Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 100-101
Wie das Knirschen der Lava
Von Gerhard Mack
AUSSTELLUNGEN IM NOVEMBER - HÖHEPUNKTE DES MONATS: INFORMATIONEN, VORSCHAU, KRITIKEN & TERMINE / Kassel: Silvia Bächli / Der Kasseler Kunstverein zeigt neue Arbeiten der Zeichnerin
Sie wollte schon als Kind nach Island reisen, erzählt Silvia Bächli. Im Sommer letzten Jahres hat die Professorin an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe ein Freisemester genutzt, um sich den alten Traum zu erfüllen. Drei Monate lebte sie in Reykjavik. Was die Schweizer Zeichnerin in dieser Zeit zu Papier brachte, unterscheidet sich von ihrem gewohnten Werk. Landschaftliche Elemente dominieren. Nicht im naturalistischen Sinn, sondern als Erinnerungen an Eindrücke und Erfahrungen. Etwa an das Knirschen der Lava unter den Schuhen oder an die Widerstände, die der Fuß spürt, wenn er im Moos Halt sucht.
Da wächst dann aus abgebrochenen Zähnen am unteren Rand des Papierblatts eine Linie empor, die sich schwankend nach oben richtet und stehen bleibt, als hätte sie mit einigem Glück ihre Balance noch gefunden. Eine Auswahl dieser Island-Zeichnungen setzt einen konzentrierten Schlusspunkt zu der Ausstellung, die Silvia Bächli im Kasseler Kunstverein eingerichtet hat. Die Blätter ziehen eine Horizontlinie durch den Raum.
Dieses installative Element ist der 1956 geborenen, in Basel und Paris lebenden Künstlerin seit langem wichtig. Ihr Medium ist von Anfang an die Zeichnung, sie nutzt die intime Form künstlerischen Denkens zu einer Strukturierung des öffentlichen Ausstellungsraums.
Dennoch entstehen ihre Arbeiten, in der Regel Gouachen, jede für sich. Einzelne Themen wie die Blumen, die auf großformatigen filigranen Blättern ebenfalls in Kassel zu sehen sind, überwiegen. Dazwischen schieben sich Beobachtungen der aktuellen Befindlichkeit, ein eingeschlafener Fuß oder eine Saxophonmelodie aus dem Radio. Aus einem solchen Konvolut wird eine Auswahl zusammengestellt und, wie im langen Saal des Kasseler Kunstvereins, in einer Art Schwarm direkt auf der Wand befestigt.
Beim Betrachten stellt der flüchtige Blick Korrespondenzen zwischen Formen und Themen her. Er erkennt Verwandtschaften, die dem Verstand verborgen bleiben. Dabei kippen die gewöhnlichen Dinge ins Surreale, gestapelte Hemden werden zum Körper, ein Knie zum Stein. Silvia Bächli zeigt Momente, in denen Wahrnehmung und Erinnerung sich verbinden.
Die gleitenden Bezüge sind in Kassel auch mit Fotografien inszeniert, die Silvia Bächli über Jahre aus Zeitungen geschnitten oder selbst gemacht hat und nun auf Tischen auslegt. Da lässt etwa das Bild eines abgeholzten Waldhügels in China an eine Kopfhaut mit wenigen Haaren denken. In zufälligen Verbindungen entsteht so eine Formensprache, die sich nur dem Schauen verdankt und auf rationale Begründungen verzichtet.
"Silvia Bächli. Zeichnungen" ist vom 21. Oktober bis zum 3. Dezember zu sehen. Es erscheint ein Leporello.
Bildunterschrift: Eine Linie, die ihre Balance noch nicht gefunden hat: "Ohne Titel", 1999 / Die freundliche Sonne des Kindertraums vom Norden: "Ohne Titel", 2000 / "Ohne Titel", 2000, ist karg wie die isländische Landschaft. Ihre Bilder ordnet Silvia Bächli in ihren Ausstellungen zu eigenwilligen Rauminstallationen /
