Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 105

Gehobenes Bilderrätsel

Von Boris Hohmeyer

AUSSTELLUNGEN IM NOVEMBER - HÖHEPUNKTE DES MONATS: INFORMATIONEN, VORSCHAU, KRITIKEN & TERMINE / Nürnberg: I believe in Dürer

Dürer wohnt hier nicht mehr. Seine Werke sind rar in seiner fränkischen Heimat, und auch wenn jetzt die Nürnberger Kunsthalle zum 950-jährigen Bestehen der Stadt seine Wirkung auf Künstler der Gegenwart vorführt, dann ist der Meister selbst nur schattenhaft anwesend: Sigmar Polke hat sich die abstrakten Schnörkel aus Dürers "Triumphzug Kaiser Maximilians" herausgegriffen, Georg Herold seinen Hasen aus Dachlatten nachgezimmert, und das Bild von Bob und Roberta Smith, das der Ausstellung den Titel gibt, zeigt nichts als den banalen und unbewiesenen Schriftzug "I Believe in Dürer". Die Zeiten sind vorbei, in denen der Glaube an einen Renaissance-Maler noch selig machte.

Warum heutige Künstler trotzdem immer wieder auf den alten Meister zurückkommen, kann denn auch die Nürnberger Schau nicht klären. Schon optisch wirkt sie arg zusammenhanglos, weil die sehr lockere Hängung die Rumpelkammer-Wände der Kunsthalle unangenehm hervortreten lässt.

Auch inhaltlich fehlt dem Unternehmen das Zentrum, weil Dürers Kunst als roter Faden nur zitiert, aber nie gezeigt wird. Dass die Kuratorin Michaela Unterdörfer vielschichtige aktuelle Arbeiten nicht durch didaktische Hinweise auf eine bloße Dürer-Nachfolge festnageln mag, ist ehrenwert. Doch so erscheint die Ausstellung entweder als unverständliches Sammelsurium oder als , je nach Fantasie und Vorbildung des Betrachters. Der muss Thomas Hubers Messgefäße mit Dürers "Unterweysung der Messung" zu verknüpfen wissen, die Symbolik des von Rune Mields und Rosemarie Trockel aufgegriffenen Magischen Quadrats aus dem Stich "Melencolia I" durchschauen oder auf die kalauernde Definition eines ausgesägten Baum-Bildes als "Holzschnitt" kommen. Er muss Dürers Vorstellungen von der gesellschaftlichen Rolle des Künstlers im Kopf haben, und natürlich sollten ihm alle zitierten Werke vor dem inneren Auge stehen, was beim "Hasen" wahrscheinlich klappt, beim "Triumphzug Maximilians" eher nicht.

Obwohl die Beschäftigung mit Dürer eher Neben- als Hauptwerke hervorgebracht hat, erfreuen beispielsweise jene Trockel-Zeichnungen, die seinen Tieren Strickpullis überziehen und ihre Konturen per Fotokopie verdoppeln, oder Klaus Staecks immer noch brillant böses Plakat, auf dem er im Dürer-Jahr 1971 die alte Mutter des Künstlers zum Sozialfall machte.

Den Bogen in die Gegenwart schlagen Auftragswerke jüngerer Künstler: Robert Voit verweist mit seinen Fotos von Gemälde-Transportkisten auf die Entwurzelung historischer Kunstwerke im Ausstellungsbetrieb. Und wenn Caroline von Grone Tag für Tag im orangefarbenen Kittel in der denkbar hässlichsten U-Bahn-Passage steht und diese von ihr als apokalyptisch empfundene Umgebung malt, dann macht ihre Aktion stärker als jedes Ausstellungsstück erfahrbar, wie drastisch sich Nürnberg und seine Kunst seit Dürers Zeit verändert haben.

"I Believe in Dürer" ist bis zum 5. November in der Nürnberger Kunsthalle zu sehen. Der Katalog kostet 39 Mark.

Bildunterschrift: Staeck sperrt Dürers Hasen ein: "Zum Welttierschutztag" (1987) / Aus Dachlatten nachgezimmert: Herolds "Dürerhase" von 1984 /