Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 36-39
Fotografie - Kunst oder Handwerk?
Von Sabine Kunz
AUSBILDUNG / Berufswunsch Fotograf - doch welche Ausbildungsstätte ist die Richtige? Viele Faktoren entscheiden über die Güte einer Schule - vorrangig bleibt, was der Student sucht. ART-Autorin stellt die wichtigsten Schulen vor
FACHHOCHSCHULEN
Fotografie gehört zu den Studiengängen Visuelle Kommunikation, Kommunikationsdesign oder Grafik-Design. Nach einem Fächer übergreifenden Grundstudium können sich Studenten im Hauptstudium intensiv dem Bildjournalismus, der Werbe-, Mode-, Porträt- oder Architekturfotografie widmen. Die Ausbildung ist fachbezogen, viele Lehrende kommen aus der Praxis. Studentennahe Betreuung in überschaubaren Gruppen gewährleisten kleinere Fachbereiche mit nur einem Professor für Fotografie: etwa Kiel mit dem Reportagefotografen Dirk Reinartz oder Würzburg mit dem Architekturfotografen Dieter Leistner.
Fachhochschule Bielefeld Lampingstraße 3, 33615 Bielefeld, Tel. 0521/1067616.
Internet: www.fh-bielefeld.de
Die Studienrichtung "Fotografie und Medien"/Studiengang Gestaltung gehört zu den wichtigsten und vielseitigsten in Deutschland. Die Schule überzeugt mit Praxisnähe, fördert eine offene Herangehensweise und den Umgang mit neuen Medien. Dekan Gottfried Jäger unterrichtet künstlerische Grundlagen der Fotografie, Martin Holzhäuser Inszenierung und Bilderfindung und Roman Bezjak Bildjournalismus. Zwei der insgesamt fünf Professorenstellen sind derzeit vakant. Als einzige deutsche Schule bietet Bielefeld das Spezialgebiet Modefotografie. Großes, kontinuierliches Engagement beweisen seit vielen Jahren Ausstellungen, Wettbewerbsteilnahmen, Publikationen und ein international beachtetes Symposion. Auch die theoretische Auseinandersetzung mit Fotografie - anders als an den meisten Fachhochschulen - kommt hier nicht zu kurz.
Fachhochschule Darmstadt Olbrichweg 10, 64287 Darmstadt, Tel. 06151/168331.
Internet: www.fh-darmstadt.de
An der ehemaligen, traditionsreichen Werkkunstschule ist der Schwerpunkt Fotodesign Teil des Studiengangs Kommunikationsdesign. Die beiden Professoren Hans Puttnies, der vorher als Fotojournalist und Creative Director tätig war, und Henner Previ als praktizierender Still-life-Fotograf fördern die Studenten entsprechend ihren kreativen Neigungen, wobei Werbefotografie einen Schwerpunkt bildet. Eine dritte Professorenstelle ist neu ausgeschrieben. In den letzten Jahren wurden erstmals auch elektronische Medien und Autorenfotografie stärker berücksichtigt.
Fachhochschule Dortmund Rheinlanddamm 203, 44139 Dortmund, Tel. 0231/9112426.
Internet: www.fh-dortmund.de
Mit der größten Bandbreite an Fächern und den meisten Lehrenden können Studenten im Fachbereich Design, Studiengang Kommunikationsdesign/Fotodesign rechnen. Sechs Professoren und fünf Dozenten stehen für die Vielfalt des Angebots. Seit Ende der sechziger Jahre unterrichten Adolf Clemens Bildjournalismus und Harald Mante freie und experimentelle Fotografie; in den neunziger Jahren wurden Heiner Schmitz für Werbefotografie, Cindy Gates für Mediengestaltung und Multimedia berufen, Caroline Dlugos für Kunstfotografie und Jörg Winde für Architekturfotografie. "Dortmund", so Cindy Gates, "favorisiert einen Weg zwischen Fachhochschulsystem und offenem Hochschulstudium."
HOCHSCHULEN/AKADEMIEN/ GESAMTHOCHSCHULEN
Als Teil der Bildenden Kunst versteht sich Fotografie an Hochschulen und Akademien: Sie ist dort - außer in Leipzig - kein eigener Studiengang und bietet keine fachbezogene Berufsausbildung. Das Studium ist offen und unverschult.
