Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 40-47

"Meine Sammlung ist erstrangig - sie zu besitzen, zweitrangig"

Von Johannes Jeltsch

DER SAMMLER BERND F. KÜNNE / Im Laufe der letzten Jahre hat der Planungsingenieur Bernd Künne eine herausragende Sammlung zeitgenössischer Fotografie zusammengetragen, aus der sich die Ausstellungsmacher großer Museen zunehmend bedienen

Als Bernd Künne auf seinen Reisen Feld und Flur nicht mehr als schöne Natur, sondern nur noch als Bild des Fotografen Heinrich Riebesehl wahrnahm, wusste er sich auf dem richtigen Weg. Aus dem bis dahin eher tastenden Versuch, Fotografien zu sammeln, wurde ein Lebenszweck. Das war vor gut fünf Jahren. "Zu spät", bedauert Künne, und klagt, dass ihm nicht mehr genügend Zeit bleibt, alle die Fotos zu sehen, geschweige denn zu erwerben, die er für sammlungswürdig hält. Und das sind, auch bei einem auf ein höchst anspruchsvolles Programm orientierten Sammler, "doch leider noch sehr viele".

Dabei hat der heute 55-jährige seine Zeit keineswegs verplempert, sondern Karriere gemacht. Der studierte Ingenieur erarbeitet städtebauliche Konzepte, entwirft Straßen, Plätze und Grünanlagen, berät öffentliche und private Investoren bei größeren Baumaßnahmen, und das alles äußerst erfolgreich. Das Unternehmen beschäftigt in Hannover und Bremen rund 60 Mitarbeiter, die Auftragsbücher sind so voll wie sein Terminkalender. Bernd Künne ist ein gefragter Mann.

Doch der mittlerweile ergraute Stadtplaner wusste früh, dass das nicht alles sein konnte. Künne, erst aus Neigung, dann aus Erfahrung durch und durch ein Ästhet, wäre lieber Architekt als Ingenieur geworden. Als sich dieser Wunsch nicht erfüllte, suchte er nach Kompensationsmöglichkeiten. Kunst zu sammeln, schien ihm der geeignete Weg, den täglichen Kampf um Raumordnung, Statik und DIN-Normen innerlich unbeschädigt zu überstehen.

Seine erste Anschaffung, ein großformatiges Grützke-Gemälde, kostete 15000 Mark. Weil er die zu der Zeit nicht übrig hatte, der Wunsch nach dem Bild aber übermächtig war, verkaufte er sein Auto. Im Lauf der Jahre ging's mit der jungen Firma aufwärts und mit der Kunstsammlung auch. Rund 60 Bilder, Grafiken, Plastiken - darunter Arbeiten von Horst Antes, Per Kirkeby und Richard Hamilton - gefielen ihm und wurden gekauft. Doch trotz der wesentlich besseren Finanzlage, die der wachsende Erfolg der Firma mit sich brachte, stand die Lust auf immer mehr und bessere Kunst in keinem verantwortbaren Verhältnis zu Künnes Kontenstand.

Aus diesem Dilemma befreite ihn der Zufall. Als er für die leeren Wände seines neuen Büros Bilder suchte, wurde er in der schon früh auf Fotografie spezialisierten Hannoverschen Galerie "Spectrum" fündig. Fotos hatte der ambitionierte Bildersammler zwar schon immer für gleichwertige Kunst gehalten, hier aber stieß er nun erstmals auf Arbeiten, "die mich elektrisierten", auf Fotografien von Heinrich Riebesehl. 24 von dessen "Agrarlandschaften" erwarb Künne und hatte damit - zunächst unbewusst - zugleich das Programm vorgegeben, das seine Sammlung bis heute bestimmt und ihr so außerordentlichen Rang verleiht: Gegenwärtige Künstler mit zeitnahen Arbeiten sollten es sein - "die Vergangenheit interessiert mich nicht" -, möglichst Werkgruppen, um die Handschrift des Fotografen und "den langwierigen Prozess der Bearbeitung eines Projekts" zu dokumentieren und die, wenn möglich, immer nur in den besten Prints.

Mit dem Erwerb von Riebesehls streng-stillen Heimatporträts hatte Künne erstmals jene Spannung erlebt, die ihn am Umgang mit Fotos und Fotografen immer wieder aufs Neue reizt: "Es war keine Begegnung der leichten Art. Aber dann ließ mich die Faszination, die von den Bildern ausgeht, nicht mehr los." Wie im Rausch kaufte er auf dem nächst erreichbaren Kölner Kunstmarkt alles, was er kriegen konnte. Und auch von regelmäßigen Galeriebesuchen, mit denen er seine weltweiten Geschäftsreisen lustvoll akzentuierte, kam er selten ohne Neuerwerbungen zurück.

Bernd Künne lernte bei diesem rasanten Start vor allem durch übereilte Fehlkäufe. "Ich habe mich anfangs häufig von schönen Bildern verführen lassen. Meistens habe ich schon einen Tag später entdeckt, dass sie leider nur schön waren." Er korrigierte sich, indem er mehr hinsah als kaufte, das intensive Gespräch mit engagierten Galeristen - wie Wilma Tolksdorf in Hamburg oder Anne de Villepoix in Paris - suchte und seiner wachsenden Erfahrung den Vorrang vor seiner Leidenschaft einräumte.

"Das Sammeln von Bildern bekam für mich einen anderen Stellenwert. Es wurde zurückhaltender und nachdenklicher. Zweifel kamen auf, aber auch Begeisterung. Das, was die Bilder ausmacht, übertrug sich auf das eigene Denken und Handeln."

