Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 105
Gemeinsam einsam
Von Gerhard Mack
AUSSTELLUNGEN IM NOVEMBER - HÖHEPUNKTE DES MONATS: INFORMATIONEN, VORSCHAU, KRITIKEN & TERMINE / Winterthur: Hybrid
Die Köpfe sind zur Seite gedreht, die Arme angewinkelt, die Beine übereinandergeschlagen. Die Zürcher Fotografin Katrin Freisager, 40, hat vier weibliche und zwei männliche Models auf eine weiße, genoppte Unterlage drapiert und als siebenteiligen Fries von hoch oben fotografiert. Die makellosen Körper erinnern von Ferne an antike Mäander oder an die floralen Ornamente des Jugendstils. Kein Model scheint vom andern zu wissen, selbst wenn die Hand fast den Kopf oder den Fuß des nächsten berührt.
Die Arbeit "Lebende Puppen" ist der wichtigste Beitrag einer Ausstellung, mit der Museumsdirektor Urs Stahel auf die aktuelle Konjunktur des Sampling, Cross over und anderer Misch-Techniken reagiert. Ihr Titel: "Hybrid". Der Begriff bezeichnet ursprünglich das Kreuzen von Fruchtpflanzen. Karriere gemacht hat er als Bezeichnung für alle angestrebten und zufälligen Vermischungen von Gattungen, Kunstformen und Kulturen. Das Hybride ist Menschenwerk, die Beherrschung der Natur, Künstlichkeit pur. Das kommt in Freisagers Zyklus ebenso zum Ausdruck wie die altmodische Sehnsucht Dornröschens nach dem Prinzen, der sie aus der abgeschlossenen Welt befreit.
In den anderen Beiträgen verliert der Begriff seine Trennschärfe. Sie betonen in verschiedener Weise, dass der künstlerische Blick schon immer Gegensätze festgehalten hat. Alle zehren dabei von der Spannung zwischen dem Bild, das sie zeigen, und der Geschichte, die sie offen lassen. Jörg Sasse montiert Landschaften, deren Perspektiven nicht stimmen. Bei Annika von Hausswolff können keine zwei Stühle im Raum stehen, ohne ein Drama anzudeuten.
Einzig Hans Hemmert entwirft eine eigene Welt: Er bläst gelbe Latexballons in Innenräumen auf und lässt sich in ihnen fotografieren. Da gibt es keine Vermischung mehr. Die Alternative zum Hybriden ist die Isolation. Diese neue Welt ist hell, friedlich und führt zum Ersticken.
Die Ausstellung ist bis zum 29. Oktober im Fotomuseum Winterthur zu sehen. Der Katalog (Christoph Merian Verlag, Basel) kostet 39 Franken.
Bildunterschrift: Arrangiert wie ein Ornament: Katrin Freisager lässt ihre Models als "Lebende Puppen" (2000) posieren /