Hochschule der Künste Berlin Hardenbergstraße 33, 10587 Berlin, Tel. 030/31852294.
Internet: www.hdk-berlin.de
In der Fakultät Bildende Kunst lehren zwei Professoren, die in ihren eigenen künstlerischen Projekten intensiv fotografisch arbeiten: Katharina Sieverding (Freie Kunst) und Dieter Appelt (Experimentelle Fotografie). Beide Klassen gehören mit bis zu 40 Studenten zu den wichtigsten und am stärksten besuchten an der Hochschule. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit Freier Kunst - auch wenn sich die Hochschule im Bereich Fotografie, Film und Video besonders engagiert. Außerdem gibt es eine Gastprofessur für Kunsttheorie mit dem Schwerpunkt Fotografie.
Hochschule für bildende Künste Hamburg
Lerchenfeld 2, 22081 Hamburg, Tel. 040/428320.
Internet: www.kunsthochschule.uni-hamburg.de
Fotografie wird sowohl im Bereich Visuelle Kommunikation als auch in der Freien Kunst gelehrt. Bernhard Johannes Blume, selbst ein erfolgreicher Foto-Künstler, unterrichtet in beiden Sparten. Dennoch stellt Blume Fotografie nicht in den Vordergrund, sondern lässt den Studenten Raum für eine Auseinandersetzung mit der eigenen Individualität und die Erprobung dafür geeigneter Materialien und Medien. Im Bereich Visuelle Kommunikation gibt es zwei Professorenstellen für Fotografie, besetzt mit Silke Grossmann und Wilhelm Körner. Beide Studiengänge gelten im Vergleich zu anderen Hochschulen als sehr frei.
Hochschule für Bildende Künste Braunschweig Johannes-Selenka-Platz 1, 38118 Braunschweig, Tel. 0531/3919122.
Internet: www.hbk-bs.de
Fotografie wird sowohl im Bereich Kommunikationsdesign als auch in der Freien Kunst unterrichtet. Im Design können die Studenten bei Professor Michael Ruetz, der als Bildjournalist tätig ist, innerhalb der Projekte überwiegend fotografisch arbeiten. In der Freien Kunst hat die Klasse für Fotografie von Dörte Eißfeldt großen Zulauf. Auch wenn hier Fotografie im Mittelpunkt steht, arbeiten die Studenten selten rein fotografisch, sondern verbinden Fotografie mit Installationen, Performances oder Künstlerbüchern. In Braunschweig können Studenten zwei Klassen parallel besuchen, etwa Fotografie bei Eißfeld und Raumkonzepte bei Marina Abramovic.
Kunstakademie Düsseldorf Eiskellerstraße 1, 40213 Düsseldorf, Tel. 0211/13960
Viele Absolventen aus der Foto-Klasse des ehemaligen Professors Bernd Becher (1996 emeritiert) sind heute als Künstler international erfolgreich - das stärkte den Ruf der Akademie. Einer von ihnen, Thomas Ruff, hat nun die Nachfolge Bechers angetreten. Seit Frühjahr leitet er die Fotoklasse mit etwa 15 Studenten. Tendenz steigend. Den Lehrstuhl für Video, Film und Multimedia besetzt Vadim Glowna. Anders als etwa in Braunschweig entscheiden sich die Düsseldorfer Studenten nach einem Jahr Orientierungsphase für eine einzige Klasse.
Universität Gesamthochschule Essen Universitätsstraße 12, 45141 Essen, Tel. 0201/1830.
Internet: www.uni-essen.de
Ihr internationales Renomee verdankt die Folkwangschule Otto Steinert. Heute gehört Fotografie zum Studiengang Kommunikationsdesign. Vier der insgesamt fünf Professorenstellen sind besetzt. Für die künstlerische Fotografie ist der Hamburger Künstler Bernhard Prinz zuständig. Studenten können im Hauptstudium auch auf Theorie und Geschichte der Fotografie ihren Schwerpunkt legen. Für dieses Fach gibt es hier erstmals einen Lehrstuhl.
