Ausgabe: 11 / 2000
Seite: 142
Ausverkauf im Fotoarchiv
Von
Empörung über Foto-Geschäfte der "New York Times"
Ausgerechnet die ehrenwerte ,New York Times'!" William Turnage, Geschäftsführer des kalifornischen "Ansel Adams Trust", ist empört. "Der Sache müssen wir einen Riegel vorschieben." Was der oberste Hüter der Bildrechte am Werk des 1984 gestorbenen Fotografen als "Präzedenzfall mit ungeahnter Signalwirkung" bezeichnet, soll vom 16. bis 19. November auf der französischen Messe "Paris Photo" einen ersten Höhepunkt erreichen: der sukzessive Ausverkauf des Fotoarchivs der "New York Times".
Nur vereinzelt waren bis jetzt Originalabzüge aus den Beständen des renommierten Blattes veräußert worden. In Paris kommt nun ein ganzes Konvolut mit 70 "Vintage Prints" auf den Markt. Das Angebot liest sich wie ein "Who Is Who" des amerikanischen Fotojournalismus: Der legendäre Weegee (alias Arthur Fellig), Margaret Bourke-White und Dorothea Lange, dazu zwei Bilder Robert Capas und drei Landschaftsaufnahmen von Ansel Adams.
Für William Turnage ist der Fall klar: "Wir wollen die Ansel-Adams-Fotos wiederhaben. Solche Presse-Abzüge wären vom Künstler niemals für einen Sammler-Markt freigegeben worden." Auch die Rechte an den Bildern Robert Capas sind eindeutig geklärt - Eigentümer ist hier Capas Bruder Cornell. Obendrein sind die beiden angebotenen Prints aus dem Jahre 1937 auf der Rückseite deutlich mit dem Stempel der damaligen US-Agentur des Fotografen "Black Star" versehen; das Porträt einer jungen Zigeunerin von Lewis Hine (1928) ist gar mit dem Vermerk gestempelt: "Darf nicht verliehen werden."
Mit dem Verkauf scheint die "New York Times" jedoch keine Probleme zu haben: "Die Bilder gehören uns", beharrt Nancy Lee. Die Leiterin der Abteilung "Business Development" ist für die Vermarktungsaktion zuständig: "Das Material hat über Jahrzehnte hier gelagert und ist nie zurückgefordert worden." Lukrativ ist der Ausverkauf allemal - bis zu 70000 US-Dollar sollen etwa die Fotografien Dorothea Langes kosten.
Dabei ist die Pariser Messe nur der Testballon für eine langfristige Marketing-Strategie: Im Rahmen des so genannten "Vintage Program" sollen Insidern zufolge etwa 50000 weitere Fotografien allein aus dem "New York Times"-Archiv über ein handverlesenes Händlernetzwerk abgestoßen werden. "Magnum" reagierte prompt: Die berühmte Fotoagentur, will nun in einem Rundbrief an führende Blätter in Europa und den USA die Rücksendung alter Prints an ihre Mitglieder fordern.
Bildunterschrift: Dorothea Lange: "Migrant Mother" (1936) /
