Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 12-21

Forschungsreise in die Tiefe des Bildraums

Von Silke Mller

KLAUS KUMROW / Fotografie im Delirium: Was der Hamburger Bildhauer Klaus Kumrow, 41, mit den Häusern des Baumeisters Hadi Teherani, 46, anstellt, sprengt Grenzen und Konventionen der Architekturfotografie

Raster wabern durch den Raum. Verbeulte Körper lösen sich in Schlieren auf. Farben liegen wie Emulsionen übereinander und zerlaufen in trägen Wellen. Licht schimmert durch die Bilder hervor, als seien sie aus transparenter Folie. Reflektionen, Verdoppelungen, sphärisches Leuchten und Sternennebel: Fotografie im Delirium.

Klaus Kumrow, 41, betreibt Fotografie mit Fotografie. Spiralförmig arbeitet der Hamburger Künstler sich in die Tiefe vor. Um eine Bildvorstellung kreisend, spitzt er sie zu, fotografiert einen Zustand, arbeitet das gewonnene Bild in eine neue Situation ein, fotografiert wieder. Bis zu sechsmal. Die Ergebnisse sprengen herkömmliche Wahrnehmungsmuster vor allem von themenbezogener Fotografie und Seherfahrungen. Kumrows Bilder sind absolute Erfindung.

Vielleicht ist es dieses Ausmaß an künstlerischer Souveränität, das den Architekten Hadi Teherani, 46 (ART 10/2000), überzeugt hat. Gegen alle Regeln der Zunft überließ der Chefdenker des Hamburger Büros "Bothe, Richter, Teherani" (BRT) dem Künstler die Archivfotos seiner Gebäude - und schob den vorprogrammierten Kontrollverlust auch noch mit einer beachtlichen Summe an.

Aus war's mit sorgfältig quadrierten, repräsentativen Gebäudeporträts im blauen Abendlicht und glänzenden Metallfassaden unter Schäfchenwolken. Die Bildserie "BRT by Kumrow" lässt alle Vorstellungen von Architekturfotografie hinter sich - und setzt ganz nebenbei neue Maßstäbe für die Zusammenarbeit von Firmen und Künstlern: Teherani ist Partner, nicht Auftraggeber. Ohne Zwischeninstanzen wie Galeristen, Kuratoren oder Art Consultants haben sich zwei Querdenker auf ein Experiment eingelassen, das den Künstler zum Unternehmer in eigener Sache macht.

40 Arbeiten in einer Auflage von jeweils drei Exemplaren sind so entstanden, hochglänzende, 1,80 x 1,20 Meter große Ilfochrome-Bögen. Um dem Partner zu beweisen, dass Investitionen in Kunst sich lohnen, hat Kumrow eine Edition von 40 leinengebundenen Mappen mit jeweils 12 Originalblättern anfertigen lassen sowie einen repräsentativen Katalog. Die Sache verspricht Erfolg: Nicht nur Museen und Sammler fragen an, auch die Bauherren und Auftraggeber des Architekten finden Gefallen an den bizarr verformten Fragmenten ihrer Gebäude, die sich in manchen Arbeiten entdecken lassen.

Die Verbindung von Architektur und Fotografie ergibt sich beinahe zwangsläufig aus der Werkbiografie des Künstlers. In den achtziger Jahren montierte Kumrow Objekte in den Raum, die sich im Spannungsfeld zwischen Skulptur und Architektur entfalteten: absurde, ineinander verschränkte, Funktionen und Gesetzmäßigkeiten aushebelnde Konstrukte. Unter dem Schlagwort "Modellbau" landeten seine Arbeiten 1987 auf der Kasseler documenta.

Schon Anfang der achtziger Jahre begann Kumrow, aus Fotografien Objekte zu bauen, die ebenfalls Modellcharakter besaßen. Ein halber Punchingball aus gefalteten Cibachromen etwa oder eine Streichholzschachtel aus Himmelsfotografien der Hamburger Sternwarte, in deren Innenleben sich ein Schuber aus einem abfotografierten Fernsehtestbild verbarg. Kumrow brachte seine Fotofaltungen in einen Dialog mit an der Wand befestigten zweidimensionalen Arbeiten. Ende der achtziger Jahre wandern die Objekte endgültig ins Bild: "Körper interessierten mich einfach nicht mehr", erklärt Kumrow, "ich habe nur noch die Endzustände abfotografiert, um schließlich eine einzige Situation zu erzeugen." Seine Strategie, zu Bildern zu kommen, ist zumindest paradox: Von ohnehin kaum abbildbaren, nicht kunstwerten Substanzen wie Bier oder sprudelnder Kohlensäure, dem Zipfel einer Serviette oder Gliedern einer Toilettenkette ausgehend, dekonstruiert er das Nichtgegenständliche zu einer geisterhaften Lichtgestalt.