Gesamthochschule Kassel, Universität
Menzelstraße 13-15, 34121 Kassel, Tel. 0561/805331. Internet: www.khs.uni-kassel.de
Fotografie ist Schwerpunkt im Bereich Visuelle Kommunikation und stark künstlerisch ausgerichtet. Ziel der Ausbildung sind weder Fotodesigner noch Bildjournalisten, sondern Künstler. Die Studenten haben die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen. Floris M. Neusüss lehrt Fotografie als Part der Bildenden Kunst, Rolf Lobeck ist für Video, Malerei und Neue Medien zuständig und Klaus Honnef lehrt als Honorarprofessor in unregelmäßigen Abständen Theorie der Fotografie.
Kunsthochschule für Medien Köln Peter-Welter-Platz 2, 50676 Köln, Tel. 0221/201890.
Internet: www.khm.de
Gerade zehn Jahre alt ist die Kunsthochschule, die sich auf technische Medien spezialisiert hat. Im Studiengang "Audiovisuelle Medien" unterrichtet der international angesehene Künstler Jürgen Klauke seit 1993 künstlerische Fotografie. Da die Ausstattung in Köln vom Feinsten ist, können die Studenten Fotografie sehr gut mit Video, Holografie oder Computeranimationen verbinden.
Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig Wächterstraße 11, 04107 Leipzig, Tel. 0341/21350.
Internet: www.hgb-leipzig.de
Das breiteste Ausbildungsspektrum bietet Leipzig. Einzigartig sind die sechs Lehrstühle für Fotografie. Das garantiert Spezialisierungen: vom Bildjournalismus (Timm Rautert, Helfried Strauß), über Architektur- und Industriefotografie bis zum erweiterten künstlerischen Umgang mit Fotografie (Astrid Klein, Joachim Jansong). Zusätzlich wurde der Fachbereich Medienkunst neu eingerichtet. Nach einer sorgfältigen Grundausbildung - im Gegensatz zu etlichen Kunsthochschulen im Westen - können die Studenten im Hauptstudium zwischen fünf Fotoklassen wählen. Auch die räumlichen und technischen Arbeitsbedingungen sind hervorragend. Entsprechend ist die Fotografie mit insgesamt 150 Studenten, etwa 15 werden pro Jahrgang zugelassen, die bestbesuchte Disziplin an der Hochschule.
Hochschule der Bildenden Künste Saar Keplerstraße 3-5, 66117 Saarbrücken, Tel. 0681/92652-0.
Internet: www.hbks.uni-sb.de
Ziel der 1989 gegründeten Schule ist es, Freie Kunst und Design stärker miteinander zu verbinden. In der Medienklasse/ Fachbereich Freie Kunst unterrichtet die Künstlerin Ulrike Rosenbach. Für die Professorin zählt Fotografie neben Video und Performance zum wichtigsten Ausdrucksmittel. Ein Gastprofessor betreut den Bereich der Computeranimation.
FACHAKADEMIEN/ BERUFSFACHSCHULEN
In einem verschulten Rahmen bemühen sich Fachakademien um viel Praxisnähe und handwerkliche Fertigkeiten. Die dreijährige Ausbildung führt zum Abschluss "Staatlich geprüfter Foto-Designer".
Staatliche Fachakademie für Fotodesign München Clemensstraße 33, 80803 München, Tel. 089/347673
Die bereits 1900 gegründete Fotoschule bietet 27 Studenten pro Jahrgang eine breitgefächerte Grundausbildung mit monatlichen Themenstellungen. Im letzten Jahr belegen die Schüler drei Wahlpflichtfächer aus den Bereichen Bildjournalismus, Werbung, Mode-, Architektur- oder Porträtfotografie. Relativ viele Absolventen arbeiten später in der Werbung, manche entscheiden sich anschließend zu einem Studium an einer Hochschule. Das können die Studenten demnächst im gleichen Hause absolvieren, denn die Schule strebt den Fachhochschulstatus an.
Lette Verein Berlin
Berufsfachschule für Fotografie, Grafik und Mode, Viktoria-Luise-Platz 6, 10777 Berlin,
Tel. 030/219940.
Internet: www.b.shuttle.de/b/lette-tbf/fgm.
