder auf eher kleine Gesprächspartner gestoßen. Das Neue Museum in Nürnberg, dem der Münchner einen Teil seiner Sammlung zur Verfügung stellen wollte, reagierte auf das Angebot eher desinteressiert. Van de Loo: "Die vom bayerischen Kunstminister Zehetmair gemachten Zusagen in Bezug auf die Unterbringung und Repräsentation meiner in Aussicht gestellten Schenkung wurden in einem mir kommentarlos zugeschickten Konzeptentwurf des Raumprogramms für das Nürnberger Museum in Frage gestellt." Auch Berlin dankte van de Loo seine Großzügigkeit schlecht. Die Schenkung von 55 Meisterwerken der Nachkriegsmoderne an die Berliner Nationalgalerie im Jahr 1992 ging derart spurlos an dem damaligen Berliner Kultursenator Roloff-Momin vorüber, dass der sich später noch nicht einmal an den Namen des Stifters erinnern konnte.

Henri Nannen reagierte und ließ den Münchner wissen: "Bei uns würden Sie besser behandelt." Blieb die Frage, ob es für den Willen auch einen Weg geben würde, ob das Emder Museum groß genug wäre, den zu erwartenden Bilderzuwachs aufzunehmen. Nur fürs Depot wollte van de Loo nämlich nichts verschenken. Doch auch da zögerte Nannen nicht, sondern befand spontan: "Wir müssen anbauen." Ein Satz mit Folgen, immerhin bedeutete er eine glatte Verdoppelung der Ausstellungsfläche.

Nannen selbst hat den Beginn des Projekts noch erlebt. Nach seinem Tod 1996 setzte Eske Nannen, seine Frau und Partnerin, unterstützt vom Stiftungsvorstand, das begonnene Werk mit unvermindertem Elan fort. Am schwierigsten war es, die notwendigen 14 Millionen Mark für den Anbau zusammenzubringen. Stadt, Land, Bund, die EU und private Sponsoren mussten umworben und gewonnen werden. Auch die Einsprüche von Nachbarn gegen die Erweiterung waren vor Gericht abzuwehren. Den Widersachern gelang es dennoch, einen Baustopp durchzusetzen. Doch alle Hürden konnten schließlich genommen werden: Seit 2. Oktober dieses Jahres präsentiert sich die Kunsthalle mit dem neuen Annex. Architektonisch unterscheidet den Anbau nichts vom "Mutterhaus". Das Hannoveraner Architekten-Ehepaar Friedrich und Ingeborg Spengelin hat seinen ersten Entwurf sozusagen weitergestrickt und den etwas behäbigen norddeutschen Regionalstil auch für den Erweiterungsbau übernommen. Die steilen Halbgiebel des stark aufgefächerten und reizvoll verwinkelten Komplexes sind nach wie vor das auffälligste Charakteristikum der additiv um einen intimen Skulpturen-Innenhof gruppierten Anlage. Auch das ortstypische rote Klinkermauerwerk der Fassaden ist geblieben. Die Kontinuität des Ganzen sollte gewahrt werden.

Im Inneren hat man dagegen auf das Prinzip der Kontinuität verzichtet und die für die Schenkung van de Loo reservierten Säle und Kabinette frischer, heller und zeitgemäßer gestaltet als die Räume des "Altbaus". Zu loben sind die Architekten für die Lebendigkeit der Raumfolge. Hohe und niedrigere, langgezogen rechteckige und annähernd quadratische Säle fügen sich zu einem Grundriss, der die Besucher zu einer zwanglosen Inbesitznahme des Museums einlädt. Man kann sich nach rechts, nach links wenden, Abkürzungen nehmen oder den ganzen Rundgang machen, der alle Himmelsrichtungen mit einbezieht. Treppen und Emporen sorgen für die Erschließung der dritten Dimension dieser luftigen Räume. Solche Abwechslung ist der sturen Enfilade des klassischen Museums vorzuziehen, weil sie Ermüdung gar nicht erst aufkommen lässt. Mehr als die geschickten Raumkonzepte sorgt dafür allerdings der grandiose Schatz, mit dem Otto van de Loo Emden beschenkt hat. Der exquisite Bilderberg ist in erster Linie das Resultat der leidenschaftlichen Auseinandersetzung des Sammlers mit der vitalsten europäischen Kunst der sechziger Jahre. Als bildersüchtiger und welthungriger Münchner Selfmade-Galerist orientierte sich van de Loo in jener Zeit am aktuellen Kunstgeschehen in Paris, das damals noch tonangebend war. Er fahndete dort nach der wahren Avantgarde und stieß dabei auf die seinerzeit noch weitgehend im Verborgenen wirkenden Außenseiter Antonio Saura, Antonio Tapies, Henri Michaux, Roberto Matta, Jean Dubuffet, Wols und Asger Jorn. Für deren "rüde und verschlüsselte Bildwelten einer tiefen und noch unerkannten Schönheit" hatte das nur die "Ecole de Paris" bewundernde Publikum keinerlei Verständnis. Doch van de Loo war entflammt. Er begeisterte sich für die neue expressive Gestik, die unheimliche Art Brut, den nervösen Tachismus und das stoffliche Informel.

