Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 70-78

Realität ist eine Fiktion

Von Silke Mller Martin Tschechne

Ob am Computer gebaute Wirklichkeit oder mit der Kamera dokumentierte Fundstücke: Junge Künstler lehnen sich gegen das Realitätskonzept der Fotografie auf. Silke Müller stellt fünf aktuelle Positionen vor

MITRA TABRIZIAN

"Die Katastrophe zu prophezeien, ist unglaublich banal. Der originellere Zug ist es, davon auszugehen, dass sie sich längst ereignet hat." Mitra Tabrizian, 42, zitiert den Cheftheoretiker aller postmodernen Untergangstheorien, Jean Baudrillard. Und ihre an Filmszenen erinnernden Totalsimulationen wirken wie ein Beweis für die Horrorvision. Makellose Durchschnittsmenschen bewegen sich in einer schönen neuen Welt. Aber etwas stimmt nicht: Der strahlende Familienvater jagt sich eine Kugel durch den Kopf. Die modisch uniformierten Angestellten stolzieren autistisch durch ihre gestylte Firmenwelt. Und an der Tankstelle erleben wir die Sekunde vor dem Inferno. "Replikanten" und "Klone" nennt die im Iran geborene Künstlerin jene Wesen, die ihre Serie "Beyond the limits" bevölkern. "Gewinnmaximierung um jeden Preis, der Druck, in einer unsicheren Berufswelt zu funktionieren und die Fetischisierung der Jugend", beschreibt Tabrizian den Themenhorizont ihrer Bilder. Für deren Realisierung arbeitet die Künstlerin mit einem ganzen Stab von Schauspielern, Kameraleuten, Stylisten und den Digital-Künstlern der Gruppe "Metro Imaging".

PETER RIEDLINGER

Straßen werden umbenannt. Häuser abgerissen. Symbole zerstört. Spuren getilgt. Nicht, dass früher alles besser war. Aber da war doch was: die DDR. Peter Riedlinger, 1966 im Schwarzwald geboren, durchkämmte während seines Studienjahrs an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig die sächsische Metropole nach Fragmenten ihrer jüngeren Geschichte. Entstanden ist eine 100-teilige Fotoserie, dokumentiert im Künstlerbuch "Hero City/Heldenstadt" (Triton Verlag, Wien, 48 Mark, Vorzugsausgabe mit C-Print 300 Mark). Mit unaufgeregtem Blick registriert Riedlinger, was nicht in die glatte neue Einheitswelt passen will: abgeblätterte Fassaden, graue Wohnblocks, verlassene Fabriketagen. Aber auch die Orte, an denen der Osten sich fein gemacht hatte: Interieurs im Opernhaus, eine Reliefplastik, einen Palast auf dem alten Messegelände.

Stille Momente und sekundäre Objekte bestimmen die Serie - ein Prinzip, das sich in seiner neuen Arbeit fortsetzt: Unter dem Titel "us/them" beobachtet er den Alltag von jungen Palästinensern. Riedlinger bewegt sich in der Tradition des dokumentarischen, die Wirklichkeit beschreibenden Fotografierens. Doch den Bildern sind Zweifel anzumerken: Realität ist mehr, als das Medium in seinen zwei Dimensionen zu fassen vermag.

YINKA SHONIBARE

Ein Dandy ist überall auf der Welt ein Dandy. Das gerade macht ihn aus. Eine Frage der Rasse? Eher eine der Klasse. Yinka Shonibare, 1962 in London geboren, aufgewachsen in Nigeria und seit dem Studium wieder in der englischen Metropole, macht sich einen Spaß aus dem Umgang mit diesen heiklen Themen. Hochmütig posiert er in seiner fünfteiligen Fotoserie "Tagebuch eines viktorianischen Dandys" (1998) zwischen aufgerüschten Pläsierdamen und stutzerhaften Aristokraten. Im Stil lebender Bilder inszeniert Shonibare seine detailverliebten Szenen und nutzt Fotografie als pseudodokumentarisches Instrument. Die Kamera ist der Zauberkasten, der Fantasien sichtbar - und damit wahr - macht. Die Fragen nach den eigenen Wurzeln, der kulturellen Identität und der Existenz als Zugehöriger einer Minderheit im weißen England baut Shonibare spielend und mit Humor in sein Werk ein. Und dass er sich obendrein noch auf historischen Pfaden bewegt, bescheinigt ihm der angesehene nigerianische Kritiker und Künstler Olu Oguibe: "Seine aristokratischen Schauplätze gehören genauso zum viktorianischen England wie zum viktorianischen Lagos, die, wie Überlieferungen bestätigen, sich nicht im geringsten voneinander unterschieden."