Die Tradition der Schule reicht zurück bis 1872. Während in den ersten beiden Jahren fotografisches Handwerk unterrichtet wird, haben die jeweils 28 Schüler im dritten Jahr bedeutend mehr Freiraum, um vor allem die künstlerischen Möglichkeiten der Fotografie zu erproben. In eigenen Projekten können sie sowohl mit konventioneller als auch mit digitaler Fotografie experimentieren. Die Mehrzahl der Absolventen macht sich selbständig - ob im Bildjournalismus, der Werbung-, Architektur- oder Porträtfotografie. Obwohl der Verein als Stiftung vom Land Berlin getragen wird, sind 1200 Mark Gebühren pro Schuljahr zu entrichten.
PRIVATE SCHULEN
Basisarbeit - kompakt und in relativ kurzer Zeit - leisten private Schulen, die nur teilweise staatlich anerkannt sind. Kleine Klassen und ein fester Unterrichtsrahmen garantieren lernintensive Stundenpläne. Teuer sind die Studiengebühren mit bis zu 1000 Mark im Monat, hinzu kommen häufig Kosten für Aufnahme und Prüfungen sowie die Leihgebühr für eine Mittelformatkamera.
Adolf Lazi Akademie Akademie für audiovisuelle Medien und Kommunikation, Schlösslesweg 48-50, 73732 Esslingen am Neckar, Tel. 0711/9378380.
Internet: www.lazi.de
Zwei Jahre dauert die Ausbildung zum Foto-Designer an der 1950 von Adolf Lazi gegründeten Schule. Berufsziel ist der selbständige Fotograf, der in der Regel im Studio arbeitet - und zwar in den kommerziellen Bereichen Werbung, Mode oder Beauty. Nicht behandelt werden Bildjournalismus, Porträt oder Fotografie als subjektive Ausdrucksmittel.
APH Akademie für Photographie Hamburg e. V. Langenfelder Straße 93, 22769 Hamburg, Tel. 040/357416
Die 1985 mit Mitteln der Hansestadt gegründete Schule ist eine Alternative zu den rar gewordenen Lehrstellen im Fotografenhandwerk. Die insgesamt zweieinhalbjährige Ausbildung für etwa 20 Kursteilnehmer ist breitgefächert. Sie kombiniert einen gebührenpflichtigen 13-monatigen Unterricht mit eineinhalbjährigen Praktika in verschiedenen Betrieben oder bei Fotografen.
Privatschule für Fotodesign Christoph Eberbach GmbH Pforzheim Stolzestraße 3-5, 75175 Pforzheim, Tel. 07231/64949. Internet: www.fotodesignschule.de
An der 1987 gegründeten Privatschule bildet das Ehepaar Christoph Eberbach (Fotodesigner) und Petra Eberbach (Grafikerin) in zweijähriger Ausbildung zum Foto-Design-Assistenten aus. Die bis zu 16 Studenten erhalten eine solide handwerkliche Basis mit Schwerpunkt Werbe- und Industriefotografie.
Weiterführende Literatur: Fotografiestudium in Deutschland, Hrsg. Deutsche Gesellschaft für Photographie e.V. (DGPh), 256 Seiten, Köln 1993. Zu bestellen gegen Voreinsendung von 20 Mark bei der DGPh, Overstolzenhaus/Rheingasse 8-12, 50676 Köln, Tel. 0221/ 9232069. Weitergehende Fragen beantwortet die Sektion Photopädagogik in der DGPh, erreichbar über die Geschäftsstelle. Publikationen neueren Datums: "Foto-Designer/ Foto-Designerin", Blätter zur Berufskunde, Hrsg. Bundesanstalt für Arbeit, W. Bertelsmann Verlag, Postfach 100633, 33506 Bielefeld, 1999. "European Photography Guide Nr. 6", 1997, European Photography Verlag, Postfach 3034, 37020 Göttingen.
Bildunterschrift: In Braunschweig bildet Professorin Dörte Eißfeldt Fotografen zu Künstlern aus / Die Fachhochschule Dortmund bietet ihren Studenten die größte Fächerbandbreite / Leipzig: älteste Fotoakademie Deutschlands / Einzigartig In Leipzig: sechs Lehrstühle für Fotografie. Von links: Timm Rautert, Joachim Jansong, Tina Bara, Helfried Strauß, Joachim Brohm (Astrid Klein fehlt auf diesem Bild) /
