Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 104

Ein Jesuskind mit schmutzigen Nägeln

Von Kerstin Schweighfer

AUSSTELLUNGEN IM NOVEMBER - HÖHEPUNKTE DES MONATS: INFORMATIONEN, VORSCHAU, KRITIKEN & TERMINE / ART-Korrespondentin Kerstin Schweighöfer, 40, besuchte die Ausstellung "Jesus im Goldenen Zeitalter" in der Kunsthalle Rotterdam

Der kleine Jesus kräht vor Vergnügen, Vater Josef grinst von einem Ohr bis zum anderen, und auch Maria hat ihre helle Freude. Auf seiner "Rast auf der Flucht nach Ägypten" hat der Niederländer Lambert Jacobsz. die vermutlich einzige lachende Heilige Familie in der Kunstgeschichte gemalt.

Über die Qualität dieser unbekannten Arbeit aus dem Fries Museum in Leeuwarden kann man streiten, aber sie ist zweifelsohne eine Überraschung - eine von vielen, die in der Ausstellung "Jesus im Goldenen Zeitalter" zu entdecken sind. Sie wurde mit Altarbildern aus vielen Kirchen sowie Leihgaben aus internationalen Privat- und Museumskollektionen speziell für das Heilige Jahr 2000 zusammengestellt. Gezeigt werden 100 Gemälde und 150 Radierungen von flämischen und niederländischen Künstlern. Darunter sind viele unbekannte Maler, aber auch Meisterwerke von Jan Steen, Rubens, Anthonis van Dyck oder Rembrandt. Von ihm sind zudem erstmals alle 49 Jesus-Radierungen komplett zu sehen. Laut Kunsthalle ist es das erste Mal, dass das Leben Jesu in einer derartig opulenten Bilder-Sprache erzählt wird, streng chronologisch von Verkündigung bis hin zur Himmelfahrt.

"Wieder eine Jesus-Promo-Show", wird mancher spontan denken, im Hinterkopf noch die erfolgreiche Londoner Ausstellung über den Einfluss des Christentums auf die Kunstgeschichte. Zehntausende betraten dafür zum allerersten Mal die National Gallery. Auch die bescheidene Ausstellung in der Osloer Nationalgalerie im Frühsommer übertraf alle Erwartungen: Selbst das Rahmenprogramm mit Bibel-Lesungen und "Jesusworkshops" war ausgebucht. Kein Zweifel, der Mann ist in. Jesus Christ Superstar.

Doch Rotterdam ist mehr als bloß ein Abklatsch von London und Oslo: Die Ausstellungsmacher haben die Kunstgeschichte rigoros dem Lebenslauf Jesu untergeordnet und Einteilungsprinzipien wie Malschule oder Stil über den Haufen geworfen. Gleichgültig, ob Haarlemer, Amsterdamer oder Antwerpener Schule: Die Werke sind kunterbunt gemischt. Das sorgt für Spannung und Überraschungen. So hängt etwa die großformatige, pathetische "Anbetung der Hirten" des Utrechter Caravaggisten Abraham Bloemaert direkt neben einer volkstümlichen Anbetung von Benjamin Cuyp, auf der die Hirten derbe Bauerngesichter haben. Und erhabene Altarstücke wie die "Anbetung der Könige" des Flamen Jacob Jordaens, die bis jetzt völlig vergessen in einer Rotterdamer Kirche hing, prallen buchstäblich auf realistische, kleinformatige Arbeiten nordniederländischer Künstler, die nach der Abspaltung von den südlichen katholischen Niederlanden für das selbstbewusste Bürgertum zu arbeiten begannen. Zu den schönsten Beispielen zählt ein Interieurbild des Leidener Feinmalers Willem van Mieris. Er stellt die Heilige Familie als Durchschnittsfamilie in einer friedvollen niederländischen Wohnstube dar: Maria sitzt lesend am Tisch vor Brot und Käse, Josef ist im Hintergrund als Zimmermann bei der Arbeit, und auf dem Boden neben einem Hündchen spielt das Jesuskind. Einziger Hinweis auf seine Heiligkeit: Es ist dabei, sich ein Holzkreuz zu zimmern. Noch weiter geht Cornelis Cornelisz. van Haarlem: Er treibt den nordniederländischen Realismus auf die Spitze und malt Jesuskind und Maria mit schwarzen Schmutzrändern an Fuß- und Fingernägeln.

Für solche Entdeckungen allerdings muss man sich Zeit nehmen. Dann wird die Schau zu einer Reise durch das Zeitalter von Bildersturm und Unabhängigkeitskrieg. Dabei wird nicht nur die reiche Vielfalt der Kunstströmungen deutlich, die es damals in den Niederlanden gab, sondern auch der Kontrast zwischen den Künstlern im Süden und im Norden, die fortan in zwei verschiedenen Welten lebten und auch von der Kunstgeschichte rigoros getrennt werden. In der Rotterdamer Kunsthalle sind sie nun wieder unter einem Dach vereint. Das ist den Ausstellungsmachern auf ebenso anschauliche wie einfache Weise gelungen - mit Bildern, die das Leben Jesu erzählen.

Zur Ausstellung (bis 7. Januar 2001) erscheint ein Katalog zum Preis von 49,50 Gulden.

Bildunterschrift: Jesus bastelt ein Kreuz: "Heilige Familie" von Willem van Mieris / Von Rembrandt oder einem Schüler: Christus als Mensch (26 x 21 cm) /