Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 138
Dali-Ausstellung: Wer verhalf der Dame zum Gesicht?
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Neue Vorwürfe gegen die Sammlung Albaretto
Angriff schien die beste Verteidigung. Haltlos seien die Anschuldigungen gegen die Augsburger Dali-Ausstellung "Dali, Mara e Beppe - Bilder einer Freundschaft", erklärte Vera Schauber von der mitveranstaltenden Verlagsgruppe "Weltbild". Namhafte Dali-Experten und die deutsche Polizei hatten zuvor darauf verwiesen, dass die Sammlung Albaretto, aus der die in Augsburg gezeigten Werke stammen, im Verdacht stehe, auch Fälschungen zu enthalten (ART 9/2000). Außerdem seien in der Vergangenheit immer wieder gefälschte Druckgrafiken nach Motiven aus der Albaretto-Sammlung auf dem europäischen Kunstmarkt aufgetaucht. Diesen Umstand gestand Albaretto-Schwiegersohn Beniamino Christini auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz ein: Es müsse sich dabei um Werke handeln, die in Ausstellungen gezeigt und kopiert worden seien. Die erhobenen Vorwürfe könnten "nur von jemandem kommen, der unserer Familie schaden will", ergänzte Mara Albaretto. Namhafte Dali-Experten wie Albert Field und Bernard Ewell hätten die Echtheit der Werke bescheinigt. Jedes einzelne Bild sei zudem von der spanischen Stiftung Gala-Salvador Dali zertifiziert worden.
Die Stiftung allerdings hatte sich schon vorher distanziert: "Wir haben keinerlei Echtheitszertifikate für Werke ausgestellt, die der Familie Albaretto gehören", stellte Geschäftsführer Joan Manuel Sevillano Campalans klar. Der von den Albarettos zitierte Experte Albert Field ist über 80 und stark sehbehindert. Sein Werkverzeichnis von Dali-Grafiken enthalte zahlreiche Fälschungen, meint Ralf Michler, der gemeinsam mit Lutz Löpsinger den offiziellen Katalog der Dali-Druckgrafik erarbeitet hat. Der ebenfalls zitierte Bernard Ewell bietet von Santa Fe aus im Internet Expertisen an, ohne die zu beurteilenden Werke im Original gesehen zu haben. Das Ausfüllen eines Fragebogens und die Einsendung einer Fotografie genügen - und die Überweisung einer Pauschale von 200 Dollar pro Expertise. Als Nachweis seiner Befähigung dient ihm unter anderem ein Brief von Mara Albaretto: "Wir bestätigen ihn als vollkommen kompetent, Kunstwerke von Dali in der Sammlung von Mara, Cristiana und Giuseppe Albaretto in Turin, Italien, zu schätzen und für echt zu befinden."
Zwischenzeitlich interessierte sich auch die Augsburger Staatsanwaltschaft für den Fall Albaretto. Weil Ralf Michler bei einem Besuch in der Ausstellung rund 20 Werke als Fälschungen und mindestens eine Signatur als unecht erkannt haben will, prüfte die Behörde ein Verfahren wegen Urkundenfälschung, nahm aber dann keines auf. Zuvor hatte bereits Dalis Nachlassverwalter Robert Descharnes unter anderem die Echtheit des Gemäldes "Frau mit Schubladen" (1969) in Frage gestellt. Als Gegenbeweis legten die Albarettos ein Foto von der Übergabe des Bildes durch Dali vor. Beide Gemälde weichen allerdings in wesentlichen Details erheblich voneinander ab: Auf dem Übergabefoto hat die gemalte Frau kein Gesicht, auch ihre Haare scheinen anders dargestellt.
Warum die Familie Wert darauf legt, dass der Ruf ihrer Sammlung nicht angekratzt wird, belegte unterdessen jüngst eine Verkaufsausstellung in New York. Dort bot Galerist Neil Zukerman (CFM Gallery) bis Anfang Oktober 25 Werke aus der Sammlung zum Verkauf an - Gesamtpreis: umgerechnet rund 6,1 Millionen Mark (2760000 Dollar). Gegenüber ART bestätigte Zukerman, dass 25 Arbeiten direkt aus der Sammlung Albaretto kommen. Angeboten wurden für je 20000 Dollar auch acht Blätter aus der Grafikfolge nach Dantes "Göttlicher Komödie", die Dali am Rand zusätzlich mit Handzeichnungen versehen haben soll. Das deutsche Kunsthaus "Artes" musste ähnliche Blätter in den achtziger Jahren von seinen Kunden zurücknehmen, nachdem sie unter Fälschungsverdacht geraten waren. Artes hatte die Blätter nach Aussagen von Geschäftsführerin Ulrike Petersson vom Verlag "Les Heures Claires" erworben - den nach Erkenntnissen von Ralf Michler bereits Anfang der siebziger Jahre Giuseppe Albaretto gekauft hatte.
Bildunterschrift: 850000-Dollar-Bild: "Weiche Uhren in der Ebene von Ampurdan" (1952) / Ein fragwürdiges Foto mit Dali soll die Echtheit des Gemäldes "Frau mit Schubladen" (1969) belegen /
