Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 142
Ein kleiner Ganove verspielte seinen hohen Finderlohn
Von
Weimar erhält Renaissance-Gemälde zurück
Der Anrufer gab sich naiv und hilfsbereit: Ob er, so fragte ein gewisser Frank in breitem Amerikanisch den Direktor der Kunstsammlungen zu Weimar, das Gemälde "Kopf Christi" von Jacopo de' Barbari, zurückhaben wolle. Rolf Bothe bejahte nicht nur spontan, er schrieb sich schnell auch die Nummer des Anrufenden ab, die auf seinem Telefon-Display erschien.
Der Christus-Kopf des Renaissance-Malers Barbari (um 1460 bis vor 1516) fehlt den Weimarern seit dem Zweiten Weltkrieg. Das kostbare Bild mit der Inventar-Nummer "2" ist laut Bothe "alter Bestand" und bereits vor 1837 angekauft worden. Während des Weltkriegs war die kostbare Tafelmalerei mit anderen wichtigen Kunstwerken in einem Depot im thüringischen Schloss Schwarzburg ausgelagert und galt seither als verschollen.
Bothe hielt den anonymen Frank, der einen Preis von 100000 Dollar forderte, mit dem Hinweis auf notwendige Genehmigung der Geldmittel hin und schickte die Kassette mit dem aufgenommenen Gespräch sowie die Telefonnummer nach New York. Dort wurden der Rechercheur Willi Korte sowie die amerikanische Zollfahndung tätig. Schnell wurde der Anrufer anhand der Nummer als Frank Vaccaro im Bundesstaat New York enttarnt.
Wenige Tage später meldete sich die Zollfahnderin Bonnie Goldblatt bei Vaccaro, der im Hauptberuf als Möbelrestaurator arbeitet. Sie gab sich ihm gegenüber als Kunsthändlerin aus und beschlagnahmte anschließend das ihr vorgeführte Gemälde.
Vor Gericht gab Vaccaro folgende Erklärung über die Herkunft des Kunstwerks: Eine katholische Nonne habe ihm vor Jahren eine gerahmte Holzplatte gebracht, auf die sie ein Poster geklebt habe, da sie das darunterliegende Bild geängstigt habe. Später habe er das Poster abgelöst und darunter das Barbari-Gemälde entdeckt. Seine Spurensuche habe ihn, so Vaccaro, schließlich nach Weimar geführt.
Derzeit ist das Gemälde, dessen aktuellen Wert das New Yorker Auktionshaus Sotheby's mit umgerechnet mehr als acht Millionen Mark angibt, auf dem Rückweg in die Klassikerstadt. Vaccaro erhielt eine Bewährungsstrafe.
Schlusskommentar von Rolf Bothe: "Hätte Vaccaro ehrlich gehandelt, hätte er ein kleines Vermögen als Finderlohn bekommen. Als Ganove geht er leer aus."
Bildunterschrift: Museumsdirektor Rolf Bothe / Unter einem Poster verborgen: Barbaris "Kopf Christi" kommt wieder nach Weimar /
