Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 24-33
Tagträume eines Realisten
Von Christian Schaernack
MANUEL ALVAREZ BRAVO / In Lateinamerika wird der Mexikaner als Vater der modernen Fotografie geehrt. Seine poetischen Traumbilder, unprätentiösen Porträts und empfindsamen Milieuschilderungen gehören mittlerweile zum Bestand großer Museen in aller Welt
Manuel Alvarez Bravo?" Sogar der Taxifahrer horcht auf. "Der müsste doch wohl bald Hundert sein - und fotografiert immer noch?" Auf dem Weg nach Coyoacan, einer Vorstadt-Oase im smogverrußten Millionen-Moloch Mexiko-Stadt wird der Small talk im Stau zum Kunst-Diskurs. "Natürlich fotografiere ich noch", entrüstet sich Bravo eine Stunde später auf die erneute Frage. "Wenn auch nur noch sonntags."
Mexiko und seine Künstler - das ist eine besondere Liebesbeziehung. Nur die Helden der Revolution von 1910 - die Emiliano Zapatas und Pancho Villas - sind populärer als die großen Muralisten David Alfaro Siqueiros und Jose Clemente Orozco, die auf ihren Wandge-mälden dem Imperialismus den Kampf angesagt hatten, als Frida Kahlo, Diego Rivera oder Rufino Tamayo. Und als Manuel Alvarez Bravo. Der wird am 4. Februar 99 Jahre alt: Ein Fotograf als lebendes Nationalheiligtum.
In Lateinamerika gilt Don Manuel, wie ihn die Freunde nennen, als Vater der modernen Fotografie, seine Bilder sind Inbegriff einer ganzen Kultur. Für Mexiko ist er Chronist einer Epoche. Schließlich ist Alvarez Bravo der letzte aus einer Generation mexikanischer Künstler, deren Werk direkt von den Folgen des politischen Chaos der Jahre 1910 bis 1920 beeinflusst ist. Anders jedoch als bei den Zeitgenossen hat das blutige Tagesgeschäft der Revolution kaum Ausdruck in seinem Bilderkanon gefunden - schon gar nicht dessen romantische Verklärung. Lesen sich Diego Riveras monumentale Fresken der dreißiger Jahre wie die Annalen einer idealisierten Landesgeschichte, nicht selten gespickt mit den schablonenhaften Insignien eines boomenden Nationalismus, hält es Alvarez Bravo mit dem Maler Rufino Tamayo (1899 bis 1991), der einen prägenden Einfluss auf seine Arbeiten hatte. "Revolutionen gab es schließlich nicht nur in Mexiko", hatte der sich einmal geäußert. "Mich interessiert vielmehr eine universale Bildsprache. Kunst muss von jedem und überall verstanden werden können." "Natürlich - ,Mexiko' und Mexikaner sind überall in meinen Bildern, aber letztlich geht es doch immer auch um mehr - den Menschen an sich", beteuert der Fotograf, der sich trotz guter Englischkenntnisse bei Interviews nur in seiner Landessprache äußern mag.
Das Haus des Künstlers in Coyoacan ist zum Bersten gefüllt mit Erinnerungen. Die Wände sind übersät mit Fotografien von Nadar und August Sander, aus einer Ecke im luftigen zweigeschossigen Wohnraum trifft den Besucher der skeptische Blick von James Joyce. Das berühmte Porträt von Berenice Abbott stammt von 1928. Daneben stapeln sich auf einem runden Holztisch Bücher und Ausstellungskataloge in schwindelerregende Höhe. "Ich habe es längst aufgegeben, auf dem Laufenden sein zu wollen", winkt Alvarez Bravo ab. Doch Nostalgie ist fehl am Platze. Hunderte von CDs mit der Musik von Bach bis Gustav Mahler gehören ebenso zum Inventar wie ein lasergesteuerter Bildplattenspieler. Auch in puncto Kameras lässt der Künstler keine Neuerung aus: "Technologie hält jung", weiß Alvarez Bravo. "So ist es wohl auch meine unstillbare Neugierde, die mich überhaupt aufs Fotografieren gebracht hat."