Vor allem die eruptive, farbwilde und Reste der Figuration verschlingende Malerei Jorns schlug ihn in Bann. Aus der Begegnung mit dem impulsiven Dänen entwickelte sich bald eine intensive Freundschaft. Jorn kam oft nach München, lebte wochenlang bei den van de Loos und arbeitete in ihrem Haus an seinen Bildern. In München brachte der Galerist auch seine jungen Revoluzzer von der Gruppe "Spur" - Heimrad Prem, Helmut Sturm, Lothar Fischer und H P Zimmer - mit Jorn zusammen, der fortan zu ihrem Leitstern wurde. Als Wortführer der zwischen 1948 und 1951 aktiven internationalen Gruppe "CoBrA" (Kopenhagen, Brüssel, Amsterdam) stellte Jorn zudem den Kontakt zwischen van de Loo und deren weiteren Mitgliedern Karel Appel, Constant, Pierre Alechinsky und Carl-Henning Pedersen her.

Sobald der Kunstvermittler in der Münchner Diaspora - es gab in der bayerischen Metropole Ende der fünfziger Jahre nur drei ernstzunehmende Galerien - von einem Maler überzeugt war, setzte er sich unermüdlich für ihn ein und hielt ihm über Jahrzehnte die Treue. Er ging in die Ateliers "mit einer unbeschreiblichen Erregung, deren Motor die Neugier und Erwartung und deren Treibstoff der nie zu löschende Durst ist, etwas zu finden, zu entdecken". Wenn er dann fündig wurde, folgte "ein meist steiniger Weg unbeirrbaren Zusammengehens im gegenseitigen Vertrauen". Von 1957 bis 1997 hielt Otto van de Loo sein "Ausstellungskarussell moderner Kunst" in steter Bewegung. Dabei trübte ihm sein Idealismus zumindest in den ersten zwanzig Jahren die finanzielle Bilanz. Aber auch Verluste konnten ihn nicht dazu bringen, mit besonders geliebten Werken auf den Markt zu gehen. Solche Bilder wurden nicht verkauft, sie bereicherten die private Sammlung.

Doch nie hatte van de Loo daran gedacht, diesen kostbaren Besitz für immer hinter den eigenen Mauern zu verstecken. "Große Kunst soll man der Öffentlichkeit nicht vorenthalten." Darin waren sich Henri Nannen und Otto van de Loo einig und haben entsprechend gehandelt. "Die Chemie zwischen uns hat gestimmt", erinnerte van de Loo an die Anfänge des erfolgreichen Joint Venture. Deshalb kann Emden nun strahlen, während München nur leuchtet.

"Was die Wirtschaft Joint Venture zu nennen beliebt, ist hier im Bereich der Kunstvermittlung beispielhaft praktiziert worden." (Otto van de Loo)

"Große Kunst soll man der Öffentlichkeit nicht vorenthalten." Darin waren sich Henri Nannen und Otto van de Loo einig und haben entsprechend gehandelt

Eröffnungsausstellung:

"Sammlung Henri Nannen - Schenkung Otto van de Loo" bis 28. Januar 2001, Kunsthalle in Emden, Hinter dem Rahmen 13. Literatur zum Thema: Achim Sommer (Hrsg.): Meisterwerke der Kunsthalle in Emden. Band 1: Sammlung Henri Nannen, Band 2: Schenkung Otto van de Loo. Wienand Verlag, Köln. Je Band 98 Mark, beide Bände im Schuber 168 Mark.

Bildunterschrift: Architektur für die Kunst statt Kunstarchitektur: Steile Halbgiebel, die viel Licht im Innern schaffen, sind das auffälligste Merkmal des Erweiterungsbaus, den die Hannoveraner Architekten Friedrich und Ingeborg Spengelin für die Schenkung des Münchner Galeristen Otto van de Loo entwarfen / Frisch, hell und zeitgemäß: Treppen und Emporen ermöglichen überraschende Perspektiven in den Räumen des Neubaus / Im "Mutterhaus" schaffen Terrakottaböden und holzverschalte Decken Atmosphäre für die farbintensive Expressionistensammlung Henri Nannens / Filigrane Architektur für eruptive Bilder / Kontinuität bewahren: Den Regionalstil des Altbaus im ortstypischen roten Klinkermauerwerk übernahmen die Architekten auch für den Neubau / Der Sammler und sein Architekt: Otto van de Loo (rechts) und Friedrich Spengelin /