Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 96-97
Spurensuche in Alltagsresten
Von Ruth Hndler
AUSSTELLUNGEN IM NOVEMBER - HÖHEPUNKTE DES MONATS: INFORMATIONEN, VORSCHAU, KRITIKEN & TERMINE / Kraichtal: Aktuelle Kunst aus Brasilien / Die Ursula Blickle Stiftung zeigt unter dem Titel "Em busca da identidade - Auf der Suche nach der Identität" Arbeiten von acht Brasilianern
Eine Mischung aus Sand, Schaumstoff-Kugeln, Pigmenten, Reis und Gewürzen - gefüllt in strumpfähnliche Polyamid-Schläuche - zieht Ernesto Neto in feinen Gespinsten von der Decke auf den Boden. Die scheinbar organischen Wucherungen verwandeln die verspannten Räume in Höhlen und führen den Betrachter durch fließende, verschwommene Labyrinthe.
Neto aus Rio de Janeiro, Teilnehmer der XXIV. Biennale von Sao Paulo im Jahr 1998 und gerade mit dem Kölner Central Kunstpreis ausgezeichnet, ist der hierzulande bekannteste Künstler in der Ausstellung der Ursula Blickle Stiftung. Kurator Peter Weiermair, Direktor des Salzburger Rupertinums, zeigt Netos Arbeiten im Rahmen einer Werkschau 30- bis 40-jähriger brasilianischer Künstler. Er hält die junge Kunstszene des Landes für "die interessanteste und differenzierteste Lateinamerikas".
Das historische Erbe der Konstruktivisten - wie des Chefarchitekten der Hauptstadt Brasilia, Oscar Niemeyer, oder des deutsch-brasilianischen Malers Almir Mavignier - erkennt Weiermair in den Arbeiten der jungen Brasilianer, die "einen hohen formalen Anspruch haben und nicht folkloristisch oder erzählerisch sind". Die Objekte von Jose Damasceno etwa lösen ironisch die logischen Systeme der geometrischen und konkreten Kunst auf und bringen mit Gummibändern und Altkleidern "arme" Materialien ins Spiel. Banale Überbleibsel menschlicher Präsenz legt Fernanda Gomes aus: Strecken aus Zigarettenstummeln, Staubkügelchen mit darin verborgenen Alltagsresten wie Zwirnfäden, verlorene Klammern oder Spulen.
Versatzstücke des erbärmlichen Lebens in den Vorstädten, den Favelas, haben brasilianische Künstler wie Lygia Clark oder Helio Oiticica, beide Teilnehmer der documenta 10 in Kassel, seit den sechziger Jahren in ihr Werk integriert. Aus farbigen Tüchern mit graffitoartigen Chiffren lässt Cabelo, der im Performance-Programm der documenta 10 vertreten war, seine Räume wachsen. Hauchdünne Gaze verwendet Carmen Alves als Träger für ihre frei schwebenden Zeichnungen.
Eher dokumentarisch betreibt die Fotografin Rochelle Costi ihre Spurensicherung. Mit Aufnahmen aus Wohnungen von Einwanderern, etwa einer Serie von Schlafzimmern, schildert sie die Suche nach der Identität im fremden Land. Edgard de Souza geht vom eigenen Körper aus und führt in computergenerierten Fotografien im Doppel den Kampf mit sich selbst vor. Ambivalente Gefühle wie Verschmelzung und Vereinzelung drücken seine Skulpturen aus, die mit einer spiegelnden lackierten Haut überzogen sind.
Entfremdung in der Anonymität urbaner Zivilisation ist das Thema von Ana Maria Tavares. Mit stahlharten Großobjekten beschwört die Künstlerin die Kälte öffentlicher Großstadträume. Videos von Computerspielen und Simulationen verstärken die Wartesaal-Atmosphäre.
So verschiedene Wege die Künstler auf ihrer "Suche nach der Identität" auch gehen, das Experimentieren mit dem Stoff der Realität verbindet sie. Aus ihm destillieren sie eine Materialästhetik von starker Sinnlichkeit. Kurator Weiermair: "Das ist die besondere Qualität der jüngeren brasilianischen Kunst."
Zur Ausstellung (12. November bis 10. Dezember) erscheint in der Edition Esther Oehrli (Zürich) ein 172 Seiten starker Katalog zum Preis von 40 Mark. Weitere Stationen sind das Salzburger Rupertinum (15. Februar bis 25. März 2001) und die Galleria d'Arte Moderna in Bologna (April/Mai 2001).
Bildunterschrift: Damasceno: "Das nächste Vorzeichen (Erfahrung der Sichtbarkeit einer dynamischen Substanz)" von 1997 / Organische Wucherungen: Ernesto Netos Polyamid-Skulptur "Arco Ventre" ("Gebärmutterbogen") von 1999 / "Zu Hause": Die Fotokünstlerin Rochelle Costi dokumentiert Einwanderer-Wohnungen ("A Casa", 1993/98) / Ana Maria Tavares: "Carrousel (für Duchamp)", 1997 / Edgard de Souza: Skulptur ohne Titel, 2000 /
