Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 99

Das neue Spektrum der Farben

Von Kerstin Schweighfer

AUSSTELLUNGEN IM NOVEMBER - HÖHEPUNKTE DES MONATS: INFORMATIONEN, VORSCHAU, KRITIKEN & TERMINE / Amsterdam: Licht! / Nachtstücke, Tageslichtstudien und Kunstlicht-Interieurs im Van Gogh Museum

Für Rembrandt waren Überstunden noch ein Fremdwort: Er malte in seinem Atelier bei Nordlicht bis Sonnenuntergang. Dann war Feierabend, denn einzige Ersatzlichtquelle waren Kerzen. 200 Jahre später stand es seinen Kollegen frei, rund um die Uhr zu arbeiten: Sie hatten die Qual der Wahl zwischen Öl- und Petroleumlampen, Gasbeleuchtung, elektrischen Bogenlampen und schließlich auch Glühbirnen.

Mit der interdisziplinären Ausstellung "Licht!" geht das Amsterdamer Van Gogh Museum erstmals auf die revolutionären Veränderungen ein, die die Entwicklung des Kunstlichts zwischen 1750 und 1900 in Gesellschaft und Kunst auslöste. Gezeigt werden rund 300 Objekte, neben Tageslichtstudien, Nachtstücken und Kunstlicht-Interieurs von John Constable, Edgar Degas oder Claude Monet auch Designerlampen von Tiffany und Galle, Prismen, seltene optische Instrumente und Spielzeuge.

Die neue Vielfalt des Kunstlichts weckte Neugierde und Experimentierfreudigkeit der Künstler. Das belegen Gemälde wie Vincent van Goghs "Sternennacht an der Rhone", das das Licht der Gaslaternen von Arles mit dem der Sterne kombiniert. Mit den Effekten des Gegenlichts beschäftigte sich van Gogh in Bildern wie "Der Sämann".

Wie Interieurs bei Kunstlicht im 19.Jahrhundert ausgesehen haben müssen, kann der Ausstellungsbesucher auf Bildern wie Adolph Menzels "Wohnzimmer mit der Schwester des Künstlers" nachvollziehen.

Der plötzliche Überfluss an Licht stürzte die Künstler aber auch in ein Dilemma. "Sie wussten nicht, für welche Lichtumgebung sie ihre Kunstwerke entwarfen", sagt Ausstellungsleiter Andreas Blühm. Als 1879 der Pariser Salon erstmalig mit elektrischem Bogenlicht ausgeleuchtet wurde, waren alle beteiligten Künstler entsetzt, da ihre Werke plötzlich ganz anders aussahen.

Jede Lichtsorte hat eben ihr eigenes Farbspektrum. Das demonstrieren die Ausstellungsmacher am Van-Gogh-Gemälde "Der Stuhl von Gauguin", das in der Schau auf unterschiedliche Weise beleuchtet wird. Bei offener Gasflamme wirkt es gelblich, bei Gaslicht mit Gasstrumpf bekommt es einen Grünstich und bei elektrischem Bogenlicht ist es kaum wiederzuerkennen. Ein Effekt, so Blühm, "den jeder kennt, der sich bei Neonlicht einen Pullover gekauft hat und hinterher auf der Straße über die Farben erschrickt".

Die Ausstellung "Licht! Das Industriezeitalter 1750-1900. Kunst und Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft" ist vom 20. Oktober bis zum 11. Februar 2001 zu sehen. Nächste Station ist das Carnegie Museum of Art in Pittsburgh (7. April bis 29. Juli 2001). Der 272 Seiten starke Katalog kostet gebunden 69,50 Gulden und als Taschenbuch 49,50 Gulden.

Bildunterschrift: Adolph Menzel: "Wohnzimmer mit der Schwester des Künstlers" von 1847 / Gegenlichteffekt: Vincent van Goghs "Der Sämann" von 1888 /