Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 48-49

Die Gegenwart holt weiter auf

Von Stefan Koldehoff

FOTOMARKT / Der boomende Fotomarkt macht die Suche nach neuen Bildquellen nötig. Dabei bleibt die Sorgfalt immer öfter auf der Strecke

Die magische Eine-Million-Dollar-Grenze fiel ausnahmsweise nicht im lauten Auktionssaal, sondern ganz leise am Schreibtisch. Gegenüber saßen sich Peter MacGill, Präsident der angesehenen New Yorker Pace Wildenstein/MacGill Gallery, und John A. Pritzker, in San Francisco lebendes Mitglied jener Familie, die die Hyatt-Hotelkette gründete und bis heute besitzt. Nebenbei ist Pritzker ein passionierter Fotosammler. Vor ihm auf dem Schreibtisch lag eine Fotografie: die Nahaufnahme eines weiblichen Auges, unter dem wie Tränen fünf Glasperlen kleben. Der Bildausschnitt endet am oberen Rand kurz über der Augenbraue und am unteren Rand kurz über dem Mund. MacGill wollte das Bild verkaufen, Pritzker wollte es für seine Sammlung erwerben - um jeden Preis.

Die "Glastränen" (1932/33) zählen zu den Inkunabeln der Fotokunst. Mindestens sechs verschiedene Fassungen des Motivs nahm der Fotograf und Künstler Man Ray (1890 bis 1976) in den dreißiger Jahren auf. Einen Abzug der Version, die dasselbe Gesicht in einem größeren Ausschnitt und mit acht Tränen zeigt (1932), erwarb im Mai 1993 der Sänger und Komponist Elton John bei Sotheby's in London für 193000 Dollar. Die Fassung, über die sich MacGill und Pritzker an ihrem Schreibtisch beugten, gilt als strenger und schöner. Von ihr sind nur vier Abzüge bekannt: einer im J. Paul Getty Museum in Los Angeles, einen zweiten verkaufte angeblich der Händler Jeffrey Fraenkel vor einiger Zeit an den Präsidenten der Textilkette GAP, Robert Fisher. Den dritten Abzug erwarb im Oktober 1995 ein unbekannter Sammler für 266500 Dollar bei Sotheby's in New York - den vierten wollte Pritzker von MacGill kaufen.

Er bekam ihn - für den Preis von "mehr als einer Million Dollar", so die Auskunft eines der am Handel Beteiligten. Für eine Million Mark hatte noch im Sommer auf der Kunstmesse "Art" in Basel der Berliner Fotogalerist Rudolf Kicken ein Konvolut von immerhin 109 signierten Autoren-Abzügen des gesuchten deutschen Fotografen Albert Renger-Patzsch angeboten. Mit dem Man-Ray-Verkauf hat in der zurückliegenden Marktsaison nun zum ersten Mal eine einzelne Fotografie die Eine-Million-Dollar-Grenze überschritten. "Das war unvermeidlich", kommentierte später der New Yorker Händler Howard Greenberg. "Die Wertschätzung, die Museen, Kunsthistoriker und Sammler den Verdiensten der Fotografie entgegenbringen, ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der Preisgraben zwischen großartigen Fotos und großen Arbeiten aus anderen Techniken sich schließt."

Tatsächlich scheint der Markt für Fotografie nun jene Entwicklung nachzuvollziehen, die die Malerei fast schon wieder hinter sich hat: Singuläre Meisterwerke großer Künstler erreichen schwindelerregende Preishöhen. Und ebenso wie bei der Malerei, in der Gegenwartskünstler erst seit wenigen Jahrzehnten in der oberen Preisklasse mitspielen, scheinen sich auch die Sammler teurer Fotografien zunächst auf die Klassiker des Genres zu konzentrieren, bevor sie sich an die Zeitgenossen wagen. Höchstpreise werden auf dem Fotomarkt bislang fast ausschließlich für Aufnahmen des späten 19. und vor allem des frühen 20. Jahrhunderts bezahlt. Entsprechend explodierten in der zurückliegenden Saison die Preise: 420000 Dollar für Alfred Stieglitz' Aufnahme "Aus dem Rückfenster" (1915), 607000 Dollar für die "Förderbänder bei Ford" (um 1928) von Charles Sheeler und schließlich jene 840370 Dollar für das Bild "Die Woge" des bis dahin nicht sonderlich beachteten Franzosen Gustave Le Gray. Sie gelten bis heute als offizieller Weltrekordpreis für eine Fotografie.