Geboren wurde Manuel Alvarez Bravo 1902 im Zentrum von Mexiko-Stadt, nur einen Steinwurf entfernt vom Zocalo, dem Paradeplatz, der so groß wie ein Flugfeld ist und den zwei Jahrtausende mexikanische Vergangenheit säumen: der Palacio Nacional, die barocke Catedral Metropolitana und der Templo Mayor. Die Ruinen dieser Tempelanlagen sind die bedeutendste präkolumbische Kultstätte in der Azteken-Stadt. Auf dem Vorplatz der Kathedrale knäulen sich die Menschen. Fliegende Händler unterbieten sich mit Devotionalien und Che-Guevara-Postern, Indianer in Maya-Tracht lassen sich für ein paar Pesos von Touristen knipsen, während drinnen in der dunklen Kühle des Gotteshauses die Gläubigen Siesta halten. Hier im Treiben der Farben, inmitten der historischen Gemäuer scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.
Schon früh nutzt Alvarez Bravo jede Möglichkeit zum Experimentieren. Noch während seines Jobs in der Finanzbuchhaltung einer Eisenbahngesellschaft entstehen abstrakte Bildkompositionen aus den Papierrollen einer Rechenmaschine ("Spiele in Papier", 1926-27). Derweil tobt auf den Straßen der Bürgerkrieg, wütet die Willkür von Exekutionskommandos. "Manchmal, wenn wir in den Außenbezirken unterwegs waren, sahen wir die Geier kreisen. Dann wussten wir, dass dort ein toter Soldat liegen musste, und schlugen eine andere Richtung ein." Ein Streikposten mit eingeschlagenem Schädel, aufgenommen 1934 in Oaxaca, bleibt jedoch eines der wenigen bekannten Bilder der Gewalt im Oeuvre des Mexikaners.
Diskussionen über Politik waren nie seine Sache gewesen - ganz im Gegensatz zur langjährigen Freundin Tina Modotti (1896 bis 1942), die den jungen Alvarez Bravo Ende der zwanziger Jahre in die Kreise der ansässigen Avantgarde einführte. Die italienische Fotografin war 1923 mit dem Amerikaner Edward Weston nach Mexiko gekommen und schließlich aufgrund ihrer subversiven Aktivitäten 1936 des Landes verwiesen worden.
Die Verheißungen eines postrevolutionären Mexiko hatten eine Vielzahl ausländischer Intellektuellen und Künstler angezogen: Antonin Artaud, D. H. Lawrence, Sergej Eisenstein, nicht zuletzt Leo Trotzkij, den Alvarez Bravo kurz vor dessen Ermordung 1940 in Coyoacan porträtierte. Dem Mexikaner bescherte diese Kulturinvasion auch das erste Zusammentreffen mit einer internationalen Fotografen-Szene, deren Arbeiten er bis dahin nur aus Büchern kannte: "Bücher, Bücher, Bücher - mein ganzes Wissen, über das, was in Europa vor sich ging, hatte ich mir einzig über Bücher und Zeitschriften erworben", erinnert sich Alvarez Bravo. Bis heute hütet der 98-Jährige Albert Renger-Patzschs Fotobuch "Die Welt ist schön", eine Ikone der Neuen Sachlichkeit aus dem Jahre 1928, wie einen Schatz.
1935 stellte Alvarez Bravo erstmals gemeinsam mit Henri Cartier-Bresson im Palacio de Bellas Artes in Mexiko-Stadt aus. Es war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft mit dem sechs Jahre jüngeren Franzosen: "Bis heute versuchen wir uns zu sehen, wann immer dies möglich ist", schwärmt Don Manuel.
Fast alle mexikanischen Künstlerkollegen waren in Europa oder den USA mit den avantgardistischen Strömungen der Zeit in Berührung gekommen: Diego Rivera während des Ersten Weltkriegs in Paris, Rufino Tamayo ab 1926 in New York. Manuel Alvarez Bravo hingegen war bis auf wenige Kurzbesuche an der amerikanischen Ostküste in der Heimat geblieben. Die erste Reise nach Europa unternahm er erst 1960.
Verständlich, dass der Mexikaner eine völlig eigenständige Bildsprache entwickelte. Dass die dennoch auf der Höhe der Zeit war, zeigt der Vergleich mit Eugene Atget. Keinem anderen fühlt sich Alvarez Bravo künstlerisch so nahe wie dem französischen Meisterfotografen (1857 bis 1927), dem Begründer einer modernen "Street Photography". Atget hatte Motive gewählt, die von seinen Zeitgenossen als banal abgetan wurden: die leeren Straßen im frühmorgendlichen Paris, die Zeitungshändler und Schuhputzer an den Ecken und immer wieder Schaufenster. Auch Alvarez Bravo hatte an den Auslagen der Händler Gefallen gefunden. Seine "Lachenden Papp-
mannequins" entstanden 1930, noch bevor der Mexikaner von den Arbeiten Atgets wusste. Über Jahre ließ Bravo von seinem Negativ keinen Abzug machen, aus Sorge, des Plagiats bezichtigt zu werden.
