Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 149
Von Lebensfreude und Todesnähe
Von
Vera Isler-Leiner: "Auch ich ", Edition Ost, Berlin. 208 Seiten. 39,80 Mark
Mag sein, dass die Schweizer Fotografin Vera Isler-Leiner (Jahrgang 1931) mit diesem Buch die Erwartungen des kunstinteressierten Publikums nicht erfüllt. Denn in der Geschichte ihres Lebens, die sie hier in schonungsloser Offenheit erzählt, kommt die Kunst, ihre eigene und die anderer, scheinbar nur en passant vor. Wenige, eher flüchtige Bemerkungen über erste Versuche mit der Kamera, über unterschiedliche Kameratypen und ihre Vorliebe für Künstlerporträts - sehr viel mehr erfährt der Leser nicht über die Arbeit der renommierten Fotografin.
1998 stellten die Ärzte bei Vera Isler Brustkrebs fest. Die Totalamputation folgte kurz nach der Diagnose. Eine Autobiografie hatte die Künstlerin schon lange geplant - nun schien die Zeit knapp: "Jetzt musste ich schreiben." Sie schrieb über die späte Trauer um die in Auschwitz ermordeten Eltern, über den Verlust der Kindheit, über den ersten missglückten Versuch, ein bürgerliches Eheleben zu führen, über den mühsamen Weg in die Unabhängigkeit, über Sinnlichkeit und Lebensfreude, über Verweigerung, Frauen-Power und Todesnähe.
"Allein. Zynisch, sarkastisch, verletzend manchmal, mich selbst schützend", so sieht sich Vera Isler. Wer ihren Lebensbericht gelesen hat, wird ihr zustimmen - und gleichzeitig fasziniert sein vom Mut, von der Kreativität und Radikalität dieser Frau. Es sind solche Qualitäten, die auch ihre Bilder ausmachen.