Gegen die Foto-Klassik hat die Gegenwart noch schlechte Karten. Zwar stiegen im Mai überraschend auch der Preis von Bruce Naumans früher Fotoarbeit "Lichtfalle für Henry Moore, No. 1" (1967) auf 533000 und der für eine Ansicht des Pantheon in Rom vom deutschen Fotografen Thomas Ruff auf 270000 Dollar - sie aber bleiben bislang die Ausnahmen. Sichere Umsätze garantieren jene sentimental romantisierenden Motive, die inzwischen in keiner großen Auktion fehlen: Berenice Abbotts "New York bei Nacht" (1932) etwa, die trotz eines Fälschungsskandals nach wie vor umkämpften Bilder, die Lewis W. Hine vom Bau des Empire State Buildings machte und die als Poster in jedem dritten Jugendzimmer hängen, oder jenes Bild, das der Fotograf Ansel Adams im Oktober 1941 im Chama Valley nördlich von Santa Fe aufnahm: "Aufgehender Mond, Hernandez, New Mexico". "Ich fühlte damals", erinnerte er sich später, "dass es ein ganz außergewöhnliches Bild war." Sotheby's bot es im Oktober in gleich drei Abzügen als gefällige Massenware an.

Der Bedarf an immer neuem Material, den vor allem die großen Auktionshäuser in London und New York decken müssen, führt zur Suche nach immer neuen Quellen - schon seit längerem wird alles gesammelt, was die Dunkelkammern hergeben. Die Sucht nach marktfrischen Bildern führt leider aber offenbar auch zu Sorglosigkeit im Umgang mit Qualität und Herkunft der angebotenen Objekte - auch darin steht die Fotografie der Malerei inzwischen in nichts mehr nach. Nachdem sich die Skandale des Fotomarktes - gefälschte Abzüge von Man Ray und Lewis Hine oder die niemals existente "Helene Anderson Collection", die Sotheby's 1997 versteigerte - bislang überwiegend im angelsächsischen Raum zutrugen, war in diesem Herbst zum ersten Mal auch ein deutsches Haus betroffen. Im September fiel das Auktionshaus Lempertz mit dem Versuch auf die Nase, eine Auktion zum Thema "Photojournalismus" abzuhalten (siehe Seite 144). Verkauft werden sollten Abzüge, die inzwischen teuer gehandelte Fotografen einst der "Deutschen Zeitung" zur Verfügung gestellt hatten. 1980, so die Darstellung des Auktionshauses, habe der "Rheinische Merkur" deren Archiv übernommen. Ein Fotofreund habe damals aussortierte Doubletten vor dem Papierkorb gerettet. Warum einige der angebotenen Abzüge auf der Rückseite den Stempel des "Stern"-Archivs tragen, erklärt diese Sprachregelung freilich ebenso wenig wie den Umstand, dass Lempertz zunächst erklärte, der Verkauf aller Bilder sei juristisch geprüft und für einwandfrei befunden worden. Den Schaden trägt der Fotomarkt in Deutschland.

Bildunterschrift: 1000000 Dollar mindestens zahlte der Sammler John A. Pritzker für einen von vier Abzügen des Bildes "Die Glastränen" (1932/33) von Man Ray / 607000 Dollar brachte Charles Sheelers Foto "Förderbänder bei Ford" (um 1928) ein. Es ist bis heute eine der teuersten Fotografien der Welt / 533000 Dollar für die "Lichtfalle für Henry Moore, No.1" (1967) von Bruce Nauman war Rekord für einen Zeitgenossen /