Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 69

Fast unter aller Kritik

Von Alfred Nemeczek

München verwirrt mich. Pinakotheken laufen dort vom Fließband wie Automobile bei BMW. Zwei davon gibt es bereits, die dritte ist im Bau, und eine vierte ist dem Kölner Sammler Udo Brandhorst versprochen - vom Freistaat Bayern schlüsselfertig zu liefern bis Ende 2005.

Die Ausstellung "Food for the Mind" im Haus der Kunst dokumentierte mit rund 150 Werken von 32 klassisch modernen und zeitgenössischen Künstlern knapp ein Drittel dessen, was Brandhorst stiften will. Zugesagt hat er auch ein Kapital von 250 Millionen Mark, dessen Zinsen der Sammlung Zuwachs garantieren. Ob das ein weises Geschäft ist, will ich nicht bewerten, zumal die Sache entschieden scheint: Das Museum kommt.

Dennoch lehnen Kollegen, deren Urteil über Kunst und Künstler ich schätze, dieses Projekt heftig ab. Ich respektiere ihre (im Zweifelsfall richtige) Haltung, bin aber entsetzt von den Argumenten, mit denen sie sich in diesem Disput als Strategen bewähren. Sie sind nämlich ziemlich brutal.

Das Gefecht tobt an drei Fronten. Ins Zwielicht gerückt wird erstens der Freistaat Bayern als Partner des Stifters. Das Land in seiner Gier nach Kunst und Geld habe sich da wohl, spottet Eduard Beaucamp in der "FAZ", auf den "Jahrmarkt der Privatsammlungen" verirrt. Und sei dabei - zweitens - an einen Sammler minderen Formats geraten, dessen Kollektion den Maßstäben von Giganten der deutschen Sammlerszene wie Peter Ludwig oder Erich Marx nicht standhalte. Die Sammlung Brandhorst leide unter "später Entstehung" und bilde schon deshalb "kein überzeugendes Hochplateau" (Beaucamp).

Drittens wird die von Brandhorst erworbene Kunst bekrittelt - darunter immerhin Bilder von Cy Twombly, Andy Warhol, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Georg Baselitz und Willem de Kooning. Und statt mit subjektiv begründeter Werkanalyse und redlichem Vergleich wappnen sich die Widersacher des Projekts zumeist mit Kategorien, die mit Kunst wenig zu tun haben. Mal wird das Brandhorst-Konvolut als "zeitgeistlastig" verdammt, mal wird es pauschal als Ware verteufelt. Alt, grau und verschlissen, schreibt der Kunsthistoriker Willibald Sauerländer in der "Süddeutschen Zeitung", wirke ja inzwischen die Gegenwartskunst. Von Ausnahmen abgesehen, habe sie "nichts Strahlendes und Stürmisches mehr". Vor allem "Kunst von Gestern und Vorgestern" biete die Sammlung, und die sei ja der Kunst von Vorvorgestern - "will sagen, die ältere Kunst" (Sauerländer) - ohnehin unterlegen.

Zum finalen Volltreffer verbünden sich Beaucamp und Sauerländer sodann mit Gottfried Knapp von der "Süddeutschen Zeitung". Brandhorst, suggeriert Knapp, verspreche ein "Sammlermuseum, das wie alle anderen Sammlermuseen nur die Anlage-Berater-Kunst einer bestimmten Epoche zeigt". "Fast alle vertretenen Künstlernamen werden auf der Zeitgeistszene hoch und häufig gehandelt", assistiert Beaucamp, und Sauerländer diffamiert die Brandhorst-Offerte als smarte Finanztransaktion: "Stiftungen sind wie Investments, wirken wie die Fusionen zwischen Banken und weltumspannenden Firmen."

An dieser Stelle raste ich aus. Denn mit solchen Totschlag-Argumenten entfernt sich die Kritik doch sehr vom legitimen Streit um Notwendigkeit, Verfassung oder Standort einer vierten Pinakothek für München und mutiert zur Fundamental-Opposition.

Denn eingelocht in die Zeitgeist-Falle sieht sich ja nicht allein der potenzielle Stifter. Abgeurteilt werden zugleich alle Sammler, die aktuelle Kunst kaufen und damit bewusst den Geist dieser Zeit reflektieren. Dabei verdient ihr Mut zum Risiko eher Zuspruch als Tadel. Auch gegen jedes mit Prestige-Zuwachs verbundene Mäzenatentum (für das ein Peter Ludwig bewundert wurde) richtet sich der Verdacht: Vorsicht, übles Spekulantentum! Und gedankenlos denunzieren meine Kollegen die Künstler gleich mit. Dass Cy Twombly, Mario Merz, Robert Gober, Andreas Slominski oder Damien Hirst für seriöse Arbeit und hervorragende Werke bekannt sind, ist dem Polemiker-Trio egal. Ihm verdanken sich halt hohe Preise allein dem Marktwert prominenter Namen und entlarven somit Twombly & Co als Lieferanten von "Anlage-Berater-Kunst" (Knapp).

So einfach ist das. Und so unfair. Denn natürlich gibt es nur eine Kunst und eine Szene, zu der Zeitgeist und Markt so untrennbar gehören wie Akademien, Museen und eine Kunstkritik, die fast sakrosankt ist. Also sollte sie Unterstellungen meiden. Um das Gewicht einer Sammlung zu ermitteln, sind Hiebe unter die Gürtellinie durchaus entbehrlich.

Bildunterschrift: /