Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 94-95
Hingefetzt, aufrührerisch, spontan
Von Hans Pietsch
AUSSTELLUNGEN IM NOVEMBER - HÖHEPUNKTE DES MONATS: INFORMATIONEN, VORSCHAU, KRITIKEN & TERMINE / London: Impression / Die National Gallery zeigt die französischen Impressionisten
"Wir haben so viele impressionistische Gemälde so oft gesehen, dass wir beinahe vergessen haben, welche künstlerischen Risiken ihre Maler eingingen", sagt Richard R. Brettell. In seiner Schau in der Londoner National Gallery will der amerikanische Kunsthistoriker den "aufrührerischen Elan" zeigen, mit dem die französischen Impressionisten im 19. Jahrhundert die trockene Pariser Akademiekunst herausforderten. So sind in London hingefetzte, skizzenähnliche Ölbilder zu sehen, voller Spontaneität und Improvisation, deren ungewohnt rasche Pinselführung von den meisten damaligen Kritikern als seicht abgetan wurde. Mehr als 60 Ölbilder hat Brettell zusammengestellt, berühmte Meisterwerke wie Claude Monets "Pappeln an der Epte" (1891) aus der Londoner Tate Gallery, aber auch unbekanntere Werke aus Privatsammlungen, die selten öffentlich zu sehen sind.
Der Überblick beginnt mit den wie Skizzen aussehenden Landschaften, Stillleben und Pariser Straßenszenen, die Edouard Manet nach 1860 malte. Dessen "Pferderennen von Longchamps" (1864) ist eines der frühesten Beispiele dieser neuen Malerei: eine Studie zum Kontrast von Statischem und Bewegtem, die Landschaft rahmt die auf den Betrachter zu rasenden Pferde ein.
Bewunderer Manets wie Claude Monet, Auguste Renoir, Alfred Sisley und Berthe Morisot, die einzige Frau unter den zehn ausgestellten Malern, experimentierten in den folgenden Jahrzehnten mit immer neuen Techniken, um den Eindruck des schnellen Skizzierens auf das Ölbild zu übertragen.
Wie subjektiv dadurch die Kunst wird, zeigt die erstmalige Gegenüberstellung zweier Werke, die zur gleichen Zeit und am gleichen Ort entstanden: Renoirs "La Grenouillere" und Monets "Bad La Grenouillere". Die beiden Freunde und Rivalen stellten im Sommer 1869 vor der gleichnamigen Badestelle an der Seine ihre Staffeleien nebeneinander auf und hielten fest, was sie sahen. Monets tanzende Pinselstriche zaubern Lichtspiele auf das Wasser, Renoirs flüssiger Pinselstrich umschmeichelt die Figuren. Zwei Künstler, zwei Arten der Wahrnehmung und Wiedergabe.
Neue wissenschaftliche Untersuchungen der meisten ausgestellten Werke bestätigten, dass jedoch nicht alle Bilder im Schnellgang entstanden. Auch wenn zum Beispiel die einzelnen Arbeitsgänge nur wenige Stunden auseinanderlagen, trocknete in der Zwischenzeit die gerade aufgetragene Farbe - die Bilder erscheinen also spontaner gemalt, als sie wirklich sind.
Das Schlusswort der Ausstellung kommt von Vincent van Gogh, dem einzigen Neoimpressionisten der Schau. Als der Holländer 1886 in Paris eintraf, sog er die Lehren der experimentierfreudigen und farbenfrohen Impressionisten in sich auf. Eine kleine Gruppe von Arbeiten aus seinen letzten Lebensjahren zeigt, wie er deren Malerei weiterführt, mit Pinselstrichen, die in ihrer schnellen Abfolge wie automatisch auf die Leinwand gesetzt werden.
"Impression. Schnell gemalt in Frankreich 1860-1890" läuft vom 1. November bis zum 28. Januar 2001. Nächste Stationen sind das Van Gogh Museum in Amsterdam und das Clark Art Institute in Williamstown, Massachusets.
Bildunterschrift: Eine Frage der Wahrnehmung: "La Grenouillere" (1869) von Auguste Renoir / Gleiches Motiv, anderer Rhythmus: "Bad La Grenouillere" (1869) von Monet / Herausforderung der bedächtigen Akademiekunst der alten Schule: "Das Begräbnis", (1870, oben) von Edouard Manet und "Das schwarze Mieder" (1878) von Berthe Morisot /
