Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 98-99
An der Kante des Spiegels
Von Sabine Kunz
AUSSTELLUNGEN IM NOVEMBER - HÖHEPUNKTE DES MONATS: INFORMATIONEN, VORSCHAU, KRITIKEN & TERMINE / Turin: Mirror's Edge / Der neue documenta-Chef Okwui Enwezor präsentiert eine Auswahl zeitgenössischer Künstler im Castello di Rivoli
"Das Sehen kommt vor den Wörtern", schreibt der Schriftsteller John Berger. Diese Aufforderung, sich wie ein Kind mit allen Sinnen auf die Kunst einzulassen, richtet Okwui Enwezor im Katalog an die Besucher der Ausstellung "Mirror's Edge". Vor aller Theorie, so das Credo des in Nigeria geborenen und in New York lebenden Kurators, steht die Erfahrung mit der Kunst. Insgesamt 26 Arbeiten von zeitgenössisschen Künstlern aus Europa, aus den USA und aus Afrika hat der Leiter der nächsten documenta ausgewählt. Die Ausstellung wird in der Kunstszene besonders aufmerksam beachtet - vielleicht lässt sie ja den einen oder anderen Ausblick auf Kassel im Jahr 2002 zu.
Der Titel "Mirror's Edge", Spiegelkante, meint den scharfen Übergang zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen Betrachter und Bildraum - ein schier grenzenloses Terrain. Welches Kunstwerk, so fragt man sich, passt nicht in dieses Konzept? Die Stärke der Schau ist denn auch weniger das dehnbare theoretische Korsett als vielmehr die sensible Zusammenstellung der Bilder, Videos, Fotografien, Zeichnungen, Töne und Installationen.
So stehen Thomas Struths farbige Fotografien von belebten Museumsräumen im scharfen Kontrast zu Hiroshi Sugimotos schwarzweißen Abzügen von menschenleeren Kinosälen. Ganz anders Thomas Demands Fotografien von Hecken, Fenstern oder Rasenstücken: In diesen künstlich wirkenden Bildern von realitätsgetreu gebauten Modellen existieren weder Zeit noch Raum. Eine engagierte Auswahl traf Enwezor bei seinem Lieblingsthema Urbanität: Der in Kinshasa (Demokratische Republik Kongo) lebende Bodys Isek Kingelez baut Städte aus Pappe, für Enwezor Metaphern einer "fehlgeschlagenen Architektur". Der Kubaner Carlos Garaicoa dagegen porträtiert einen Häftling mit tristem Hochhaus-Tattoo auf dem Arm.
So viel Beobachtungsgabe gefällt dem neuen documenta-Chef. Er setzt ganz auf Künstler, die "die Welt wieder als Material begreifen und nicht als virtuellen Raum".
Zur Turiner Ausstellung (bis 14. Januar 2001gibt es einen 184 Seiten starken Katalog. Nächste Station: Tramway, Glasgow, vom 2. März bis zum 15. April 2001.
Bildunterschrift: "Fehlgeschlagene Architektur": "Phantomstadt" von Bodys Isek Kingelez, 1995 / Ohne Hoffnung: "Wenn der Sehnsucht nichts gleicht" (1996) von Garaicoa /
