Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 140
Brühl holt den Weltbürger zurück nach Hause
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Max-Ernst-Museum rückt in greifbare Nähe
Die Katholiken riefen dreimal "pfui", und der Vater klagte: "Du hast unsere Familie entehrt!" So will es die Legende. Stein des Anstoßes war Max Ernsts provokantes Gemälde "Die Jungfrau verhaut das Jesuskind vor drei Zeugen, Andre Breton, Paul Eluard und dem Maler" (1926). Lange Zeit tat sich die Stadt Brühl mit ihrem berühmten Sohn schwer, und auch Max Ernst selbst, der 1922 nach Paris übersiedelte, bilanzierte: "30 Jahre Deutschland sind genug." Doch jetzt schreibt sich Brühl den Weltbürger auf die Fahnen. Die kleine Stadt bei Köln will ein Max-Ernst-Museum.
Seit 1980 bereits zeigt das kleine, aber feine Max-Ernst-Kabinett in unmittelbarer Nähe des Brühler Schlosses regelmäßig Ausstellungen über den berühmten Künstler. Etwa 400 dort vorhandene Arbeiten der Sammlung, die den Grundstein für das künftige Museum bilden sollen, stammen vor allem aus dem Frühwerk Ernsts. Gesamtwert: rund zehn Millionen Mark.
Für das Museum hat die Stadt das St. Benedictus-Heim, inmitten eines großzügigen Parkgeländes, ins Visier genommen. Noch sind in dem denkmalgeschützten Gebäude Flüchtlinge untergebracht, doch nach entsprechenden Restaurierungs- und Sanierungsmaßnahmen könnte hier auf 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche Kunst zu sehen sein.
Die Stadt kann auf Hilfe zählen: Drei Millionen Mark hat der Landschaftsverband Rheinland zugesagt, die Kreissparkasse Köln hat 600 Grafiken aus der Sammlung Peter Schneppenheims im Wert von 3,5 Millionen Mark angekauft. Brühl verhandelt auch mit Dorothea Tanning, der 90-jährigen Witwe des Künstlers. Sie besitzt 60 Bronzeskulpturen, die die Brühler gerne für ihr Museum erwerben würden. Eine wichtige Ergänzung für das geplante Haus, doch die Sammlung soll rund 7 Millionen Dollar (umgerechnet etwa 15 Millionen Mark) kosten. Die Kreissparkasse will helfen, und unter dem Stichwort "pro Skulptura" richtete das Max-Ernst-Kabinett ein Spendenkonto ein. 10000 Mark haben Brühler Bürger bereits zusammengebracht.
Bildunterschrift: Max Ernst und Dorothea Tanning mit "Capricorn" (1948) / Skandalbild: "Die Jungfrau verhaut das Jesuskind" (1926) /