BIANCA HOBUSCH

Der Raum kippt aus dem Lot. Der schöne Schein - Kronleuchter, die rote Tapete, Goldrahmen - gerät in Schräglage. Die Bilder der in Hamburg lebenden Bianca Hobusch, 29, sind Dokumente der Begegnung mit einer Kultur, deren Kraft und Größe Schwindel erregen. Mit Botticelli und der Antike, mit italienischer Renaissance und dem Zauber des Orients. Unbefangen und wissend zugleich, analytisch und doch voller Emotion.

Wie in einem Film nähert sich die Schülerin des in Hamburg lehrenden Konzeptkünstlers Franz Erhard Walther ihren Sujets: Der Blick gleitet. Er dreht sich, bleibt an einem Detail haften, erfasst eine Komposition und wandert weiter. Die Resultate solcher Exkursionen in den Erlebnisraum von Museen und Moscheen, von Kirchen, Salons und Basaren, sind Fotografien voller Stille und üppigem Glanz, die Bianca Hobusch wie in ihrem "West-östlichen Salon" im vergangenen Frühjahr in der Lüneburger "halle_für_kunst" mit wenigen Requisiten - einem roten Teppich, einer türkisfarbenen Wandbemalung - zu Installationen arrangiert, zum Konzept einer Verführung. "Der sachliche Blick", sagt die Künstlerin, "interessiert mich nicht." Martin Tschechne

ANNEe OLOFSSON

Wer hat Angst vor seinem eigenen Schatten? Ist der Mann an der Straßenecke nicht schon vorhin im Supermarkt hinter einem Regal verschwunden? Manchmal ist das Leben kompliziert. Vor allem, wenn man das Gefühl hat, dass man mit seinem Wahrnehmungen ganz allein dasteht. Annee Olofsson liebt die geisterhaften Dinge, die außer ihr niemand registriert. Emotionen, die sich wie Blöcke im Raum manifestieren; schattenhafte Wesen, die einem auf den Fersen folgen, aber nicht zu sehen sind, wenn man sich umdreht. In ihren Foto- und Videoarbeiten handelt die 1966 in Hässleholm, Schweden, geborene Künstlerin mit den unsichtbaren Begleitern unseres Lebens: Ängsten, Sehnsüchten, Träumen. Sie heuert einen Leibwächter an, der ihr Tag und Nacht zu folgen hat. Er bewacht ihren Schlaf - und es ist nicht so sicher, ob er ihn nicht eher bedroht. Die Frage nach dem, was sich hinter dem stolzen Wort "Ich" verbirgt, bestimmen die Arbeiten der in Stockholm lebenden Künstlerin: Fotografie als eine Möglichkeit, die von Zweifeln behafteten Momente, die befremdenden Erlebnisse in ein beruhigend reales Bild umzusetzen. Eine Art Zauber: Dämonen werden gebannt. Und alltägliche Momente verhext.

Bildunterschrift: Etwas ist faul in der modernen Kleinfamilie: Fotoarbeit von Mitra Tabrizian / "Die Katastrophe hat sich längst ereignet": modisch-konform gekleidete Autisten / Die Polizisten sind emotionslose Replikanten, die den Gesetzen der Willkür gehorchen: aus der Serie "Jenseits der Grenzen" / Spurensuche im neuen Deutschland - Karl-Liebknecht-Straße, Leipzig 1998: Feinkost-Werbung, fassadenfüllend / Brühl, Leipzig 1998: Fahnenmasten mit abstrakten Dekorationselementen / Die Wahrheit trägt das Kostüm einer guten Fälschung - "Tagebuch eines viktorianischen Dandys: 11 Uhr": Morgentoilette / Tagebuch, 17 Uhr: Schmeichelnde und drohende Blicke - wer gewinnt? / Tagebuch, 19 Uhr: die Stunde des Pläsiers, der geistvollen Getränke - und der unerträglichen Leichtigkeit des Reichtums / Verführerische Konzepte voller Stille und Glanz - Detailverhaftet, still und voller Emotion: "Ohne Titel, Damaskus", 2000 / Wie ein Bild aus einem diffusen / Traum: "Grab Johannes des Täufers, Damaskus", 2000 / "Der sachliche Blick interessiert mich nicht": "Roter Salon, Rom", 1999 / Kulturen von Schwindel erregender Kraft und Größe: "Amazone, Rom", 1999 / Ein verwirrendes Versteckspiel mit den Dämonen des Alltags - Die Flucht aufs Sofa: reale Bilder von befremdlichen Erlebnissen, 2000 / Zu Hause: Foto aus der achtteiligen Serie "Gott segne die Abwesenden" / Was, wenn man eines Tages mit den Farben des Teppichs verschmilzt? Annee Olofsson sucht das Unsagbare im Alltäglichen /