Mit dieser Haltung gab er seiner Sammlung jenen Feinschliff, der immer häufiger Kuratoren und Museen veranlasst, sich bei Bernd Künne Bilder für die eigenen Fotoschauen auszuleihen. Und auch wenn der Sammler bescheiden abwehrt, sich selbst nicht Sammler und seine Sammlung "eher klein" nennen möchte: Künnes zur Zeit 600 Arbeiten umfassende Kollektion ist mit ihrem radikalen Qualitätsanspruch für ehrgeizige Ausstellungsmacher ein wichtiger Fundus.

Eckpfeiler sind nach wie vor die Arbeiten von Heinrich Riebesehl - 60 hat er inzwischen - und von Michael Schmidt. Für ihn organisierte Künne in der Bremer Kunsthalle eine große Werkschau und produzierte auch den Katalog. "Michael Schmidt, seine Kunst, unsere Freundschaft haben mein Leben bereichert", schrieb er zur Ausstellungseröffnung. Einen weiteren Schwerpunkt der Sammlung setzen die Becher-Schüler Thomas Struth und Candida Höfer sowie die puristischen Arbeiten von Matthias Hoch. Mit denen stattet er auch den Angebotskatalog seiner Firma aus.

Fotos, wohin man schaut. Sie zieren die Künne-Anzeigen in Fachmagazinen für Ingenieure und - in regelmäßigem Wechsel - die Büros seiner Angestellten, die sich ihre Bilder selbst aussuchen können. In der lichten und weiten Penthauswohnung über Künnes hannoverschen Büro hängen stets nur Arbeiten eines Künstlers. Zur Zeit sind es Bilder von Thomas Ruff: große Schwarzweiß-Porträts, eine Serie kleiner Porträts in Farbe, eine Gruppe der "Zeitungsbilder", ein Schwarzweiß-Bild aus Ruffs Internet-Erotikon und ein großformatiges "Sternenbild".

Mittlerweile ist die Sammlung nicht nur größer geworden. Sie wird auch professioneller betreut. Bernd Künne hat dafür eine Kunststudentin engagiert, die seine Sammlung für eine CD-ROM aufarbeitet, den Leihverkehr überwacht und an einem "Katalog in progress" arbeitet. Auch räumlich tut sich einiges. Neben seinem Firmensitz will Künne sich ein neues, formal spannendes Architektenhaus bauen lassen und hat dafür einen Wettbewerb ausgeschrieben. "Es soll das schönste im Umkreis von 200 Kilometern werden."

Im Erdgeschoss ist eine Galerie geplant, in der die Sammlung, die jetzt in einem kleinen Garagenraum haust, öffentlich gemacht werden soll. Und über das, was nach ihm aus seiner Sammlung wird, macht sich Bernd Künne gemeinsam mit Thomas Weski, im Sprengel Museum Hannover für Fotografie verantwortlich, und Heinrich Riebesehl auch schon Gedanken: eine Stiftung? Integriert in die Sprengel-Bestände? Ein eigenes Museum? Doch dafür, so der bei aller Bildersucht wählerische Bernd Künne, ist die Sammlung noch nicht reif: "Mir fehlen heute noch etwa 30 wichtige Bilder." Um die zu bekommen, wäre er sogar bereit, 300 Arbeiten aus dem jetzigen Bestand zu verkaufen. Trennungsangst - zumindest bei Bildern - kennt Künne nicht: "Ich habe zwar großen Respekt vor den gesammelten Arbeiten und fühle mich für die Bilder verantwortlich, doch der Besitz selbst ist zweitrangig."

Literatur zum Thema: Michael Schmidt. Fotografien. Sammlung Bernd F. Künne. Katalog Kunsthalle Bremen, 1999.

Bildunterschrift: "Zeitgenössische Fotografie ist eine Begegnung der schweren Art." Bernd Künne vor Porträts von Thomas Ruff (Foto: Gianni Occhipinti) / "Die Auseinandersetzung mit Schmidts Fotos ist Arbeit, die Freundschaft mit ihm ein Vergnügen" - Michael Schmidt: zwei Arbeiten aus der zwischen 1989 und 1991 entstandenen Serie "Waffenruhe" / In der Zeit von 1989 bis 1994 fotografierte Michael Schmidt in Berlin seine Werkgruppen "Portraits" und "Architektur" / "Männikkö beeindruckt. Er fotografiert die Armen realistisch und lässt ihnen doch ihren Stolz" - "Cowboy, San Antonio", 1997, eine Arbeit des finnischen Fotografen Esko Männikkö aus der Serie "Mexas" - Mexiko und Texas / "Frank und Christina" fotografierte Männikkö 1996 auch in San Antonio / "Fermin, Batesville" für Mexas, 1997 / "Riebesehls Fotos haben mir geholfen, sehen zu lernen und die Schönheit des Landes zu entdecken" -Am Anfang der Sammlung Künne standen die "Agrarlandschaften" von Heinrich Riebesehl. Noch heute bilden die streng-stillen Heimatporträts einen Schwerpunkt der Kollektion / Insgesamt 36 Bilder, alle im Format 30 x 40 cm, der Werkgruppe "Agrarlandschaften" hat Bernd Künne in den letzten Jahren erworben / "Menschen auf Straßen, wie bei Levitt, tauchen in der Sammlung häufig auf, ich mag sie offensichtlich" -Eine der eher seltenen amerikanischen Arbeiten in Künnes Sammlung: "New York (girl and car)" von Helen Levitt, 1980 / Ebenfalls aus Helen Levitts Serie von Straßenbildern: "New York (boys with bubble)", 1972 /