Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 106

Die Warenwelt in Kunst-Stücken

Von Joachim Hauschild

AUSSTELLUNGEN IM NOVEMBER - HÖHEPUNKTE DES MONATS: INFORMATIONEN, VORSCHAU, KRITIKEN & TERMINE / München: Die Dinge

Auf ihren Grabmalereien ist zu sehen, welchen Wert die alten Ägypter den Dingen zumaßen. Sie versorgten ihre Toten mit Abbildern von dem, was die im Jenseits brauchen, aber nicht mitnehmen konnten: Lebensmittel, Gerätschaften, Boote. Diese Illustrationen waren Ersatzobjekte, nichts an ihnen wies über sie hinaus. Erst im 20. Jahrhundert werden die Gegenstände zu Fetischen der Konsumgesellschaft. Kein Wunder, dass Künstler vermehrt nach Dingen greifen. Das jedenfalls ist die These der Ausstellung "Die Dinge in der Kunst des XX. Jahrhundertsº, die Hubertus Gaßner und Stephanie Rosenthal im Haus der Kunst präsentieren.

Wassily Kandinsky, Wegbereiter der abstrakten Malerei, ahnte bereits 1911: neben das "große Abstrakteº werde bald das "große Realeº treten. In der Tat ziehen die Dinge schon kurz darauf in die kubistischen Arbeiten von Pablo Picasso und Georges Braque ein, die in ihre Gemälde Zeitungsausschnitte, Fahrkarten oder Prospektzeilen integrierten. Gerade diese Arbeiten aber fehlen in der Ausstellung - ebenso wie die der maschinenbegeisterten Fotografen der zwanziger Jahre, zum Beispiel Albert Renger-Patzsch.

Statt dessen ist eine Fotoarbeit zu sehen, die den Gegenstand nicht feiert, sondern versteckt: Man Rays "Das Rätsel des Isidore Ducasseº von 1920. Das Bild zeigt ein undefinierbares Objekt, eingeschnürt in eine Decke. Das beunruhigende Ding sieht aus, als könne es jederzeit aus seinen Fesseln ausbrechen - der Surrealismus hat die tote Welt zum Leben erweckt.

Konkreter wird es bei Marcel Duchamp, dessen Ready-Mades leider unbeholfen als Gruppenbild arrangiert sind: Fahrrad-Rad, Stolperfalle, Flaschentrockner - alle in späteren Auflagen. Auch das Urinoir ("Springbrunnenº) fehlt nicht. Hintersinnig hat es Sherrie Levine in Bronze gegossen. Die Objekte der Avantgarde, die einst den Kunstbegriff revolutionieren wollte, sind zu Objekten des Marktes geworden.

Oft und wohl auch beabsichtigt gleicht die Ausstellung einem Warenlager. Das macht sie unübersichtlich, aber auch überraschend. Beim ziellosen Flanieren lassen sich erstaunliche Parallelen entdecken: etwa von Man Rays benageltem Bügeleisen ("Geschenkº, 1921) zu Tony Craggs "Selbstbildnis mit 6 Haushaltsgerätenº (1970), von Dalis "Weißem Aphrodisiakum-Telefonº (1936) zu Beuys' "Ohne Titelº (aber mit Telefon, 1970/71).

Kein Jahrzehnt ist jedoch dem Wahn der Waren so verfallen wie die neunziger Jahre. Nike-Schuh und Vuitton-Tasche, Kelly Bag und Gucci-Pumps: Sylvie Fleury füllt ihren verstörend-ironischen Kuschelraum (1998) mit den Abbildern zeitgenössischer Statussymbole aus verchromter Bronze. Diese Dinge stehen für alles mögliche, nur nicht für sich selbst. Kein Ägypter hätte etwas so Überflüssiges einem Toten mitgegeben.

Zur Ausstellung (bis 19. November) im Münchner Haus der Kunst erscheint ein 376 Seiten starker Katalog (Steidl Verlag) zum Preis von 59 Mark.

Bildunterschrift: Belebtes Ding: "Eichhörnchen" (1959/60) von Meret Oppenheim /