Der technoide Anschein der Arbeiten lässt den Einsatz von Bildbearbeitungsprogrammen vermuten - doch weit gefehlt: Die Versuchsanordnung in seinem Hamburger Atelier ist denkbar simpel. Im rechten Winkel zueinander stehen einfarbige Farbfotos auf Tischhöhe. Alle nur denkbaren Schattierungen liegen bereit. "Die monochromen Bögen sind meine Palette", beschreibt Kumrow die Grundausstattung. In den rechten Winkel hinein projiziert er Dias oder platziert er aus Fotos gefaltete Objekte. Die Lichtreflexe und Brechungen auf der perfekten Oberfläche der Bögen fotografiert er wiederum, um das so entstandene Bild erneut in den Zyklus der Bildfindung eingehen zu lassen. Schritt für Schritt entfernt er sich dabei von allen Momenten, die im Kopf des Betrachters Erinnerungen an reale Gegenständen freisetzen könnten.

"Voll synthetisch", nennt er das Ergebnis. "Die Bilder berichten von nichts mehr. Ich befreie die Fotografie von ihrer Abbildfunktion. Das Medium interessiert mich, weil ich etwas sichtbar machen kann, was ich ohne die Fotografie nicht sehen könnte - Zustände, die ich erst erzeugen muss, um sie schließlich als Bild zu sehen."

Klaus Kumrow - das ist der Forscher, der seine Methoden selbst erfindet. Der Modellbauer, der unmögliche Architekturen konstruiert. Und der Bildkünstler, der reale Gebäude zu utopischen Lichtkörpern in nicht dimensionierbaren Fantasieräumen verwandelt. Ob auch der umgekehrte Weg denkbar ist? Teherani ist ein Visionär. In Kumrow hat er einen Partner und Freund gefunden. Vielleicht auch einen Anreger? Der Prozess vom paradoxen Modell zur realen Architektur wäre die konsequente Antwort des Baumeisters auf den Künstler. Nächster Schritt: Kumrow by BRT?

www.kumrow.com Information: Tel. 0 40/24 84 22 04.

Bildunterschrift: Lofthaus am Elbberg, Hamburg: Die elegante Wellenstruktur des Gebäudes löst sich in halluzinative Farbräume und Reflexionen auf / Konstruktion im Strudel der Abstraktion: Völlig losgelöst treibt das Architekturfragment durch den Fantasieraum der Kunst - Kontorhaus ABC-Straße, Hamburg: Raumschiff oder Ozeandampfer? Lichtspiel auf der reflektierenden Foto-Oberfläche / Komplementärfarben und in die Tiefe gestaffelte, verdoppelte, mehrfach verschobene Elemente sind die Bausteine des Bildarchitekten - Messe Hafen-City, Hamburg, Projektentwurf: Modelle simulieren Wirklichkeit. Klaus Kumrow entrealisiert sie / Bürohaus Holzdamm, Hamburg: Die gerasterte Fassade projizierte Kumrow wiederholt in den rechten Winkel seiner monochromen Farbfotos / Car & Driver, Hamburg: gewagte Schräge mit viel Glas - Teheranis erster großer Wurf, zeichenhaft reduziert und endlos repetiert / Hauptbahnhof Dortmund: Unter Klaus Kumrows Regie verwandelt sich das Bahnhofsmodell in eine Space-Shuttle-Station / Architektur ist gebaute Vision. Kumrows Fotografie ist visionäre Dekonstruktion - Bürohaus Doppel-XX, Hamburg: Lichterscheinung / Kontorhaus ABC-Straße, Hamburg: aus der Enge der Stadt befreit und zur transparenten Skulptur ergänzt / Privatvilla: weiche Architektur / Bürohaus Doppel-XX, Hamburg: fliegende Gärten / Firmengebäude Tobias Grau, Rellingen: Leuchtkörper / Die Architektur verschwindet. Am Ende steht die Befreiung der Fotografie vom Gegenstand - Erfinder in Sachen Kunst: Klaus Kumrow / Fernbahnhof am Flughafen Frankfurt: Reise in eine unbekannte Dimension / Polderbebauung Neumühlen, Hamburg: Faltungen und Projektionen setzen Statik und Logik des Architekturmodells außer Kraft /