Mit Arbeiten aus den frühen dreißiger Jahren wie "Der Träumer" (1931) oder "Porträt der Ewigkeit" (1935) erregte Alvarez Bravo bald die Aufmerksamkeit der Surrealisten. Allen voran war es Andre Breton, der in den kontemplativen Bildern des jungen Mexikaners eine Nähe zu den poetischen Traumwelten eines Salvador Dali oder Rene Magritte ausmachen wollte. Bravo selbst sieht sich heute allerdings von Breton vereinnahmt: "Ich habe mich nie irgendwelchen Gruppen oder Theorien angeschlossen. Auch nicht dem Surrealismus."
Die inhaltliche Nähe freilich bleibt. 1957 folgt eine kurze Zusammenarbeit mit dem spanischen Filmregisseur Luis Bunuel, der 1928 gemeinsam mit Salvador Dali das surrealistische Meisterwerk "Ein andalusischer Hund" gedreht hatte. Und während der vierziger Jahre entdeckt Alvarez Bravo die transzendente Wirkung der Röntgenfotografie für sich. Es entstehen gespenstische Aufnahmen durchleuchteter Körperteile, "wie aus einer anderen Realität, aus einer Traumwelt", erklärt Alvarez Bravo. Dabei dienen die Röntgenaufnahmen als Schlüssel zum Gesamtwerk. Denn wie bei ihnen ist es das Transzendieren des Motivs, des physischen Erscheinungsbildes, das zum bestimmenden Merkmal auch der Porträts und Straßenszenen von Alvarez Bravo wird: flüchtige Momente als Chiffren von Zeitlosigkeit, wie "Der Tagtraum" aus dem Jahr 1931.
Heute markiert die Wirklichkeit des historischen Quartiers von Coyoacan die Welt und die Arbeit des Manuel Alvarez Bravo. Nur unweit liegt das Frida-Kahlo-Museum, und auch der Freund und Mentor Diego Rivera hatte hier während der vierziger Jahre gelebt. Seit 1959 wohnt der Künstler zusammen mit der Fotografin Colette Urbajtel, mit der er seit 1962 verheiratet ist, in einer schmalen Kopfsteinpflaster-Gasse - "Espiritu Santo". Ein paar Türen weiter befinden sich ein Atelier und die Dunkelkammer, wo zwei Assistentinnen mit der Archivierung seines Lebenswerks beschäftigt sind. In diesem Viertel ist der Fotograf noch immer mit seiner Kamera unterwegs. Meistens jedoch fotografiert Alvarez Bravo zu Hause - vornehmlich die Pflanzen, die im lichtdurchfluteten Innenhof seines Hauses über die Jahre die Wände überwucherten. "Cartier-Bresson ist ein Meister der schnellen Fotografie, des Schnappschusses. Sein Auslöser durchschneidet förmlich den Moment", erläutert Alvarez Bravo. "Ich hingegen beobachte sehr lange. Ich gebe dem Moment Dauer. Das ist es wohl auch, was in meinen Bildern sichtbar wird."
Literatur zum Thema: Susan Kismaric: Manuel Alvarez Bravo. Katalog Museum of Modern Art, New York 1997. Manuel Alvarez Bravo. Photographs and Memories. Essay by Frederick Kaufman. Verlag Aperture, New York 1997. Manuel Alvarez Bravo. Könemann Verlag, Köln 1997.
Bildunterschrift: "Letztlich geht es immer um den Menschen an sich": "Arbeiter in den Tropen", 1944, und "Die Tochter des Tänzers" aus dem Jahr 1933 / Bilder aus einer anderen Realität - "Mich interessiert eine universale Bildersprache. Kunst muss verstanden werden können": "Hölzernes Pferd", 1928/29, und "Porträt des Ewigen" aus dem Jahr 1935 / "Ich fotografiere aus unstillbarer Neugier" - "Technologie hält mich jung": "Übung für eine gut fokussierte Kamera" (oben) aus dem Jahr 1943 und "Optische Parabel", 1931 / Fotografie - eine Sonde, die das Herz freilegt - "Ich beobachte sehr lange". Aus flüchtigen Momenten werden Bilder der Zeitlosigkeit: "Der Tagtraum" (links) und "Der Träumer", beide aus dem Jahr 1931 / Röntgenbilder als Schlüsselwerk - Heute fotografiert Bravo "nur noch sonntags": "Selbstporträt", 1980. "Gespenstische Aufnahmen durchleuchteter Körperteile": "Die Hand", 1940 /
